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Medien Lars Eidinger: „Mir hat keiner zugetraut, einen Bösewicht zu spielen“
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09:00 03.10.2021
Der Schauspieler Lars Eidinger.
Der Schauspieler Lars Eidinger. Quelle: Michael Kappeler/dpa
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Er ist der vielleicht unheimlichste Schurke in der langen Geschichte der Krimireihe „Tatort“: Kai Korthals, gespielt von Lars Eidinger. Im neuen Kieler Fall „Tatort: Borowski und der gute Mensch“ (3.10., ARD) treibt der Serienkiller, der sich gerne mal mit den Zahnbürsten seiner Opfer die Beißer schrubbt, bereits zum dritten Mal sein Unwesen und macht Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) das Leben schwer, das erste Mal tauchte Kai Korthals 2012 in einem „Tatort“ auf.

Lars Eidinger kam 1976 in Berlin zur Welt, er zählt zu Deutschlands wichtigsten Theaterschauspielern, ist aber auch oft in Film und Fernsehen zu sehen. In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ spielte er den Dichter Bertolt Brecht, in der Serie „Babylon Berlin“ einen reichen Erben und im Roadmovie „25 km/h“ einen Geschäftsmann, der mit seinem Bruder per Mofa Deutschland bereist. Auf der Bühne machte Eidinger in Shakespeare-Rollen wie Hamlet und Richard III. Furore, zuletzt spielte er bei den Salzburger Festspielen den „Jedermann“. Der 45-Jährige ist mit einer Opernsängerin verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Die Familie lebt in Berlin.

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Herr Eidinger, Sie spielen im neuen „Tatort“ aus Kiel zum dritten Mal den Erz-Bösewicht Kai Korthals. War es von Anfang an geplant, dass der Superschurke mehrmals auftritt?

Nein, das war nie geplant. Es ist ja, glaube ich, sowieso ein absolutes Novum, dass ein Mörder in mehreren „Tatort“-Krimis auftritt. Im ersten Fall mit Kai Korthals verschwindet er am Schluss auf ungeklärte Weise – die Tür zum Krankenwagen geht auf und er ist weg. Das war als Reminiszenz an das Thriller-Genre gemeint, bei der aber nicht darauf spekuliert wurde, dass es einen zweiten oder sogar einen dritten Teil gibt.

Wie kam es zu den Fortsetzungen?

Das hat etwas mit der positiven Resonanz auf den ersten Teil zu tun. Die Figur hat einen Eindruck hinterlassen, und es hat mich auch enorm gefreut, dass der Rollenname immer wieder als Referenz fiel – bei einigen „Tatort“-Mördern hieß es dann, man fühlt sich an Kai Korthals erinnert. Man darf ja nicht vergessen, wie viele Menschen den „Tatort“ gucken. Wenn ich an der Schaubühne in Berlin „Hamlet“ spiele, dann sitzen da 500 Leute im Saal, und beim „Tatort“ sind es mehrere Millionen Menschen vor dem Bildschirm. Die Figur Kai Korthals hat viele Zuschauer beeindruckt, und deshalb wollte man die nicht einfach so liegenlassen.

Sind Sie stolz darauf, dieser Kultfigur Leben eingehaucht zu haben?

Es freut mich, ja. Ich bin ja wie alle anderen Westdeutschen meiner Generation mit dem „Tatort“ großgeworden, und bei dieser Fülle an Krimis etwas geschaffen zu haben, was bei den Leuten hängenbleibt, macht mich glücklich. Ich weiß nicht, ob ich stolz darauf bin, aber ich freue mich darüber.

Sie mussten also nicht überredet werden, ein drittes Mal als Kai Korthals in die Spur zu gehen?

Nein, wobei ich das auch von der Qualität des Drehbuchs abhängig gemacht habe. Als die Anfrage kam, ob ich prinzipiell bereit wäre, die Rolle nochmals zu spielen, habe ich erst mal ja gesagt. Ich fand das Drehbuch gut und hatte außerdem die Möglichkeit, auch meinen eigenen Anspruch geltend zu machen. Kai Korthals spielt ja im Gefängnis in einer Theatergruppe mit, und in der ursprünglichen Fassung des Drehbuchs spielt er Richard III. im gleichnamigen Shakespeare-Stück. Weil ich den an der Schaubühne aber auch spiele, war mir das zu nah dran, und deshalb habe ich Franz Moor in Schillers „Die Räuber“ vorgeschlagen – und so wurde es dann auch gemacht.

Spielen Sie gern Bösewichter?

Als ich an der Schauspielschule war, hieß es immer, dass ich nie wirklich böse Figuren spielen werde, weil ich eine viel zu sympathische und nette Ausstrahlung hätte. Damals hat mir keiner zugetraut, einen Bösewicht zu spielen, was mich tatsächlich gewurmt hat, weil die Schurken doch meist die reizvolleren Figuren sind. Mephisto ist doch viel interessanter als Faust oder der Joker interessanter als Batman. Die sogenannten Bösen sind die spannenderen Figuren, und heute werden mir vor allem diese Rollen zugeschrieben, was mich natürlich freut.

Auch beim Zuschauer kommt der Schurke ja oft erstaunlich gut an…

Stimmt, was damit zu tun hat, dass er sich als Identifikationsfigur besser eignet. Das Antiheldische des Bösen entspricht uns ja viel mehr als der klassische Held. Wir sind doch alle keine Helden. Was den Menschen zum Menschen macht, ist ja eben das Fehlerhafte. Brecht hat mal gesagt: „Das Schicksal des Menschen ist der Mensch“, und das beschreibt es eigentlich am besten.

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Als Sie Kai Korthals vor zehn Jahren zum ersten Mal gespielt haben, waren Sie schon ein bekannter Theaterschauspieler, im Fernsehen aber noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Das hat sich mittlerweile geändert – wie kommen Sie mit der Popularität zurecht?

Bis zu einem gewissen Grad hilft es mir, weil ich interessante Drehbücher angeboten bekomme, meine Arbeit macht mir einfach sehr viel Spaß. Damit geht natürlich auch ein gewisser Grad an Prominenz einher, mit dem ich mich eher schwertue – ich will eigentlich gar nicht in den Bus einsteigen und von jedem erkannt werden. Doch das Leben als öffentliche Person hat man ein Stück weit auch selber im Griff, man kann das auch steuern. Es ist ja ein Unterschied, ob ich ein Interview in Zusammenhang mit einem bestimmten Projekt gebe, oder einfach so. Und es hängt auch sehr vom jeweiligen Medium ab. Es gibt ja Schauspieler, die berühmt sind, und man weiß gar nicht so genau wofür eigentlich. Ich versuche mich immer über meine Filme zu empfehlen und nicht über mein Privatleben.

Kai Korthals macht in der Haft in einer Theatergruppe für Strafgefangene mit. Wie finden Sie solche Projekte?

Ich glaube schon, dass das Spielen von anderen Rollen oder Identitäten eine therapeutische Wirkung haben kann. Man denkt sich in andere Menschen hinein, muss gewissermaßen Empathie entwickeln, was einen als Persönlichkeit sicher weiterbringt. Aber ich kann das natürlich nur aus meiner Warte bewerten.

Hätten Sie Interesse, sich bei sowas als Schauspiellehrer ehrenamtlich zu engagieren?

Nein. Ich finde solche Projekte zwar gut, aber mein sozialer Impuls ist ehrlich gesagt nicht so stark, dass ich jetzt sagen würde, ich möchte unbedingt im Gefängnis Theater machen.

Korthals verwandelt sich auf der Bühne, er stottert plötzlich nicht mehr. Haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, sich auf der Bühne zu verwandeln?

Ich würde nie sagen, dass ich mich auf der Bühne verwandle, sondern eher, dass ich einen ganz anderen Zugang zu mir selbst finde. Ich habe den Eindruck, dass ich beim Spielen viel näher an mir bin als im Alltag. Ich spiele nie etwas mir völlig Fremdes, was ich mir von außen anschaffe, sondern spüre etwas in mir auf, was mir unbekannt ist und zu dem ich sonst keinen Zugang habe.

Das gilt auch für den Serienkiller Kai Korthals?

Für den ganz besonders (lacht).

Von Martin Weber/RND

Der Artikel "Lars Eidinger: „Mir hat keiner zugetraut, einen Bösewicht zu spielen“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.