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18:57 07.11.2014
Von Imre Grimm
Wikipedia des Wahnsinns: Dittsche-Bademantel am Elbufer in Hamburg. Das originale blau-weiß-graue-Modell gibt’s im Internet unter hamburger-bademantel.com. Quelle: oh
Hannover

Im Grunde gibt es nur einen Menschen, der etwas Ewiggültiges zu „Dittsche“ sagen kann. Dieser Mensch ist tot. Doch wenige Wochen, bevor er starb, erteilte er Olli Dittrich 2011 noch den Ritterschlag. Mit einem Satz, nach dem eigentlich nichts mehr kommen kann, nicht für einen deutschen Komiker. „Niemand sonst“, sagte der große Loriot, „gelingt es, an der Theke einer Eppendorfer Imbissstube im blau-weiß-grauen Bademantel den Wahnsinn bürgerlicher Monologe in pure Wonne einzutauschen.“ Natürlich gab es da einen, dem das auch gelang, wenn auch nicht im Bademantel, sondern - unter anderem - in der Badewanne. Sie waren eindeutig Geistesverwandte: Dittsche, der irrlichternde Verlierer, eher Biertyp, und Loriot, der gutbürgerliche Spötter, eher Weintyp, der so deutsch war wie kein anderer Lustiger und so lustig wie kein Deutscher.

„Dittsche“ hätte auch aufhören können, damals. Höchste Weihen vom Meister, das ist mehr als Grimme-Preis. Rollladen runter, Fritteuse aus, einen letzten perlenden „Hobel“ auf Ex, und tschüss mein Ingomann, für immer. Aber es geht ja nicht. Der Wahnsinn hört ja nicht auf, und solange „Bild“ druckt und RTL sendet, brennt das bunte Feuerwerk in seinem Kopf weiter. Und wer sonst soll unsere großen Fragen denn beantworten; über den Verfallsprozess von Kartoffelsalat, das Liebesleben schwuler Tauben, die fatalen Folgen von Fischhusten, das Leben nach dem Tod? Richard David Precht? Margot Käßmann?

TV-Tipp

„Dittsche - Das wirklich wahre Leben“, neue Folgen ab Sonntag um 23 Uhr im WDR

Zehn Jahre ist es her, dass der Thekenkphilosoph „Dittsche“ den Bademantel der Geschichte ergriff und zu seiner ersten „Chefvisite“ in die „Eppendorfer Grillstation“ schlurfte. Seitdem gibt’s am späten Sonntag „Schumiletten“-Prosa live - mit „Dittsche“, mit Imbisswirt Ingo (Jan Flemming Olsen) und mit dem Schweigemönch „Schildkröte“ (Franz Jarnach) in seiner falschem Krokolederjacke, der nach dem Job „im Baumarkt an der Säge“ einfach nur seine Ruhe will. Dazu: diverse, oft sogar uneitle Cameo-Auftritte von allerlei Prominenz.

Keine Sekunde lang stellt Dittrich mit seiner Figur die realen „Dittsches“ an den Kiosken dieser Welt bloß. Das ist kein Verliererbashing, eher zärtliche Würdigung. Einfache Menschen müssten ja nicht zwingend dumm sein, sagt Dittrich. „Das ist ein großer Irrtum, der aber in der Comedy häufig vorkommt: dass der Proll-Typ dumpfbackig daherzukommen hat, damit er auch lustig ist. Ich weiß nicht, wie viele Supermarkt-Kassiererinnen, Kfz-Schrauber, Putzfrauen oder Hausmeister dafür herhalten mussten.“

Niemand lacht über Dittsches soziale Not - der Witz liegt allein in seinen Versuchen, mit abstrusem, hochexklusivem Halbwissen doch noch vom Niemand zum respektierten Welterklärer zu werden. Wenn Thekenmann Ingo irgendwann aufgibt, wenn er das Nachfragen einstellt und sich der Tatsache fügt, dass er „Dittsches“ sprunghafte Besessenheit nicht wird stoppen können - dann sind das Dittsches kleine Glücksmomente, der kurze Triumph über sein Schicksal. Natürlich ist das scharfe, kluge Medienkritik, die Dittrich da betreibt. Vor allem aber ist der Gedankenkosmos des „Einzelbrötlers“ (wie Dittsche sagen würde) eine wild zusammenkopierte Collage der deutschen Befindlichkeiten, quasi die Wikipedia des Wahnsinns. „Dittsche“ ist der deutsche Assoziationsmeister - und Dittrich als Schöpfer dieser und anderer Figuren der wichtigste Phönomenologe des Landes. Niemand schlägt ihn darin, Realität künstlich zu erzeugen, um sie sichtbar zu machen. Brummelnd lässt sich „Dittsche“ Hartz IV erklären. Und sagt dann: „Ach nee, da warte ich lieber auf Hartz V.“ Als ginge es um’s neue iPhone.

Drei Stunden vor jeder Show trifft sich Dittrich mit den Autoren Marcus Weimer (nebenbei Mitglied im Cartoonkollektiv „Rattelschneck“) und Albrecht Koch und entwickelt drei bis vier Themenstränge für die Sendung. Der Rest ist Improvisation. Olsen und Jarnach sind nicht dabei, um später spontaner reagieren zu können. Technisch läuft die Sache seit 2004 unverändert: Sechs Kameras, die alle vier bis sechs Sekunden automatisch umschalten, kein Regisseur, alles im gelblichen Sepia-Ton, am Ende mault „Schildkröte“.

Am 15. November 2009, dem Tag der Beisetzung von Nationaltorhüter Robert Enke, der sich sechs Tage zuvor das Leben genommen hatte, stand „Dittsche“ mit Ingo und „Schildkröte“ eine Minute lang schweigend vor der Theke. Dann sagte er: „Er war ein Titan. Ein reiner Titan.“ Und nichts daran war pathetisch. Harald Schmidt hat mal den Grimme-Preis bekommen, weil er nach dem 11. September 2001 keine Sendung gemacht hatte. Die größten Komiker sind die, die im richtigen Augenblick schweigen können. Und dann ein Bier trinken. Für die „muggelige Verperlung von innen“.

Die Figur „Dittsche“

Schon Anfang der neunziger Jahre trat Olli Dittrich in Thomas Hermanns’ Hamburger „Quatsch Comedy Club“ als „Dittsche“ auf, später auch bei „Gottschalk Late Night“ (RTL) und 2000/2001 in seiner Comedyreihe „Olli, Tiere, Sensationen“ (ZDF). Für eine eigene Show rund um die Figur warb er zwei Jahre lang bei diversen Sendern, bis der WDR sich erweichen ließ. In den Verlierer „Dittsche“ flossen laut Dittrich diverse Imbissbudenerlebnisse ein, außerdem eine Begegnung Ende der siebziger Jahre an einem Eimsbüttler Eiswagen, als vor ihm ein Typ in der Schlange stand „in Jogginghose und T-Shirt, darüber trug er einen Bademantel“. Später sah er öfter einen Mann auf dem Balkon, der „hatte nach hinten gegelte Haare und einen irsinnig angestrengten Gesichtsausdruck“. Beide Männer verschmolzen zu „Dittsche“. 

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