Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Kultsendung "Dalli Dalli" kehrt zurück
Mehr Welt Medien Kultsendung "Dalli Dalli" kehrt zurück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:51 11.05.2011
„Dalli Dalli“: Die Sendung mit Hans Rosenthal war für viele Familien in den siebziger und achtziger Jahren beste Unterhaltung. Doch es gab auch Kritiker. So sprach der Spiegel von einer „Herzlichkeit nahe dem absoluten Gefrierpunkt“. Quelle: dpa
Anzeige

Das waren noch Zeiten im Fernsehen: Die Bühne mit der Bienenwaben-Optik! Die Schnellrate-Runde! Das Klick-Spiel! Der eingefrorene Luftsprung des Moderators! Und natürlich der Spruch „Sie sind der Meinung: Das war spitze!“ Die Rateshow „Dalli Dalli“ ist ein Klassiker der TV-Unterhaltung. Am morgigen 13. Mai ist es 40 Jahre her, dass das ZDF die erste Ausgabe mit Quizmaster Hans Rosenthal sendete, am 11. September vor 25 Jahren seine letzte. Insgesamt präsentierte Rosenthal „Dalli Dalli“ 153 Mal. Meistens waren mehr als zehn, oft auch mehr als 15 Millionen Zuschauer dabei.

Jetzt, im Jahr des Doppeljubiläums, kommt das beliebte Quiz wieder. „Dalli Dalli war Pflichttermin. Meine Eltern, mein Bruder und ich haben die Show jede Woche zusammen angesehen, dabei belegte Brote gegessen und mitgeraten“, zitierte die Zeitung „Bild am Sonntag“ den Moderator Kai Pflaume. Er soll die Show noch in diesem Jahr im NDR Fernsehen wiederbeleben. Das genaue Sendedatum ist noch unbekannt, die Rede ist vom Sommer 2011. Es ist nicht der erste Versuch: Eine ZDF-Neuauflage in den 90er Jahren mit Andreas Türck war relativ erfolglos.

Anzeige

„Dalli Dalli“ war das „Quiz für Schnelldenker“. Die Show ist der Inbegriff für Familienfreundlichkeit im Fernsehen – ein Stück TV-Geschichte aus der goldenen Ära der Öffentlich-Rechtlichen. Das erspielte Geld ging an einen guten Zweck, an Familien in Not.Jeweils acht Promis waren in der Show dabei, in Rosenthals 15 Jahren waren es mehr als 1200. In der ersten Show waren beispielsweise die Schauspieler Lieselotte Pulver und Fritz Eckhardt zu Gast, Cornelia Froboess trat als Sängerin auf. Später spielten auch Promis wie Maria Schell, Paul Breitner oder Alice und Ellen Kessler mit. Die Kandidaten wurden in Gruppen eingeteilt, zum Beispiel „Theater gegen Tatkraft“ (zwei Schauspieler gegen zwei Berufstätige mit außergewöhnlichem Job) oder „Tanzmusik gegen Tonleiter“ (zwei Schlagerstars gegen zwei Komponisten). Jeweils zwei Teams bekamen die gleichen Aufgaben, die sie in wenigen Sekunden lösen mussten. „Sie haben die Chance, Napoleon zu interviewen. Was werden Sie ihn fragen?“, stellte Rosenthal mal dem Team Thomas Gottschalk und Mike Krüger als Aufgabe. Oder: „Sie beide fahren vier Wochen in den Urlaub: Was dürfen Sie keinesfalls vergessen?“

Wie bei heutigen Castingshows gab es auch bei „Hänschen“ Rosenthal, wie die Nation den schmächtigen Showmaster nannte, eine Jury. Diese verbreitete allerdings gute Laune statt böser Sprüche und ließ nahezu alles gelten, was die Kandidaten vorführten.

Unvergessen auch: Die Ohrwurm-Titelmusik und das Orchester von Heinrich Riethmüller, der Schnell-Zeichner Oskar, der die Promis auf Papier bannte, Aktionsspiele wie Luftballons in einer Schubkarre kutschieren oder Würstchen aus Fleischmasse formen, die aus einer Wurstmaschine schoss. Im Gedächtnis blieb außerdem das Spiel „Dalli Klick“, bei dem Fotos erst nach und nach freigelegt wurden und zu erraten waren.

Der legendäre Luftsprung kam auf Wunsch des Saalpublikums zustande, das zwei Kandidaten per Knopfdruck mit Extra-Punkten belohnen konnte. Drückte die Mehrheit, so ertönte eine Sirene. Rosenthal rief: „Sie sind der Meinung: Das war spitze!“ Bei „spitze“ stimmten alle ein. Rosenthal sprang hoch, das Bild stoppte und er hing kurz mit angewinkelten Beinen in der Luft.

Doch wer über „Dalli Dalli“ schreibt, darf Hans Rosenthal nicht nur als lustigen kleinen Unterhalter sehen. Der Sohn eines jüdischen Bankbeamten aus Berlin hatte im ersten Teil seiner „Zwei Leben in Deutschland“, wie er seine Autobiografie 1980 nannte, wenig zu lachen. Er und sein sieben Jahre jüngerer Bruder Gert verloren schon früh ihre Eltern. Vater Kurt starb 1937 an Nierenversagen, Mutter Else 1941 an Darmkrebs. Die beiden Brüder wurden von Heim zu Heim geschoben. Als Gert in die Baruch-Auerbach’sche Waisenerziehungsanstalt geschickt wurde, befand sich der mittlerweile 16-jährige Hans bereits in einem Vorbereitungslager für Palästina-Emigranten. Um Gert zur Seite zu stehen, verließ er das Lager und lebte mehrere Monate mit ihm zusammen. Doch retten konnte er seinen kleinen Bruder nicht: Ihn töteten die Nazis 1942 im Alter von zehn Jahren im KZ, während Hans mittlerweile in ein Jugendheim verlegt worden war. 1943 tauchte Hans Rosenthal unter. Er überlebte mit Hilfe von drei Frauen bis Kriegsende in einem Versteck in einer Berliner Kleingartenanlage.

Erst danach hat sein „zweites Leben“ begonnen, eine beispiellose Karriere in Funk und Fernsehen. Bevor er zum ZDF-Star wurde, gehörte er 30 Jahre dem Berliner Sender RIAS an. Dort arbeitete er zunächst als Aufnahmeleiter und Unterhaltungsredakteur. 1965 ging das von ihm erfundene Musik-Quizformat „Das Klingende Sonntagsrätsel“ auf Sendung. Die Show läuft mit einem neuen Moderator noch heute bei Deutschlandradio Kultur. Seit den sechziger Jahren engagierte sich Rosenthal im Zentralrat der Juden, dessen Direktorium er ab 1973 angehörte.

Am 11. September 1986 moderierte Rosenthal sein letztes „Dalli Dalli“. Eine von ihm am Ende der Aufzeichnung angekündigte Oktober-Sendung fiel wegen der Magenkrebs-Diagnose des Moderators aus. Am 10. Februar 1987 starb Rosenthal im Alter von 61 Jahren.

In seiner Autobiografie schrieb er: „Wenn mir die Kinder „Dalli Dalli“ nachrufen, dann denke ich: Ja, ich habe mich eigentlich immer beeilt in meinem Leben, um dem Unglück zu entgehen. Und dabei bin ich dem Glück begegnet.“

Gregor Tholl und Petra Zottl