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08:01 19.05.2014
Foto: Bedrohlich wabert der Nebel durch den Ith, hier verliert Chorleiterin Johanna (Julia Koschitz) bei einem Ausflug vier der ihr anvertrauten Mädchen. Jan (Bjarne Mädel) ist besorgt.
Bedrohlich wabert der Nebel durch den Ith, hier verliert Chorleiterin Johanna (Julia Koschitz) bei einem Ausflug vier der ihr anvertrauten Mädchen. Jan (Bjarne Mädel) ist besorgt.  Quelle: ZDF
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Mainz

Annette Hess steuert den Kombi über die Passstraße des Ith. Sie fährt mit ihrer Schwester Christiane durch ihren gemeinsamen Film. „Die Toten von Hameln“ läuft als Fernsehfilm der Woche am Montag im ZDF. Es ist eine moderne Version der Sage um den Rattenfänger von Hameln und das erste gemeinsame Projekt der Schwestern. Ein niedersächsischer Thriller zur besten Sendezeit. „Manchmal sieht der Ith aus wie ein Urtier, das sich gleich erhebt“, sagt Annette Hess beim Fahren. „Da, von den Klippen, ist kürzlich eine in den Tod gestürzt“, fügt sie hinzu. Lieblich ist anders.

Annette Hess (47) ist eine der gefragtesten Drehbuchautorinnen Deutschlands. Ihre bekannteste Serie ist „Weissensee“, die Familiensaga aus der späten DDR. Die Bücher für die dritte Staffel sind so gut wie fertig, jetzt ist sie ins West-Berlin der Nachkriegszeit gewechselt. „Ku’damm 56“ heißt die nächste Miniserie über eine Tanzschule in der
Rock-’n’-Roll-Ära.

Annette Hess wohnt in Coppenbrügge bei Hameln. Wenn sie beim Schreiben aus dem Fenster schaut, sieht sie den Ith. Den Berg, in dem die Kinder von Hameln verschwunden sein sollen, die dem Rattenfänger folgten.

Es war naheliegend, hier einen Stoff anzusiedeln. Zumal sich ihre jüngere Schwester Christiane (44) schon seit Jahren mit dem Rattenfängerstoff beschäftigt. Sie geht von Hannover aus mit dem Theater am Barg auf Tournee. Das ZDF für den Stoff zu interessieren war kein Problem. „Schließlich ist der Rattenfänger die bekannteste Sage der Welt“, meint Annette Hess. Es hätte auch gut eine Miniserie sein können. Die Personen hätten es hergegeben. Es gibt eine gebrochene Hauptfigur, die Chorleitern Johanna Bischoff (Julia Koschitz), die wegen ihrer Angstzustände die Karriere als Sängerin abbrechen musste. Es gibt den Mann aus der Vergangenheit, ihren Jugendfreund Jan Faber (Bjarne Mädel), der zum Polizeichef von Hameln wird. Es gibt den schillernden Vater (Matthias Habich), den langjährigen Bürgermeister von Hameln, der zusammen mit seiner Schwester (Ruth Reinicke) ein düsteres Geheimnis aus der Nazi-Zeit bewahrt. Und es gibt eine Stadt, die sich auch nach 700 Jahren nicht von der zwiespältigen Rattenfängersage lösen kann. Es wurde keine Serie, sondern ein Film. Leider, denn nun sind die Erzählstränge ziemlich gedrängt. „An eine Miniserie glaubt ja hierzulande keiner“, sagt ausgerechnet die Frau, die beweist, dass es eben doch geht. „Weissensee“ gilt in der Debatte um den Zustand des deutschen Fernsehens als das Beispiel dafür, dass es auch hierzulande hervorragende

Fernsehserien geben kann. Die ängstlichen Redakteure, so die Klage, würden innovative Formate verhindern. Annette Hess kennt auch Redakteure, die Risiken eingehen.

Man könne Geschichten heute anders erzählen als noch vor wenigen Jahren, „nicht mehr so melodramatisch“, sagt sie. Durchaus selbstkritisch, denn mit dem Zweiteiler „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ mit Veronica Ferres hat sie ihren Teil zu dieser Flut beigetragen. Den anhaltenden Geschichts-TV-Boom sieht sie zwiespältig. Das pseudodokumentarische Erzählen findet sie fragwürdig. Sie fühlt sich wohler, wenn sie dem Lebensgefühl einer Zeit nachspüren kann.

Jan Sternberg

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