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00:15 07.01.2014
Von Imre Grimm
Daniel Kehl (Hinnerk Schönemann) will seine Freiheit – um jeden Preis. Da ist ihm Franziska (Tessa Mittelstaedt), die ehrenamtlich Gefangene besucht, als Geisel hochwillkommen. Quelle: ARD
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Hannover

So cool, so souverän ist seit Heike Makatsch und Marie Bäumer vor 17 Jahren in „Männerpension“ kein weibliches Wesen mehr durch einen deutschen Knast stolziert: Nachsichtig lächelnd, umtost von hormonbefeuertem Flirtgeschrei, wandelt Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) durch den Zellentrakt. Sie ist ehrenamtliche Bewährungshelferin, sie will einen Klienten treffen, den Mörder und Vergewaltiger Daniel Kehl (endlich mal böse: Hinnerk Schönemann). Der steht nach zehn Jahren Haft vor der Entlassung.

Franziska glaubt an das Gute im Gangster. Doch plötzlich eskaliert die Situation: Kehl soll einen Mithäftling erstochen haben. Ein Komplott? Er nimmt Franziska als Geisel, verschanzt sich im Besprechungszimmer. Und während die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) draußen im Knast den Mordfall zu lösen versuchen, kämpft ihre Kollegin Franziska drinnen um ihr Leben und ihre Ideale, einen Kabelbinder um den Hals.

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Jetzt könnte man die Frage stellen, ob tatsächlich jeder Gefangene eines Männerknastes ein notgeiler Wicht sein muss, der „Ausziehen!“ brüllt, sobald etwas Weibliches auftaucht. Und ob das nötig ist, dass ein kompletter Krimi in grünlich-bläulicher Filterdüsternis spielt, als fürchte sich Regisseur Dror Zahavi vor dem Tageslicht. Wann war es zuletzt mal richtig hell in einem „Tatort“? 1995?

Aber derlei Kleinlichkeiten lenken bloß ab von diesem Fall, der sich leider etwas zu sehr Mühe gibt, anders zu sein. Es ist, nach 14 Jahren und 44 Köln-„Tatorten“, der letzte Auftritt für Franziska, die Mutter Courage der beiden Kölner Wurstbudenlümmels. Mittelstaedt wollte aussteigen. Und man hat ihr zum Abschied eine Story geschenkt, die den ARD-Verantwortlichen so düster, so bedrückend und ausweglos erschien, dass man sich entschloss, diesen „Tatort“ am Sonntag um 22 Uhr zu zeigen, nicht um 20.15 Uhr – erstmals nach 43 Jahren und knapp 900 Folgen.

„Tatort“ im Doppelpack

Während die düstere Folge „Franziska“ ins Spätprogramm verbannt wurde, ist am Sonntag zur gewohnten Zeit Joachim Król als Frankfurter Ermittler Frank Steier zu sehen.

Die Begründung ist kurios: Wegen der „sehr hohen Spannung“ und der „starken Wirkung“ wolle man Kinder und Jugendliche schützen, sagt der WDR-Verantwortliche Gebhard Henke. Aber was bitte gibt es Erfreulicheres an einem Krimi, als dass er spannend, wirkungsvoll und ungewöhnlich ist?

Keinesfalls überschreiten die eher konventionellen Bilder die Grenze dessen, was man dem „Tatort“-Publikum um 20.15 Uhr (das entspricht einer FSK-Altersfreigabe von zwölf Jahren) zumuten kann. Der Film, der so gern ein klaustrophobisches Kammerspiel sein möchte, kommt zwar spannend, aber deutlich harmloser daher als zum Beispiel der „Polizeiruf 110“ mit dem Titel „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ von 2011, in dem Matthias Brandt im Fußgängertunnel der Münchener Allianz-Arena einen Terroranschlag miterlebt. Und der lief damals völlig zu Recht an einem Freitagabend um 22 Uhr.

Ausgerechnet die ARD, die vor Weihnachten in einer Filmvorschau kurz vor der 20-Uhr-„Tagesschau“ ohne Skrupel einen abgetrennten Kopf samt blutiger Schnittkante zeigte, hält „Franziska“ für jugendgefährdend. Es ist nicht nackte Gewalt, die den Jugendschutz alarmiert, sondern die diffuse „Gefahr ohne Entspannungsmomente“. Ausweglose Situationen und abstrakte Bedrohungen seien geeignet, Kinder oder Jugendliche „in ihrer Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen oder gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ zu beeinträchtigen, wie es im Rundfunkstaatsvertrag heißt.

Dabei ist „Franziska“ über weite Strecken nicht „grausam und beklemmend“, sondern überraschend umständlich und textlastig. Es ist immer verräterisch, wenn fast pausenlos gesprochen wird: Die Story erzählt sich nicht von selbst, sie muss erzählt werden.

Franziska hätte auch einfach kündigen können

Gedreht wurde im „Männerhaus“ der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Düsseldorf, die 2012 geschlossen wurde. Die Gladbeck-Entführer Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner saßen hier ein, auch RAF-Terrorist Andreas Baader. In den Nebenrollen ist schauspielerisch noch Luft nach oben, allzu mädchenhaft die Direktorin, allzu putzig der Hauptzeuge. Schönemann freilich ist stark als gewiefter Psychopath („Ihr wollt Spielchen spielen? Okay, spielen wir Spielchen, Arschlöcher!“). Und Mittelstaedt darf als gedemütigte Idealistin endlich mal zeigen, dass sie mehr kann als Baumärkte abtelefonieren und Überwachungsvideos checken. Es ist auch der letzte Film von Christian Tasche als Staatsanwalt Wolfgang von Prinz. Er starb am 7. November im Alter von 56 Jahren.

Das Ganze wirkt freilich wie der überambitionierte Versuch, buchstäblich aus der („Tatort“-)Reihe zu fallen. So sehen Filme aus, die unbedingt Preise gewinnen wollen. Und dann geht’s nebenbei tatsächlich mal wieder um schrecklich böse Rocker. Diesmal heißen sie „Rough
Riders“, du liebe Güte. So pompös wie Franziska werden sonst nicht mal Kommissare verabschiedet. Sie hätte auch einfach kündigen können.

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