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Medien Kindesmissbrauch und die Rolle der Eltern
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21:41 24.03.2019
Die beiden mutmaßlichen Missbrauchsopfer Wade Robson (l.), Regisseur Dan Reed und James Safechuck (r.) posieren während des Sundance-Filmfestivals 2019 für den Dokumentarfilm “Leaving Neverland". Quelle: Taylor Jewell/Invision/AP
New York

Zwei Mütter räumen in der HBO-Dokumentation „Leaving Neverland“ ein, sie hätten sich vom Zauber der Ranch von Michael Jackson blenden lassen. Eine Tante sagt in „Surviving R. Kelly“, sie habe auf einen Karriereschub für ihre Nichte gehofft. Und in „Abducted in Plain Sight“ bezeichnen sich Eltern, deren Tochter in den 70er Jahren von einem Nachbarn missbraucht wurde, selbst als naiv.

Die drei Dokumentarfilme haben in den USA ein riesiges Publikum erreicht – und eine erneute Debatte darüber ausgelöst, welche Umstände Kindesmissbrauch begünstigen.

In den Reaktionen und Kommentaren tauchen dabei immer wieder auch Vorwürfe auf: Wie konnten Mütter und Väter ihre Kinder bloß solchen Situationen aussetzen? Wie konnten sie die Risiken übersehen? In den dargestellten Fällen wurden tatsächlich Anzeichen ignoriert. Fehler passierten, die rückblickend unentschuldbar erscheinen. Experten betonen allerdings, dass genau das im Grunde nicht überraschend sei.

Täter erschleichen sich auch das Vertrauen der Eltern

Es zähle zu den wesentlichen Merkmalen solcher Übergriffe, dass sich die Täter zunächst oft das Vertrauen sowohl der Kinder als auch der jeweiligen Erziehungsberechtigten erschlichen, sagt die Psychologin und Professorin für Pädiatrie, Esther Deblinger-Sosland von der Rowan University im US-Staat New Jersey, die zwei Bücher zum Thema veröffentlicht hat. „Sie suchen nach Situationen und Familien, die sie ausnutzen können.“

Wade Robson (links) 1987 als Kind bei einem Treffen mit Michael Jackson – Szene aus dem Dokumentarfilm “Leaving Neverland". Quelle: Dan Reed/HBO/AP

Die Eltern der ins Visier genommenen Opfer könnten etwa aufgrund von besonderen Belastungen abgelenkt sein, sagt die Expertin. Gleichzeitig sei es so, dass „die meisten Menschen nicht davon ausgehen, dass jemand, der artikuliert spricht, der freundlich und fürsorglich zu sein scheint, ein Sexualstraftäter sein könnte“. Viele hätten in ihren Köpfen ein Bild von Kinderschändern als den „abscheulichsten Verbrechern“ überhaupt. „Und das macht die Sache so schwierig“, sagt Deblinger-Sosland.

Der 2009 gestorbene Popstar Jackson wurde in einem Prozess im Jahr 2005 vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen. Er hatte allerdings zugegeben, mehrere Kinder mit in sein Bett genommen zu haben. In der vom Pay-TV-Kanal HBO Anfang März ausgestrahlten Dokumentation wiederholen zwei der Männer, die als kleine Jungen auf der Ranch „Neverland“ zu Gast waren, ihre Vorwürfe – und treten dabei gemeinsam mit ihren Müttern vor die Kamera. Der Zweiteiler ist bereits die am drittmeisten gesehene HBO-Doku der vergangenen zehn Jahre. In Deutschland wird sie am 6. April auf ProSieben ausgestrahlt.

Sex-Video statt Musik-Karriere

Der US-Sender Lifetime ließ im Januar in einer ebenfalls viel beachteten Doku-Reihe mutmaßliche Opfer des Sängers R. Kelly zu Wort kommen. Im Februar stellte sich der wegen schweren sexuellen Missbrauchs in zehn Fällen angeklagte Star der Polizei – wenngleich er die Vorwürfe abstreitet. In mindestens drei Fällen sollen die Opfer im Alter zwischen 13 und 17 Jahren gewesen sein. Eine Frau berichtet in einer der sechs Folgen, sie selbst habe ihre minderjährige Nichte mit R. Kelly bekannt gemacht, um deren musikalische Laufbahn zu fördern. Stattdessen sei das Mädchen in einem Sex-Video aufgetaucht.

In einer vom Streaming-Dienst Netflix verbreiteten Dokumentation wird ein Fall aus den 70er Jahren rekapituliert. Die heute 56-jährige Jan Broberg Felt wurde als Teenager in einer Kleinstadt in Idaho gleich zweimal von einem Nachbarn entführt und vielfach missbraucht. Auch in diesem Film tritt das einstige Opfer gemeinsam mit den Eltern auf. Der Täter, der sich später das Leben nahm, hatte auch Mutter und Vater zu sexuellen Akten verleitet – wohl im Wissen, wie sehr es sie beschämen würde, darüber zu sprechen.

„Das war alles so überwältigend, wie in einem Märchen“

Das Beschämen oder Verurteilen der Eltern zähle zu den Dingen, auf die es Täter gezielt anlegen würden, sagt die Expertin Deblinger-Sosland. Damit solle der Eindruck erweckt werden, dass „die Schuld gar nicht bei ihnen liegt“. In einer Mehrheit der Fälle, in denen der Missbrauch nicht direkt von einem Elternteil ausgehe, seien die Täter Bekannte der Familie. Und wenn ein Kind den Missbrauch von sich aus zur Sprache bringe, dann meist gegenüber der Mutter.

So war es auch im Fall von James Safechuck – einem der Männer, die nach eigenen Angaben als Jungen von Jackson missbraucht wurden. In „Leaving Neverland“ sagt dessen Mutter Stephanie Safechuck über die Zeit der Familie an der Seite des Superstars: „Das war alles so überwältigend, wie in einem Märchen. Ich habe mich darin verloren. Und ich weiß, dass es meinem Mann genauso ging.“

Der Psychologe David Wolfe von der Western University in der kanadischen Provinz Ontario tritt regelmäßig als Sachverständiger in Missbrauchsprozessen vor Gericht auf. Nach seiner Erfahrung ist es oft so, dass Eltern, während der Missbrauch stattfindet, in normal erscheinenden Situationen gegenüber vermeintlich vertrauenswürdigen Personen verhängnisvolle Entscheidungen treffen – oder eben in Situationen, die als einmalige Chance für das Kind wahrgenommen würden.

Auftritt in einer Pepsi-Werbung als Köder

Safechuck erhielt 1986 als Zehnjähriger die Chance, gemeinsam mit Jackson in einer Werbung für Pepsi aufzutreten – laut Wolfe eine typische Konstellation. „Ich versuche, mich selbst in die Lage zu versetzen: Was hätte ich empfunden, wenn mein eigener Sohn in dieser Werbung gewesen und nach „Neverland“ eingeladen worden wäre?“, sagt er. „Ich hätte das ziemlich cool gefunden.“ Später könne es für Eltern dann schwer sein, einen Rückzieher zu machen.

Robin Gurwitch von der Duke University in North Carolina hat ähnliche Beobachtungen gemacht. „Als Mitglied der Familie übersehe ich womöglich sämtliche Anzeichen, weil es sich um jemanden handelt, den ich respektiere“, sagt die Professorin für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften. „Eltern vertrauen den Menschen, die im Leben ihres Kindes wichtig sind.“

Von RND/AP/Leanne Italie