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Mehr Welt Medien Kinderbücher mit sprechenden Stiften und blinkenden Seiten
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11:21 10.03.2011
Kinderbücher werden mit neuester Technik zum interaktiven Lern- und Lesespaß. Quelle: Florian Wallenwein
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Ohne einen ordentlichen Reserve-Vorrat an Batterien läuft fast nichts mehr im Kinderzimmer. Monotones Vorlesen war gestern - der medienaffine Nachwuchs von heute will, dass es blinkt und blitzt, Texte mit „Cyber-Brücken“, die direkt ins Internet führen, und sprechende Stifte. Das zumindest könnte man meinen, wenn man Branchenberichten über den Kinderbuchmarkt und den Hype um interaktive Angebote glauben darf. „Vieles davon ist verzichtbar und wird auch wieder verschwinden“, beruhigt Regina Pantos, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur, aufgeschreckte Eltern.

Eine ausreichende Menge an Stromquellen und Internetzugängen wird auch die Leipziger Buchmesse vorhalten, denn dort sollen viele Neuheiten für Kids vom 17. bis 20. März vorgestellt werden. Dabei müssen die Produkte vor allem den Müttern gefallen, denn meistens sind sie es, die die Kinderbücher auswählen und kaufen. Experten unterscheiden zwei Motivationsgruppen: Mütter, die Bücher als Literatur und Unterhaltung betrachten, und solche, die vor allem den Bildungsaspekt sehen. „Immer mehr Mütter gehören zur zweiten Gruppe“, sagt Pantos. Davon, dass hauptsächlich Mütter die Bücher besorgen und vorlesen, profitieren vor allem die Mädchen, so die These einer Expertenrunde, die auf der Leipziger Buchmesse die spannende Frage „Wo bleiben die Väter als Lesevorbilder für die Jungen?“ diskutieren will.

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Der „sprechende Stift“ Tiptoi von Ravensburger liegt bei den interaktiven Angeboten offenbar voll im Trend. Tippt man mit dem Stift auf Bild oder Text, erklingen passende Geräusche, Sprache oder Musik. 170 000 Stifte hat der Verlag seit September bereits verkauft. In diesem Jahr soll monatlich ein neues Ergänzungsprodukt erscheinen, Spiel oder interaktives Buch. „Dabei soll der Stift nicht das Vorlesen oder die Kuschelstunde mit dem Buch auf dem Sofa ersetzen“, sagt Heike Herd-Reppner von Ravensburger.

Ob on- oder offline, die Mühe lohnt sich: Kinder- und Jugendbücher haben im vergangenen Jahr laut „Börsenblatt“ 15,2 Prozent zum Gesamtumsatz der Branche beigetragen (Media Control GfK International). Das Genre sei damit das zweitwichtigste und vielversprechendste im Buchhandel. Ob Bilderbücher oder Erstlese-Geschichten, alles ist gefragt. Niedrigere Bildungsschichten haben vielleicht eher einen Zugang zur elektronischen Variante. Pantos: „Eltern, die selbst nicht so gern lesen, greifen nach jedem Strohhalm. Jeder will ja das Beste für sein Kind.“

Die Top-Seller von der Jugendbuch-Bestsellerliste 2010 funktionierten allerdings noch gut ohne technisches Equipment. Auf den ersten Plätzen dominierten Bella und Edward aus der Bis(s)-Reihe von Stephenie Meyer, und auch für das Steinerne Fleisch (Reckless) von Cornelia Funke mussten die Leser vor allem ihr eigenes Vorstellungsvermögen aktivieren.

Ein kaum weniger erfolgreiches, verhältnismäßig neues Genre eroberte ebenfalls die Top Ten: die mit Comic-Elementen gespickten Tagebücher von Greg aus der Feder von Jeff Kinney verkauften sich 2010 fast 1,2 Millionen Mal. Inzwischen gibt es diverse Nachahmerprodukte im Tagebuch-Stil. Nach Ansicht von Experten nimmt das „Häppchenlesen“ ohnehin immer mehr zu.

Dass Kinder und Jugendliche inhaltlich nicht nur in Fantasy-Welten flüchten, bestätigen Titel, die sich mit dem kindlichen Alltag beschäftigen. „Es gibt wieder mehr realistische Geschichten für Kinder, obwohl sie dabei immer noch sehr geschlechtsspezifisch ausgerichtet sind - Prinzessinnengeschichten für Mädchen, Piraten für die Jungs“, sagt Pantos.

Langsam tasten Verlage sich auch an die Produktion von Apps heran: So hat der Hamburger Oetinger Verlag seine beliebten „Olchis“ mit elektronischen Features für das iPad adaptiert. Die „Olchi-App“ ist für Kinder zwischen fünf und sieben Jahren konzipiert und soll die Geschichte durch eine multimediale Version ergänzen und erweitern. Die Idee dürfte bei den Kids ankommen. Pantos: „Kinder sehen bei ihren Eltern, dass auch sie sich immer mehr mit PC, Handy oder iPhone beschäftigen, und machen das nach. Doch jede halbe Stunde, die ein Mensch sich mit einem Kind beschäftigt, ist wertvoller, als jedes noch so tolle interaktive Spiel oder Buch.“

dpa