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00:15 05.11.2013
Hausbesuch: Die Kommissare Henry Funck (l., Friedrich Mücke) und Maik Schaffert (Benjamin Kramme) sowie Praktikantin Johanna Grewel (Alina Levshin) überbringen eine Todesnachricht. Quelle: MDR
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Erfurt

Action in Erfurt. Der „Tatort – Kalter Engel“ beginnt mitten in einer Verfolgungsjagd: Henry Funck (Friedrich Mücke) hetzt einen Doppelmörder über Treppen und Mauern, sein Kollege Maik Schaffert (Benjamin Kramme) rast im Auto hinterher. Höhepunkt der Wildheit in Thüringen: Mit seinem Dienst-Opel (Product Placement als Lokalkolorit, im nahe gelegenen Eisenach steht ein Opel-Werk) fährt Schaffert eine Mülltonne um.

Bei der Festnahme wird etwas herumgeballert, statt aufs SEK gewartet. Sofort droht die strenge Vorgesetzte Petra „Fritze“ Fritzenberger ihren jungen Wilden mit der Suspendierung. Damit nicht genug: Sie setzt ihr auch noch eine besserwisserische Jura-Studentin (Alina Levshin) als Praktikantin vor die Nase. Die wunderbare Filmpreisträgerin („Kriegerin“) muss in Erfurt eine semi-autistische Streberin im Schlabberlook spielen, die anscheinend an der Uni versehentlich nur Medizin-Kurse belegt hat, so sehr nervt sie Kollegen und Zuschauer mit Bandwurmsätzen voller Vorklinik-Fachbegriffe.

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Sendetermin

„Kalter Engel“ | ARD
Krimi aus der Reihe „Tatort“

Sonntag, 20.15 Uhr

Beim Anblick des Kommissariats-Kühlschranks, der bis oben hin mit Koffeindrinks vollgestopft ist, muss sie sagen: „Ich steh nicht so auf Stoffwechselbeschleuniger“. Und das ist noch einer ihrer besten Sätze. Zu Gunsten der 29-Jährigen muss angenommen werden, dass der MDR sie gegen ihren Willen gefangen hält und Levshin bereits zu einem zweiten Erfurt-„Tatort“ erpresst hat. In den wirklich schlimmen Fällen des Fernsehens wird mal wieder nicht ermittelt.

Funck und Schaffert, das jüngste „Tatort“-Gespann der ARD, haben es statt dessen mit einer toten Studentin zu tun. Zuerst sieht alles so aus, als wäre Anna Siebert das dritte Opfer des Serientäters, den sie am Anfang ins Krankenhaus geschossen haben. Doch so ganz passen die Spuren nicht – und bald gibt es auch andere Verdächtige. Anna hatte als Callgirl gearbeitet, aber erklärt ihr nicht ganz alltäglicher Studentenjob die mehreren Tausend Euro, die sie unter der Matratze versteckt hatte? Und warum reagieren ihre Mitbewohnerin und deren Freund so panisch auf die Nachricht von Annas Tod?

Das neue Ermittler-Duo Mücke (32, „Friendship!“) und Kramme (31, „Was am Ende zählt“) sollen nach dem Willen des MDR für den „Tatort“ ein „jüngeres Publikum gewinnen, ohne die älteren Zuschauer dadurch zu verstören“. Genauso öde, wie es Produzent Michael Smeaton formuliert, ist das Ergebnis auch. Das Duo verströmt so viel Frische wie die halb versteinerten Pistazien, die auf Schafferts Schreibtisch herumliegen. Das Jugendliche beschränkt sich darauf, dass die beiden manchmal „krass“ sagen und optisch einigermaßen was hermachen.

Die Erzählweise dieses „Tatorts“ wirkt, als käme sie direkt aus seligen „Stahlnetz“-Zeiten. Es mag für den Zuschauer beruhigend sein, dass mal wieder ein „Tatort“ nahe am Fall bleibt und er nicht durch allzu viele Ermittlungsfortschritte und falsche Fährten verwirrt wird. Ärgerlich aber sind die völlig entbehrlichen, ausgelutschten Drehbuch-Versatzstücke dazwischen (Buch und Regie: Tom Born). Da gibt es eine sehr vorhersehbare und unvollendete Romanze sowie jede Menge Kalauer. Andauernd wird behauptet, wie stressig das Studium heutzutage sei, ohne es auch nur einmal zu zeigen. Und natürlich müssen sich die vom Bologna-System getriebenen Jung-Akademiker mit verschreibungspflichtigen Pillen aufputschen. „Vernunftsdrogen“ nennt das die Praktikantin. „Wir sind die erste Generation, die sich aus Pflichterfüllung aufputscht.“ Schaffert, der Unaufgeräumte, nickt dazu wie ein sehr alter Kommissarshase. „Das ist irgendwie traurig.“

So also geht Jugendlichkeit beim MDR. Krass.

Von Jan Sternberg

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