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Medien Im „Tatort“ bringen Exsoldaten den Afghanistan-Krieg nach Deutschland
Mehr Welt Medien Im „Tatort“ bringen Exsoldaten den Afghanistan-Krieg nach Deutschland
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19:39 20.01.2011
Von Stefan Stosch
Der Sonntags-"Tatort" behandelt ein brisantes Thema.
Der Sonntags-"Tatort" behandelt ein brisantes Thema. Quelle: dpa
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Der Krieg hat Saarbrücken erreicht. Ein Heckenschütze hat zugeschlagen, ein Sniper. Die blonde Frau, für eine Kunstaktion als Friedensengel kostümiert, wurde mit einem Präzisionsgewehr aus 400 Metern Entfernung erschossen. Sattrotes Blut hat sich auf weißen Federn ausgebreitet. So ernst war das mit der Kunst gar nicht gemeint.

Die Austrittswunde auf dem Rücken der Frau sei „so groß wie eine Melone“, sagt die Gerichtsmedizinerin emotionslos. So einen Schuss kriegen nur Profis hin, Soldaten zum Beispiel. Und die sind auf den Fernsehmonitoren rund um die Tote herum zu sehen, greinende, zeternde, brüllende junge Männer in Bundeswehruniform. Sie berichten von Blut, Schmerz und Tod.

Die Männer sind Fallschirmjäger, vor Kurzem aus Afghanistan zurückgekehrt und schwer traumatisiert. Auf den Bildschirmen sind Aufzeichnungen ihrer Gespräche bei einer Psychotherapeutin zu sehen. Die Künstlerin hat die Videos illegal für ihr Projekt genutzt. Es sieht so aus, als sei ihr dies zum Verhängnis geworden.

Die „Heimatfront“ ist eröffnet, und so heißt dieser „Tatort“ aus der sonst so beschaulichen Stadt an der Saar auch. Regie hat Jochen A. Freydank geführt, vor zwei Jahren Gewinner des Kurzfilm-Oscars mit „Spielzeugland“. Dies ist sein Langfilm-Debüt.

Es hat schon andere Fernsehfilme gegeben, die Deutschland in ein Kampfgebiet verwandelten. In „Willkommen zu Hause“ zum Beispiel fand sich Ken Duken als Ex­soldat nicht mehr in der zivilen Welt zurecht. Aber so hart wie hier hat noch niemand die Folgen von „Kämpfen, wie man sie im Krieg hat“ (Bundeskanzlerin Merkel über den Afghanistan-Einsatz) geschildert. Wenn die Bundeswehrsoldaten, die aus Afghanistan nach Deutschland zurückkehren, auch nur halb so kaputt sind wie die in diesem „Tatort“, kann einem angst und bange werden.

Das sehen die Kommissare Franz Kappl (Maximilian Brückner) und Stefan Deininger (Gregor Weber) genauso. Unter den Fallschirmjägern auf den Monitorbildern vermuten sie den Mörder der Künstlerin. Vier Verdächtige (Constantin von Jascheroff, Ludwig Trepte, Friedrich Mücke, Martin Kiefer) stehen zur Auswahl, der eine aggressiv, der andere selbstmordgefährdet, ein dritter ein Krüppel, und der vierte hat das große Zittern. Eine berufliche Zukunft sehen die ehemaligen Elitekämpfer bei einem Sicherheitsdienst in Kundus. Von ihren deutschen Mitbürgern fühlen sie sich verachtet.

Der „Tatort“ schwelgt geradezu im seelischen Elend der Soldaten. Zunehmend ratlos sind die Kommissare. Sie wissen nicht, wie sie mit den so schwer zugänglichen Männern umgehen sollen, die sich immer noch mit „Kamerad“ anreden und gegenseitig Alibis zuschustern.

Sollen Kappl und Deininger die verschworene Truppe unter Druck setzen, um sie zu knacken? Oder sollen ihnen die Verdächtigen leidtun, „die in Afghanistan ein paar Brunnen bohren wollten und dann jeden Tag einen auf die Mütze gekriegt haben“, wie Deininger sagt? Womöglich verfolgen sie ja auch eine ganz falsche Spur, und der Täter ist aufseiten der Friedensaktivisten zu suchen.

Bevor der Krimi sich in einer Therapiestunde verliert, zeigt die Spannungskurve wieder leicht nach oben. Was auch Kameramann Wolf Siegelmann zu verdanken ist: Die irritierenden Blicke aus großer Distanz auf Gebäude und Menschen verbreiten gefährliche Unruhe: Könnte der Sniper noch einmal abdrücken?

Das Saarbrücker Finale erinnert an ­einen Showdown wie im Western: Männer mit Gewehren im Anschlag machen die Sache unter sich aus. Konsequent ist das schon: Eine Geschichte, die so gewalttätig begann, kann nur mit Gewalt zu Ende gebracht werden.

„Tatort – Heimatfront“ | ARD, Krimi mit Maximilian Brückner, Sonntag, 23. Januar, 20.15 Uhr

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