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21:41 04.07.2014
Claudia Michelsen als Doreen Brasch und Sylvester Groth als Ermittler Jochen Drexler suchen einen Mörder. Quelle: ARD
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Während der Wetterbericht für kommenden Sonntag schwülwarme 25 Grad voraussagt, gefriert im Magdeburger„Polizeruf 110: Abwärts“ am Abend die Stimmung. Kommissar Drexler muss seinen Dienstwagen vom Eisregen befreien. Und ein ehemaliger Soldat kämpft in klirrender Kälte gegen sein Kriegstrauma an. Mitten in der Sommerpause, zwischen Fußball-Weltmeisterschaft und jeder Menge Wiederholungstätern auf fast jedem Sender, schickt der MDR die Kommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Jochen Drexler (Sylvester Groth) in ihren zweiten Einsatz. Den ersten verfolgten im vergangenen Oktober immerhin mehr als acht Millionen Zuschauer.

In einer Straßenbahn wird die Leiche eines Jugendlichen gefunden. Sein Kopf liegt in einer Blutlache. Obwohl er bereits wehrlos am Boden lag, müssen die Täter weiter auf ihn eingetreten haben. Warum so viel Brutalität? „Weil sie wollten, dass er stirbt“, fasst Drexler das Unfassbare noch am Tatort korrekt und gewohnt pragmatisch zusammen. Schnell steht fest: Das Opfer ist der vorbestrafte Danilo Rink. Zuvor hatte der offenbar den 15-jährigen Lukas Schenker bedroht und versucht, dessen Laptop zu entwenden. Es ist nicht das erste Mal, dass Gewalt im öffentlichen Nahverkehr deutsche Ermittlerteams herausfordert. Zuletzt wurde im Sonntags-„Tatort“ Schenks Kollege Baldauf zum unvorsichtigen Opfer auf den Kölner S-Bahn-Gleisen.

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Wie schon in Köln schreitet auch in Magdeburg zunächst keiner der anderen Fahrgäste ein. Nur einer versucht zu helfen. Sozialarbeiter Peter Ruhler (Peter Jordan), der, zur Überraschung der Kommissare, den toten Danilo betreute. Vor seiner Zeit als Sozialarbeiter war Ruhler im Kosovo im Einsatz. Ein Kämpfer, der irgendwann schwer traumatisiert den Dienst quittierte und nun versucht, seine psychischen Probleme irgendwie in den Griff zu bekommen. Erst spät wird klar: Die rätselhaften Bildsequenzen vom Anfang des Falls müssen irgendetwas damit zu tun haben.

Ruhler, der mittlerweile vor allem mit sich selbst und dem Krieg in seiner Seele zu kämpfen hat, wird schnell zum Verdächtigen. Denn der Streetworker kennt offenbar nicht nur den toten Danilo – kurz vor seiner Vernehmung taucht er auch noch mit dem 15-jährigen Lukas unter. Dem stets korrekten und einsilbigen Drexler fällt es schwer, in Ruhler den Mordverdächtigen zu sehen. Man kennt und duzt sich.  Brasch zweifelt an der Urteilsfähigkeit ihres Kollegen und fragt: „Sind Sie in der Sache wirklich neutral?“ Zu Recht: Der Kommissar scheint seinem alten Bekannten gegenüber befangen zu sein.

Ruhler ist Dreh- und Angelpunkt der Ermittlungen. Der gesamte Fall rankt sich um ihn und seine facettenreiche Vergangenheit. Daneben spielt die zerrüttete Familie des 15-jährigen Lukas eine fast ebenso entscheidende Rolle. Da wäre die Schwester und deren kleinkrimineller Freund sowie ein schiefgelaufener Deal mit einer Autoknacker-Software. Doch war das der Grund, warum Danilo es auf den Laptop von Lukas abgesehen hatte? Musste er deshalb sterben? Und was hat Ruhler damit zu tun?

Die Handlungsstränge, die Regisseur und Drehbuchautor Nils Willbrandt („Borowski und das leere Zimmer“) für diesen „Polizeiruf 110“ konstruiert hat, machen es dem Zuschauer nicht einfach, die Story zu verfolgen. Zuweilen wirkt „Abwärts“ sehr gehetzt, und der eigentliche Fall gerät ins Hintertreffen. Stattdessen ist man ständig damit beschäftigt, die Beziehungen der Protagonisten untereinander zu entwirren. Ein Manko, das Jordan in der Rolle des innerlich wie äußerlich ziemlich kaputten Kosovokämpfers wettmacht. Auch der Versuch, die Charaktere der beiden Ermittler weiter zu schärfen, ist geglückt. Brasch kämpft weiterhin verzweifelt um ihren rechtsradikalen verlorenen Sohn, der wegen schwerer Körperverletzung im Knast sitzt. Drexler, so lernt die Kollegin, hat eine erwachsene Tochter.

In diesen Momenten, wenn Michelsen und Groth Zeit zum Durchatmen haben – auch weil der Dienstwagen wegen der eisigen Kälte nicht anspringen will –, wird deutlich, dass diese beiden Kommissare niemals wahre Freunde werden. Aber vielleicht liegt die unterkühlte Stimmung auch einfach nur am Magdeburger Wetter.

Von Nora Lysk

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