Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Holocaust-Überlebender tanzt vor Toren eines KZs
Mehr Welt Medien Holocaust-Überlebender tanzt vor Toren eines KZs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:26 10.08.2010
Von Dirk Kirchberg
„Wir kamen aus der Asche, nun tanzen wir“: Szenen aus dem Videoclip und Fotos von Jane Korman. Quelle: Korman
Anzeige

Im Juni 2009 reiste der 89-jährige, aus Polen stammende Jude, der mittlerweile in Australien lebt, mit seiner Tochter, vier seiner sechs Enkelkinder und einer Nichte nach Deutschland, Polen und Tschechien.

Die Stationen ihrer außergewöhnlichen Tour: die Konzentrationslager in Auschwitz, Lodz, Theresienstadt und Dachau sowie die Maisel-Synagoge in Prag. An all diesen Orten stellten sich Kohn und seine Enkel in einer Reihe auf und tanzten. Die Tanzeinlagen filmte Kohns Tochter Jane Korman, die als Künstlerin arbeitet, schnitt daraus ein rund vier Minuten langes Video und legte unter die Aufnahmen die Musik des Diskoklassikers „I Will Survive“. Das Video wurde im vergangenen Dezember in einer Galerie in Melbourne präsentiert. Doch Wellen schlug der Videoclip erst, als Jane Korman den Kurzfilm mit dem Titel „I Will Survive: Dancing Auschwitz“ vor einigen Wochen bei YouTube hochlud.

Anzeige

Innerhalb kürzester Zeit erreichte das Video mehr als eine halbe Million Abrufe. Korman stellte weiteres Videomaterial der Reise ins Internet, und auch diese Clips wurden zigtausendmal angeschaut. Die Reaktionen auf das Tanzvideo fielen kontrovers aus: Aufgebrachte Leser der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ etwa warfen Kohn vor, er tanze auf den Massengräbern und beschmutze das Andenken der Ermordeten. Im „Haaretz“-Artikel selbst äußerte Piotr Kadlcik, der der jüdischen Gemeinde Polens vorsteht, Verständnis für Kohn. „Vielleicht war es wichtig für ihn“, wird Kadlcik zitiert, „sich gegen diejenigen zu wehren, die die Juden zerstören wollten.“ Wäre Kohn nicht Jude und Holocaust-Überlebender, hätte Kadlcik die Aktion „höchst unangebracht“ gefunden. „Diese Menschen haben Dinge erlebt, die wir uns – glücklicherweise – nicht vorstellen können.“

Auch in Deutschland sorgt der Clip für Gesprächsstoff. Das Video sei „geschmacklos“, sagte Michael Wolffsohn, jüdischer Historiker an der Universität der Bundeswehr in München. Es sei eine peinliche Selbstvermarktung. Henryk M. Broder dagegen schreibt im „Spiegel“, dass das Video nicht nur ein Tabubruch und eine Provokation sei, sondern vielmehr eine „kluge Antwort“ auf die Frage, „wie man an etwas erinnern kann, das im Steinbruch der ,Erinnerungskultur‘ längst zu historischem Schotter verarbeitet wurde“.

Darf man, auch wenn man den Holocaust überlebt hat und Familienangehörige im KZ ermordet wurden, in Auschwitz tanzen? Die Zuschauer bei YouTube zumindest reagieren überwiegend positiv. „Wer die Auschwitz-Hölle überlebt und wie er viel in seinem Leben erreicht hat, hat jedes Recht, so ein Video zu machen“, schreibt ein Nutzer namens „codeygmx“. Auch „Bessie1991“ ist begeistert: „Was für eine Hommage an das Leben!“ Und „realpirate“ bekommt sich gar nicht mehr ein. „Ich singe den Text laut mit, während ich vor Freude weine – ein Fest des Lebens“, schreibt der aus Holland stammende Nutzer, „Teile meiner Familie starben in Auschwitz und Theresienstadt. Männer wie Herr Kohn erinnern mich daran, dass am Ende wir gewonnen haben. Die Guten haben gewonnen, deswegen bin ich heute hier. Masel tov und danke für dieses großartige Video.“ Die Industrie indes interessiert sich vor allem für die Rechte am Lied „I Will Surive“: Eines der Reisevideos, die Jane Korman bei YouTube hochgeladen hatte, wurde mittlerweile gesperrt, da es Inhalte von Sony Music Entertainment enthalte. Auch die APRA, eine Organisation der australischen Musikindustrie, hat von Nutzern kopierte und erneut eingestellte Versionen des Kohn-Videos wegen vermuteter Urheberrechtsverletzungen sperren lassen.

Jane Korman hat ihren Vater und ihre Mutter Maria, ebenfalls eine Holocaust-Überlebende, gefragt, wie sie den Film fänden, bevor sie ihn ins Internet stellte. Beide hätten sie angeschaut und gesagt: „Wir kamen aus der Asche, nun tanzen wir.“

Medien Dokumentarfilm „NoBody’s Perfect“ - Contergan-Opfer zeigen sich nackt vor der Kamera
09.08.2010