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22:21 05.11.2015
Screenshot aus Twitters Werbe-Clip, mit dem das Unternehmen erklärt, wofür das Herz im Kurznachrichtendienst stehen soll. Quelle: Twitter
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Hannover

Es ist nur ein kleiner Schritt für ein soziales Netzwerk – aber ein großer Schritt für seine 300 Millionen Kunden: Knapp zehn Jahre nach seiner Gründung hat der Kurznachrichtendienst Twitter sein Favoritensystem geändert. Statt des vertrauten Sternchens gleich neben dem "Retweet"-Button ist unter jedem Tweet ab sofort ein Herzchen zu finden. Herz statt Stern – was klingt wie eine kosmetische Petitesse im digitalen Bällebad, ist für die traditionell eigenwillige Twitter-Gemeinschaft Anzeichen für einen tief greifenden Kulturwandel.

Aufschrei im Netz

Auch bei Twitter ist also künftig nicht mehr von "Favoriten" (oder "Favs") die Rede, sondern von "Likes". Aufschrei im Netz: Will Twitter das neue Facebook werden? "Likes"? Ein Herzchen? Ernsthaft? Nimmt die Verniedlichung der Welt denn gar kein Ende?

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Im Gegensatz zu einem "Like" bei Facebook konnten die Sternchen, die Twitterer untereinander verteilten, alles Mögliche heißen: "Das merke ich mir", "Yes!", "Ende der Diskussion", "Check", "Lese ich später", "Ich fühle mit dir" oder "Du mich auch".

Stern war angeblich zu kompliziert

Forscher aus Nottingham und Regensburg haben nicht weniger als 25 mögliche Bedeutungsvarianten von Twitter-Sternchen ermittelt. Ein gelungener Tweet, der Hunderte von Sternchen sammelte, leuchtete in die Nacht hinaus wie ein Oscar-Wilde-Bonmot, das die Jahrhunderte überdauert hat. Das Sternchen stand stellvertretend für eine ganze Batterie emotionaler Regungen. Und das ist es, was die Sache kompliziert machte. Nicht für die Twitterer. Aber für Twitter.

Zu schwierig, befand der Konzern. "Der Stern hat Neueinsteiger verwirrt", schreibt Twitter-Produktmanager Akarshan Kumar im hauseigenen Firmenblog. "Das Herz ist dagegen ein universelles Symbol, das in allen Sprachen, Kulturen und Zeitzonen Anklang findet."

Aktionäre finden das nicht lustig

Tatsächlich ist Twitter ein komplexes Gebilde. Seit Jahren stagniert die Zahl der aktiven Nutzer praktisch. Im vergangenen Quartal kamen nur drei Millionen dazu. Die Aktionäre finden das nicht lustig, die Aktie steht massiv unter Druck. Denn so richtig verdient Twitter Inc. noch immer kein Geld, trotz der wachsenden Flut sogenannter "sponsored Tweets", also Werbung.

Mitgründer Jack Dorsey, seit Anfang Oktober Chef des Unternehmens, probiert viel herum, um für mehr Bewegung auf seinen Servern (und seinen Konten) zu sorgen. Gerade hat er angekündigt, 8 Prozent der 3600 Angestellten zu entlassen.

Es explodiert wie Sternenstaub

Immer wieder werden Gerüchte gestreut, dass die Aufhebung der strengen 140-Zeichen-Grenze für Tweets unmittelbar bevorstehe. Das wäre ein Affront für Traditionalisten, die den Zwang zur sprachlichen Präzision schätzen. Bei Direktnachrichten – nach Whats-app-Vorbild – sind bereits 10.000 Zeichen erlaubt.

Nun also das Herz, das beim ersten Anklicken auch noch explodiert wie Sternenstaub in einem Disney-Cartoon. Es sei "ausdrucksstärker", schreibt Kumar. Die Marktforschung habe gezeigt: "Die Leute lieben es."

Ein weiterer Klischeebaustein

Genau das ist das Problem. Die Sache mit der Liebe. Twitterer sehen sich gern als ironisch-distanzierte Gegenöffentlichkeit zum juvenilen, impulsiven Facebook, wo zwischen Liebe und Hass keine Graustufen gelten. Dass unter Tweets jetzt auch "Gefällt mir" steht wie bei Mark Zuckerbergs psychologisch unterkomplexem Teenagerspielplatz, empfinden viele als Eingriff in die tradierte Diskussionskultur. Unter dem Hashtag "#heartgate" empört man sich mit medienüblicher Emphase ("Twitter! Geh nach Hause, du bist betrunken!").

Tatsächlich aber ist das Herzchen ein weiterer Kitschbaustein auf dem Weg zur vollständigen Verniedlichung des öffentlichen Lebens. Überall regiert das Knuffig-Putzige. In einer infantilisierten Welt, in der Frauenzeitschriften Cupcakes backende Hausmütterchen zum Ideal erheben, in der sich Teenager mit "Zuckerschneckchen" und "Süße" begrüßen, in der sich volljährige Männer mit den Worten "Happy Purzeltag" gratulieren, wird Erwachsensein zu einer Art "Kindheit mit Kreditkarte".

Soll man Manuela Schwesig "anherzen"?

Je mehr eine Gesellschaft altert, desto verzweifelter klammert sie sich an die Merkmale der Jugend. 30-jährige Frauen kleiden sich wie 13-jährige Mädchen. 13-jährige Mädchen kleiden sich wie 30-jährige Frauen. Chatverläufe auf dem Smartphone erwachsener Menschen sehen inzwischen aus wie früher nur Diddl-Kalender und "Ohne dich ist alles doof"-Bettwäsche.

Exzessiver Mitteilungsdrang war einst ein Pubertätsmerkmal. Das Herzchen bei Twitter steht symptomatisch für das schleichende Verschwinden dessen, was einmal als "erwachsen" galt: Rücksicht, Selbstbeherrschung, eine Diskussionskultur, die nicht nur Wohl oder Wehe, Liebe oder Hass, toll oder scheiße kennt. Und der Verzicht auf Kraftmeierei und plumpe Vertraulichkeit.

Was aber ist ein explodierendes, knallrotes Liebessternchen anderes als plumpe Vertraulichkeit? Soll man Familienministerin Manuela Schwesig "anherzen", bloß weil einem ihr Tweet gefällt? Müssen wir uns alle liebhaben, nur weil Twitter das will?

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