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Medien Hass gegen Tiktok-Kanal „Mitreden“: Morddrohungen für feministische Videos
Mehr Welt Medien Hass gegen Tiktok-Kanal „Mitreden“: Morddrohungen für feministische Videos
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20:34 16.06.2021
Der Tiktok-Kanal „Mitreden“ erfährt eine Welle des Hasses.
Der Tiktok-Kanal „Mitreden“ erfährt eine Welle des Hasses. Quelle: Fabian Sommer/dpa
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Berlin

Beleidigungen, sexuelle Belästigung, Gewaltandrohungen. Der Posteingang von Maria Popov war in den vergangenen Wochen voll von derartigen Nachrichten. Der Grund: Popov moderiert ein Format auf Tiktok, das den Namen „Mitreden“ trägt. In kurzen Videoclips setzen sich drei Moderatorinnen, darunter Popov, mit Themen wie Gleichstellung, LGBT und Alltagsdiskriminierung auseinander. Die Clips jedoch treiben Teile der Community so sehr zur Weißglut, dass die Lage zeitweise völlig eskalierte.

Zunächst habe man die Kommentarfunktion auf dem Kanal einschränken müssen, berichtet Projektleiterin Rike Schiller dem RND, die Redaktion löschte massenhaft unsachliche Beiträge. Doch die Hetzer ließen nicht locker und wichen auf die privaten Instagram-Profile der Moderatorinnen aus. Hier habe es massenhaft beleidigende Privatnachrichten gehagelt, teils mit Morddrohungen.

Die Folge: Zwei der Moderatorinnen sind inzwischen aus dem Projekt ausgestiegen, wie Schiller bestätigt. Im Falle von Popov sei Hassrede zwar nicht der primäre Grund für ihren Rückzug gewesen, sie habe jedoch dazu beigetragen, sagt sie dem RND. In Hochphasen habe die Moderatorin neben Gewaltandrohungen und sexueller Belästigung auch sogenannte Doxing-Androhungen erhalten. Beim Doxing werden personenbezogene Daten von Personen veröffentlicht, um ihnen zu schaden.

Ihre Tätigkeit bei „Mitreden“ wolle sie nun ruhen lassen, sagt Popov. „Der Tiktok-Algorithmus erkennt mich sofort als ‚Mitreden‘-Gesicht, und egal, auf welchem Kanal ich auftauche, es scheint kaum möglich, sich konstruktiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen.“

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Aufklärungsvideos für junge Leute

Doch was ist passiert? Was ist „Mitreden“ für ein Kanal? Und wie konnte die Lage so derartig eskalieren?

Produziert werden die kurzen Videos von der Produktionsfirma Drive Beta in Berlin, die Videoprojekte für verschiedene Fernseh- und Internetproduktionen, aber auch für Unternehmen realisiert. Finanziert wird das Projekt „Mitreden“ bis heute von einem Tiktok-Förderprogramm, das den Titel „Lernen mit Tiktok“ trägt. Insgesamt 4,5 Millionen Euro investiert die Plattform in Deutschland in die Förderung von Videomacherinnen und -machern, die „lehrreiche Kurzvideos erstellen“.

Schon früher habe man verschiedene Videoprojekte auf Tiktok veröffentlicht, etwa den Kanal „Doktor Sex“, erklärt Projektleiterin Schiller. Der Kanal wurde hier ein riesiger Erfolg. Zunächst als unabhängiges Projekt gestartet, hat „Doktor Sex“ inzwischen 770.000 Follower und einen Werbepartner, eine Krankenkasse, die in jedem Video als Sponsor auftritt.

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Unterschwellig Diskriminierung erklären

Der Kanal „Mitreden“ sollte eine ähnliche Erfolgsgeschichte werden. Eine Mitarbeiterin der Produktionsfirma habe die Idee dazu gehabt, berichtet Schiller. Der Plan: Mit kurzen Clips ein Bewusstsein für Themen wie etwa Alltagsdiskriminierung, Gleichstellung und andere aktivistische Themen schaffen. Da die Zielgruppe auf Tiktok sehr jung sei, wollte man dies möglichst unterschwellig angehen – „sodass es auch Zwölfjährige verstehen“, erklärt Schiller.

Gesagt, getan. Im Dezember 2020 erscheint das erste Video auf dem Kanal „Mitreden“. Moderatorin Popov skizziert in typischer Tiktok-Manier die Probleme junger LGBT-Menschen. „Mach einen Finger runter, wenn du dein ganzes Leben dachtest, du bist heterosexuell, weil dir nichts anderes vorgelebt wurde, du dich dann aber in eine Frau verliebt hast und dann dachtest, du bist bisexuell, du dich dann aber in eine nicht binäre Person verliebt hast und gemerkt hast, das Geschlecht ist dir eigentlich total egal.“ Gehe man nach „Labels“, sei Popov somit pansexuell, erklärt sie.

Das Video kommt gut an: „Wie du mein ganzes Leben gerade beschrieben hast, Bruder“, kommentiert beispielsweise ein Nutzer. „Omg, das bin ich“, schreibt eine andere Userin. „Sie kennt mein Leben“, kommentiert ein anderes Mädchen. Manche Kommentatorinnen und Kommentatoren beschreiben ihre eigene Geschichte und berichten von ihren eigenen Unsicherheiten bezüglich ihrer sexuellen Orientierung.

Kanal treibt Männer zur Weißglut

Es folgen weitere Videos. Die Moderatorin Ashley Forsson beispielsweise berichtet von sogenannten Mikroaggressionen gegenüber schwarzen Menschen – „1000 kleine Mückenstiche, die einzeln nicht so wehtun, aber in Summe doch schon sehr“. Die dritte Moderatorin im Bunde, Victoria Reichelt, erklärt den sogenannten Bechdel-Test – ein Hilfsmittel, um auf Geschlechterklischees in Spielfilmen oder Serien hinzuweisen. Innerhalb kurzer Zeit sammelt der Kanal mehrere tausend Abonnentinnen und Abonnenten, heute sind es 73.000.

In vielen der Videos spielen die Moderatorinnen zunächst kurze, teils etwas provokante Sketche, um dann auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. „Feminismus in Deutschland braucht doch kein Mensch mehr“, mimt Reichelt beispielsweise mit angeklebtem Schnurrbart einen Mann, um ihm dann zu erklären, warum es ihn eben doch noch braucht. In einem anderen Video mimt Popov einen Mann, der Transpersonen nicht anerkennen will, weil es seiner Ansicht nach ja nur „zwei Geschlechter“ gebe. Immer wieder wird das Stilmittel mit dem Schnurrbart eingesetzt.

Innerhalb der Tiktok-Community bringt jedoch genau das einige Nutzer, vor allem junge Männer, auf die Palme. Es erscheinen erste Reaktionsvideos, sogenannte „Stitches“, die sich massiv über die Beiträge vom „Mitreden“ aufregen oder sich darüber lustig machen. Dass in den Videos des Kanals vor allem Männer als rückwärtsgewandt dargestellt werden, scheint sie massiv zu verärgern. Auch der erhobene Zeigefinger der Videos kommt nicht gut an. Insbesondere im Februar und März erscheinen unzählige Reaktionsvideos auf die Beiträge von „Mitreden“.

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Parodien von Tiktok-Nutzern

Besonderes häufig parodiert wird dabei ein Video, in dem der Kanal die unrealistische Darstellung von Blut in Werbefilmen für Hygieneprodukte anprangert. Demnach sei das Blut in der Tamponwerbung häufig blau oder mit Glitzer verziert – in Horrorfilmen hingegen spritze das Blut nur so. Das nenne sich „Periodenshaming“.

Teile der Tiktok-Community lässt das Thema nicht los. Unzählige Reaktionen erscheinen auf das Video. „Du musst aufhören, so viel Schokolade zu essen, Schokolade ist ungesund“, parodiert ein Nutzer den Kanal. „Stopp, das ist Schokoladenshaming.“ Ein anderer: „10,8 Milliarden Menschen kacken, aber das Klopapier ist nicht braun. Das nennt man Poopshaming.“

In anderen Videos wird dazu aufgerufen, der Kanal „Mitreden“ solle „sich löschen“. Ein Nutzer macht Stimmung gegen eine der Moderatorinnen, die mit einem anderen Projekt bei einer Preisverleihung nominiert ist. Ein Tiktoker reagiert auf das Video über Transpersonen. „Das ist ein 50-Euro-Schein, er identifiziert sich aber als 500-Euro-Schein, also diskriminiert ihn bitte nicht.“

Moderatorin wird beleidigt

In zahlreichen Videos werden hinter ein „Mitreden“-Zitat frauenfeindliche Aussagen geschnitten, etwa von bekannten Rappern. Ein junger Mann hat dem Kanal „Mitreden“ inzwischen einen kompletten Parodie-Account gewidmet, 167.000 Menschen folgen ihm. Bei vielen Videos schreitet Tiktok selbst ein und löscht die Beiträge.

In den Kommentarspalten des Kanals „Mitreden“ muss man nach unterstützenden Beiträgen inzwischen lange suchen, stattdessen regiert hier der Spott. Das erste Video, das über Pansexualität aufklärt, wird geflutet von Kommentaren, die das Thema ins Lächerliche ziehen. Pansexuell? „Ich bin eine Biene“, meint einer, oder „Ich bin eigentlich ein Elefant“ oder „Ich bin eine Gurke“. Andere beleidigen die Moderatorin direkt: „Ich hoffe, du wirst wieder gesund.“

Vollends eskaliert die Lage, als die Tiktok-Videos schließlich den Weg in die Youtube-Community schaffen. Mehrere große Kanäle, ebenfalls allesamt junge Männer, spotten in eigenen Videos über die Clips. Sie nennen sich AlphaKevin, Just Nero oder KuchenTV. Letzterer, ein selbst ernannter Meinungsblogger, hat 1,19 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten.

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Blogger löst Hasswelle aus

KuchenTV bezeichnet „Mitreden“ als „feministischen Hetzkanal“. Der Blogger ist der Ansicht, die Betreiberinnen propagierten mit ihren Antidiskriminierungsvideos „Rassismus gegen Weiße“, und fordert sie auf, auch mal dieses Thema anzusprechen. Männer würden zudem beim Sorgerecht benachteiligt, auch dieses Thema vermisse der Blogger auf dem Kanal, wie er sagt. Und ganz grundsätzlich würden „Probleme von Männern“ bei „Mitreden“ gänzlich ignoriert. Auch glaubt KuchenTV, der Kanal „Mitreden“ würde Fehlinformationen verbreiten, oder zumindest Dinge, für die es keine wissenschaftlichen Belege gebe. Knapp 1 Millionen Aufrufe hat das Video bis heute, und damit deutlich mehr als die Original-Clips von „Mitreden“.

Gleich mehrere Videos auf unterschiedlichen Kanälen widmet KuchenTV dem Kanal „Mitreden“. Keines der Videos ist beleidigend - doch die Community weiß offenbar, was sie zu tun hat. Nicht zuletzt die Videos des Bloggers hätten die Hasswelle endgültig ins Rollen gebracht, sagen die Macherinnen von „Mitreden“ heute. Auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) hat der Betreiber des Kanals KuchenTV bislang nicht geantwortet.

In einem späteren Video jedoch appelliert der Blogger an seine eigene Community – sie möge bitte andere nicht beleidigen, sondern Kritik sachlich vortragen. Allerdings gibt er den Betreiberinnen von „Mitreden“ im selben Atemzug eine Mitschuld. Es sei doch „klar, dass so, wie ihr mit Kritik umgeht, sich die Fronten immer weiter verhärten und sich das Ganze immer weiter hochpusht.“ Gemeint sei damit das Löschen von Kommentaren, zudem würden die Betreiberinnen nicht auf Kritik eingehen. Es sei doch „klar, dass sich die Leute dann irgendwann verarscht fühlen und einen härteren Umgangston einschlagen, weil sie einfach nicht wahrgenommen werden“. Da müsse man „sich nicht wundern“.

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Falsche Gerüchte

Ein selbst ernannter „Ex-Polizist“ legt mit einem Video nach und empört sich über eine „radikale Feministinnenbubble“ und ebenfalls darüber, dass „kritische Kommentare“ bei Tiktok entfernt worden seien. Gleichzeitig suggeriert der Youtuber, der Kanal „Mitreden“ werde von den öffentlich-rechtlichen Sendern finanziert. „Hass und Hetze finanziert durch uns?!“, heißt es in der Überschrift. Die Moderatorinnen würden vermutlich öffentlich-rechtliche Studioausstattung nutzen, die „durch unsere Gelder finanziert wurde“, raunt er – belegen könne er das aber nicht.

Das Gerücht, das Projekt könne aus öffentlich-rechtlichen Geldern finanziert worden sein, habe den Hass massiv verstärkt, erklärt Rike Schiller heute. Dabei wurde das Gerücht vom „Mitreden“-Team hinlänglich widerlegt.

Einige der Moderatorinnen sind aus öffentlich-rechtlichen Formaten bekannt, „Mitreden“ hingegen sei „nicht von funk“, wie es deutlich in der Bio des Kanals inzwischen heißt. Auch das Studioequipment gehört keinem öffentlich-rechtlichen Sender, sondern der Produktionsfirma Drive Beta. Sowohl das Video des Ex-Polizisten als auch dessen Überschrift und Beschreibung wurden bis heute nicht geändert, gleiches gilt für viele weitere Videos mit ähnlichen Vorwürfen.

Hasswelle kam überraschend

Projektleiterin Rike Schiller haben die heftigen Reaktionen auf die Clips überrascht. Man habe die Tiktok-Community bisher als „friedliche Community“ wahrgenommen, ganz anders als etwa bei Youtube. Bei Formaten wie etwa „Doktor Sex“ sei man mit zahlreichen interessierten Kommentaren nahezu überschwemmt worden, sagt Schiller. Bei „Mitreden“ sei das völlig anders. Die Welle des Hasses sei so groß gewesen, dass selbst den erprobten Moderatorinnen ein solches Ausmaß bislang fremd gewesen sei.

Schiller glaubt, dass es sich bei den Hetzern nicht um die junge Zielgruppe handele, für die das Format eigentlich gedacht sei. „Das sind junge Männer zwischen 20 und 40, die offenbar Angst haben, dass ihnen der Feminismus etwas wegnimmt“, vermutet sie. Bei Videos zum Thema Gleichstellung beispielsweise würden beinahe gebetsmühlenartig die immer gleichen „Whataboutismen“ in die Kommentare gefeuert, sodass eine Diskussion über das eigentliche Thema kaum möglich sei. Die von KuchenTV angesprochene Sorgerechtsdebatte etwa gehöre dazu.

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Neue Moderatoren steigen ein

Allerdings räumt Schiller auch selbst Fehler ein – und kündigt einige Änderungen für das Format an. Auf das Stilmittel der Sketche wolle man zwar auch weiter setzen, jedoch nicht mehr so konfrontativ an die Sache herangehen. Der Kanal „Mitreden“ solle zum Nachdenken anregen, jedoch keine Zuschauer „in die Ecke drängen“.

Auch wolle man künftig eigene Meinungen der Moderatorinnen und Moderatoren stärker kennzeichnen. In der Community seien einige Erfahrungsberichte häufig als Fakten missverstanden worden – das wolle man jetzt mit Einblendungen verhindern.

Ein Erfolg sei „Mitreden“ aber trotz des Hasses, sagt Schiller. Nach wie vor bekomme man auch viel positives Feedback, die Empörungswelle sei nicht mehr so stark wie in den Anfangstagen. Auch Popov sagt, dass sich die Lage inzwischen „wieder beruhigt“ habe. Bis mindestens Ende des Jahres wolle man das Projekt weiterführen, dann jedoch mit zwei neuen Moderatorinnen und Moderatoren. Popov selbst wolle sich nun „anderen Formaten und anderen Zielgruppen widmen“, sagt sie. Neben ihr verlässt auch Victoria Reichelt das Projekt.

Von Matthias Schwarzer/RND

Der Artikel "Hass gegen Tiktok-Kanal „Mitreden“: Morddrohungen für feministische Videos" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.