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Medien Hans W. Geißendörfer spricht über 25 Jahre „Lindenstraße“
Mehr Welt Medien Hans W. Geißendörfer spricht über 25 Jahre „Lindenstraße“
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19:42 10.12.2010
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Herr Geißendörfer, am Sonntag feiert die „Lindenstraße“ ihren 25. Geburtstag – mit der 40-minütigen Folge „Iffi und Klaus“. Am Sonnabend gibt es in der ARD eine Sonderfolge um 23.15 Uhr und eine „Kultnacht“ von 23.45 Uhr an. Mit welchen Gefühlen betrachten Sie das Jubiläum?
Zuallererst mit Dankbarkeit. Wir haben im Ensemble immer noch zehn Schauspieler, die seit Beginn dabei sind. Und ich bin auch stolz darauf, dass wir als Team immer noch zusammen sind und dass hier auf dem WDR-Gelände in Bocklemünd über die Jahre eine Produktionsgemeinschaft entstanden ist, die für die 85 Menschen, die hier arbeiten, zu einer zweiten Heimat geworden ist.

Viele Menschen rümpfen bei der Erwähnung der „Lindenstraße“ die Nase. Können Sie sich das erklären?
Serien hängt seit jeher der Beigeschmack des Trash und des Trivialen an. Der Fernsehfilm ist eine Klasse höher angesiedelt, und der Kinofilm ist schließlich die Königsklasse – und das ist auch vollkommen in Ordnung. Ich hatte nie Angst vor der Trivialität der „Lindenstraße“, ich habe sie im Gegenteil ganz bewusst gesucht. Ich wollte mit der Serie Themen behandeln, die ansonsten nicht in der Unterhaltung vorkommen: Aids, Homosexualität, Ausländerhass, Ehebruch oder Magersucht. Trotzdem tut es natürlich immer noch weh, wenn Leute beim Namen „Lindenstraße“ die Nase rümpfen. Solche Leute gibt es leider auch innerhalb der Anstalten ...

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Innerhalb der ARD?
Ja, es gibt einige Verantwortliche innerhalb der ARD – und es sind gar nicht wenige –, die sich noch nie eine ganze Folge „Lindenstraße“ konzentriert angesehen haben. Und mit denen muss ich als Produzent dann über den Sendeplatz, Werbemaßnahmen oder die Finanzierung diskutieren.

Haben Sie nach 25 Jahren, Hunderten von Handlungssträngen und unzähligen Figuren eigentlich noch den Überblick?
Ja. Das ist alles in meinem Kopf gespeichert, wie in einem Computer, es muss nur angerüttelt werden. Ich brauche einen Anstoß, und dann kann ich alles abrufen. Solche Anstöße kommen meist, wenn ich mir alte Folgen ansehe – dann bin ich gedanklich sofort wieder am Drehort oder am Schreibtisch.

Und? Würden Sie selbst gerne in der „Lindenstraße“ wohnen?
Ich habe als Kind in einer Art „Lindenstraße“ gewohnt – in meiner fränkischen Heimatstadt Neustadt an der Aisch, dort hieß sie allerdings Bismarckstraße. Ich bin dort in einem Mehrfamilienhaus aufgewachsen, das ziemlich ähnlich besetzt war wie das Haus „Lindenstraße Nr. 3“ in der Serie. Fünf Familien links, fünf Familien rechts. Allerdings waren diese Familien alle vaterlos, da es ein Haus war, das der evangelischen Kirche gehörte. Pfarrerswitwen, deren Männer im Krieg gestorben oder nach dem Krieg in Gefangenschaft waren, konnten dort günstig mit ihren Kindern wohnen. Auch ich bin ja ohne Vater aufgewachsen, er war in der Sowjetunion als Militärgeistlicher gefallen. Ohne die Erfahrung vom Leben in einem Mietshaus wäre ich sicher auch nie auf die Idee gekommen, über so etwas zu schreiben. Ohne Lebenserfahrung kann man kein guter Autor sein.

Die Einschaltquoten der „Lindenstraße“ sind zuletzt gesunken. Haben Sie manchmal Angst, dass es die Serie irgendwann nicht mehr geben könnte?
Die Quote ist glücklicherweise seit zwei Jahren auf gutem Niveau wieder relativ stabil. Was jedoch von Woche zu Woche steigt, das ist die Nutzung übers Internet. Wir bieten die Folgen seit einiger Zeit ja auch als Videostream oder Podcast auf unserer Homepage an, sodass man sie sich beispielsweise auch auf dem Handy ansehen kann. Wir können wirklich sagen, dass diese Internetnutzung rapide steigt. Diese Zuschauer müsste man bei der Quotenberechnung eigentlich noch mit einbeziehen. Um allerdings noch einmal auf die reine Fernsehquote einzugehen: Das Verfahren, wie diese ermittelt wird, halte ich sowieso in Teilen für fragwürdig.

Inwiefern?
Unter den Leuten, die die Einschaltquote fabrizieren – 4000 bis 5000 deutsche Haushalte – ist, soviel ich weiß, kein einziger Türke. Und das, obwohl diese Menschen eine der größten Migrationsgruppen in Deutschland bilden. Warum werden diese Migranten nicht berücksichtigt? Die „Lindenstraße“ hat zum Beispiel ein sehr gutes türkisches Publikum – 300.000 bis 400.000 Zuschauer sind das bestimmt jede Woche. Aber dieses Publikum fällt einfach durchs Raster.

An Geburtstagen darf man sich etwas wünschen. Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre „Lindenstraße“?
Der wichtigste Wunsch ist, dass es uns erlaubt bleibt, weiterhin frei zu erzählen, und dass sich keine – wie auch immer geartete – Zensur einschleicht. Ich möchte, dass die „Lindenstraße“ immer kontrovers diskutiert wird. Wenn uns irgendwann alle mögen, sind wir tot.

Interview: Christian Rohm

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