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10:17 09.05.2012
Philip Walulis wird für seine TV-kritische Show bei Kabel 1 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Quelle: SWR/Gert Krautbauer
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Hannover

Philipp Walulis (31) begann seine Karriere beim Münchener Studentenradio M94.5. Für RTL II moderierte er seit 2008 die Kindersendung „My Pokito“. Seit 2011 ist der studierte Theaterwissenschaftler als Reporter für die wöchentliche TV-Sendung „DASDING.tv“ beim SWR im Einsatz. Ende 2011 startete er mit Freunden im eigenen Wohnzimmer die TV-Satire „Walulis sieht fern“, die jetzt mit einem Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung ausgezeichnet wurde. Von Mittwoch an läuft die Sendung immer mittwochs um 20.15 Uhr im digitalen ARD-Spartenkanal Eins plus.

Herr Walulis, mit Ihrer Sendung „Walulis sieht fern“ haben Sie gerade den Grimme-Preis gewonnen – dabei lief das Format bei einem Sender, den keiner kennt und um eine Uhrzeit, zu der alle schlafen. Was ist da schiefgelaufen? 

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(lacht) Jeder fängt ja mal irgendwo klein an. Und uns hatte das Schicksal eben den Sendeplatz um 0.40 Uhr zugewiesen. Charmant war auch, dass ausgerechnet eine medienkritische Sendung wie unsere von Erotikwerbung unterbrochen wurde. Ich bin Tele 5 aber immer noch dankbar, dass sie uns eine Bühne gegeben haben.

Richtig bekannt geworden sind Sie vorher bei YouTube mit der „Tatort“-Parodie – der „Tatort in 123 Sekunden“. Sie wurde mehr als 400 000 Mal angeklickt. Wäre die Jury auch ohne diesen Clip auf Ihre Sendung aufmerksam geworden?

Der Clip hat entscheidend dazu beigetragen, dass wir überhaupt wahrgenommen wurden. Tele 5 hätten um 0.40 Uhr sonst nur Menschen eingeschaltet, die Erotikwerbung ohne Programmunterbrechung erwarten. Durch den Film konnten wir uns einen kleinen Stamm von 100. 000 Zuschauern aufbauen.

Sie klingen immer noch so, als könnten Sie das mit dem Grimme-Preis gar nicht glauben?

Das ist auch so. Als wir uns darum beworben haben, haben wir gedacht: Wir können es ja mal probieren. Die Nominierung selber war eine Überraschung, vor allem, wenn man die Namen der Konkurrenz gehört hat. Die „heute-show“. „Pastewka“. „Stromberg“. Und „neoParadise“. Uiuiui.

Sogar Darsteller von „Tatort“-Kommissaren wie Maria Furtwängler haben den Clip mit dem Kurz-„Tatort“ verlinkt. Was hat die gute alte Tante ARD dazu gesagt?

Gar nichts, die ARD spricht ja auch nicht – oder wenn doch, erst, nachdem die Intendanten konferiert haben. Vielleicht können wir in einem Jahr mit einem Statement rechnen.

Der „Tatort“ gilt als heilige Kuh der deutschen Fernsehunterhaltung. Was stört Sie daran?

Manche Folgen strotzen nur so vor oberlehrerhafter Sozialkritik, andere scheinen der Versuch zu sein, sich beim „Sundance“-Filmfestival zu bewerben. Ich persönlich bin auch nicht der größte Fan von Ermittlerteams, die sich über Jahrzehnte nicht weiterentwickelt haben. Umso mehr freue ich mich dann, wenn mit Ulrich Tukur (dessen Kommissar an einem Tumor im Kopf leidet, d. Red.) und dem hessischen „Tatort“ mal was vollkommen Neues kommt.

Stimmt es, dass Sie Ihren Grimme-Preis als Tannenbaumspitze verwenden?

Das ist der Plan. Der Sockel ist zwar schwerer als gedacht, aus Marmor, aber wenn man den abflext, könnte man den Rest auf eine Tanne stopfen. Er sieht aus wie ein Stern. Wär mal was Neues. Warum sollte man so einen Preis auf die Toilette stellen?

Immerhin hat der Preis dazu geführt, dass „Walulis sieht fern“ jetzt bei ARD-Sender Eins plus läuft. Sind Sie der neue Oliver Kalkofe – bloß in öffentlich-rechtlich?

Nein. Das würde ich mir nicht anmaßen wollen. Wir kämpfen zwar beide für ein besseres Fernsehen, doch wir unterscheiden uns in der Wahl der Mittel. Kalkofe ist ätzender. Wir versuchen es mit einem Augenzwinkern.

Aus Respekt vor den Darstellern – oder aus Angst vor Gegendarstellungen?

Weil das meine Art ist. Ich bin eigentlich ein höflicher Mensch. Wir wollen die Leute danach ja auch noch treffen.

Inzwischen haben Sie fast alle Genres abgegrast. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen der Stoff ausgeht?

Wir sind frohen Mutes, dass uns die RTL-Gruppe in den nächsten zehn Jahren noch das eine oder andere Format anliefert, das es verdient, parodiert zu werden.

Dabei passiert im Fernsehen wenig Neues, wie sie die Welle der Castingshows zeigt. Sobald ein Format einschlägt, wird es bis zum Gehtnichtmehr kopiert.

Wobei es meistens so ist, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender auf Sendungen stürzen, die bei RTL oder PRO7 gut gelaufen sind. Jüngstes Beispiel ist der sogenannte „Markencheck“ in der ARD. Der war nur ein bisschen fundierter als eine aufgeblasene „Galileo“-Sendung. Da sieht man mal, was eine Dachmarke ausmacht. Das ist der Kerner-Effekt.

Erklären Sie doch bitte mal, wie der funktioniert.

Belangloser Talk wird plötzlich als hochwertiger Journalismus wahrgenommen, sobald ein Moderator die ZDF-Mütze aufsetzt. So wiegt er das Publikum in dem Glauben, es könnte ein Plan dahinterstecken – oder möglicherweise sogar Intellekt. Als Johannes B. Kerner zurück zu SAT.1 ging, interessierte  keinen mehr, worüber er talkte. Es war belangloses Blablabla.

Das eröffnet Ihnen jetzt bei Eins plus völlig neue Perspektiven. 

(lacht) Vorausgesetzt, Eins Plus wird in dem Bouquet digitaler Sender überhaupt wahrgenommen. Daran arbeiten wir.

Ist dort auch eine Parodie wie die auf den „Tatort“ möglich?

Davon gehe ich aus. Wir haben angedeutet, dass wir uns auch über das eine oder andere ARD-Produkt lustig machen werden.

Aber um den prominenten ARD-Sendeplatz, der jetzt frei wird, wenn Herr Gottschalk geht, haben Sie sich noch nicht beworben?

Nein, wir müssen uns erst mal in dem digitalen Wirrwarr zurechtfinden. Wir werden uns dann aber langsam auf der Fernbedienung nach oben vorarbeiten.

Interview: Antje Hildebrandt

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