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Medien Gottschalk wagt sich in die „Todeszone“
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20:06 20.01.2012
Von Imre Grimm
Von Montag an wagt Thomas Gottschalk einen Neustart in der ARD – mit einer Late-Night-Show am Vorabend
Von Montag an wagt Thomas Gottschalk einen Neustart in der ARD – mit einer Late-Night-Show am Vorabend Quelle: dpa
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Hannover

Er trägt jetzt öfter mal Mütze, das macht jünger. Er hat ein paar Kilo abgenommen. Er lässt twittern, er probiert mal an diesem Facebook-Dingsbums herum. Es soll bitte alles ganz cool und locker wirken, wenn sich Thomas Gottschalk ab Montag in die „Todeszone“ wagt, wie er selbst das nennt: ins ARD-Vorabendprogramm. Dahin, wo kein Gras mehr wächst. „Da stehe ich jetzt als Desperado. Einer gegen alle.“ 140-mal im Jahr.

Der Vorabend in der ARD, das ist totes Land. Die Quizversuche, die neuen Krimiserien unter der Dachmarke „Heiter bis tödlich“ – nichts hat gefruchtet. Man könnte sagen: Wenn es Thomas Gottschalk nicht schafft, den Vorabend im Ersten zu beleben, dann schafft es niemand. Dann kann die ARD von 19 bis 20 Uhr auch gleich ein Testbild senden.

Am Montag um 19.20 Uhr geht für den TV-Veteran das Rotlicht an. Neustart bei null. 22 Minuten hat er netto pro Livesendung, die Werbung abgerechnet. Es sind 22 streng durchgetaktete Minuten für den großen Improvisator, der bei „Wetten, dass ...?“ regelmäßig heftig überzog. Ein bisschen Stand-up-Comedy zum Auftakt, ein paar tagesaktuelle Gags, ein Einspieler, ein Interview mit einem Studiogast, ein bisschen Musik bis 19.50 Uhr. Premierengast ist Michael „Bully“ Herbig. „Gottschalk live“ ist im Prinzip eine Late-Night-Show – nur eben am Vorabend. Es ist nicht ausgemacht, dass das Erfolg hat.

Gottschalk müsse zu einer „täglichen Instanz“ werden, hofft der verantwortliche WDR-Redakteur Carsten Wiese. Sein Job ist des, den bis in die Haarspitzen motivierten Haufen junger Web-2.0-Typen in Gottschalks Redaktion zusammenzuhalten, die allesamt bei Twitter und Facebook wohnen und jetzt versuchen, zwischen der ARD und der Gegenwart zu vermitteln. Mit einem 61-Jährigen als Galionsfigur, der sagt, er sei „nahezu täglich auf Social-Media-Plattformen unterwegs, seit mein Sohn Tristan Ultraschallbilder vom Babybauch seiner Frau auf Facebook veröffentlicht hat“.

Mit Harald Schmidt liefert sich Gottschalk seit Tagen ein bizarres Twitter-Duell, das sich zum Running Gag entwickeln könnte: „lieber Tommy, netz im fernsehen ist der knaller. gruß harald“, twitterte Schmidt unter dem Twitternamen @patfan19801, etwas holprig assistiert von Partyexperte Helmut Zerlett (später sprang der deutlich kompetentere Jan Böhmermann ein). Gottschalks Antwort: „Lieber Harald, spiele diese Woche nur vor Testpublikum, aber habe dabei immer noch mehr Zuschauer als Du. Gruß Thomas.“ Die beiden Analoghelden Schmidt und Gottschalk wirken bei Twitter ein bisschen wie alte Männer auf einer Disko-Schaumparty. Aber das gehört jetzt halt dazu, selbst Frank Elstner hat 9500 Follower. Man kann sich nicht mit einer Redaktion von MacBook-Nerds umgeben und dann in der Sendung Preisausschreiben per Postkarte machen.

Warum macht der Gottschalk das? Warum legt der sich nicht einfach mit einem Cocktail an seinen Pool in Malibu? Weil er nicht so ist. Weil sich mit dieser Show ein Kreis in seiner Karriere schließen könnte: zurück zum anarchischen Grundton seiner Radioanfänge, zurück zum schnellen, aktuellen Gag. „Ich hab’ ja versucht, mir die Rente schönzureden“, sagte er dem „stern“, „aber je näher sie kam, desto mulmiger wurde mir“.

Sein Rohmaterial ist der Nachrichtentag. Die 20-köpfige Redaktion – 800 hatten sich beworben – zimmert daraus eine Sendung. Gottschalk wird im dritten Stock des stylischen Berliner Humboldt Carrés in einem 250 Quadratmeter großen Loft an einem aluminiumummantelten Schreibtisch aus Los Angeles sitzen, vor ihm ein Tablet-Computer, hinter ihm ein großer Bildschirm für Interviews und Filmbeiträge, dazu ein paar Bücher (Marcel Reich-Ranickis Literaturkanon, „Sextipps von Rockstars“) und Bilder: Gottschalk mit den Großen der Welt, Clinton, Obama und Jauch, nun ja. Die Redaktion sitzt links und bleibt sicht- und ansprechbar. Das Experiment hat sein Ziel erreicht, sobald die Leute tagsüber denken: Mal sehen, was der Gottschalk heute Abend dazu sagt.

Das Studio ist in einem leichten Retrolook gehalten. Das passt zu Gottschalk, der ist ja auch ein bisschen retro. „Die Leute lieben ihn“, sagte Produzentin Ute Biernat der „FAZ“. „Jetzt ist die Frage, glauben sie ihm auch?“ Für Gottschalk, den Weltumarmer, den letzten großen Generationenversöhner im deutschen Fernsehen, wird es ein Balanceakt werden: jung wirken, schnell und netzaffin, dabei aber gleichzeitig die Älteren mitnehmen. Und das Ganze bitte mit relevantem und unterhaltsamem Stoff. Jeden Abend. „Ich bin kein Journalist und kein Moralist“, sagt er. „Ich bringe Stimmung in die Angelegenheit. Ich bin von Beruf Gesichtsvermieter.“ Sein Vorteil ist, dass die Menschen ihn kennen, dass er noch einmal Aufwind bekam mit seiner pompösen, einjährigen Ehrenrunde zum „Wetten, dass ...?“-Ausstieg.

Sechs Millionen Euro zahle ihm die ARD im Jahr, schrieben manche. Gottschalk bestreitet das. „Es ist weit, weit drunter. Ich hätte es auch für vier gemacht, aber leider hat man die mir nicht angeboten, also mach ich’s für weniger.“ Produziert wird die Show von Grundy Light Entertainment („DSDS“, „Supertalent“). Anders als etwa Günther Jauch hat Gottschalk keine eigene Firma. Und die Quote? Der ARD-Marktanteil zwischen 18 und 20 Uhr lag 2011 im Schnitt bei 8,4 Prozent. „Mit acht Prozent wäre ich offiziell aus dem Schneider“, hofft Gottschalk. „Ich habe den Ehrgeiz, zweistellig zu werden.“

„Es muss etwas geben zwischen ,FAZ‘-Feuilleton und ,Bauer sucht Frau‘“, hat er mal gesagt. Die Mitte halt. Die Mitte ist Gottschalk-Land. Seine eigene hat er längst gefunden. Von Montag an sucht er die im täglichen Leben.

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