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Medien Gespräch mit Schauspielerin Nina Kunzendorf
Mehr Welt Medien Gespräch mit Schauspielerin Nina Kunzendorf
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19:24 02.11.2010
Nina Kunzendorf ist heute Abend als Kripoermittlerin zu sehen, die nach einem vermissten Kind sucht.
Nina Kunzendorf ist heute Abend als Kripoermittlerin zu sehen, die nach einem vermissten Kind sucht. Quelle: ARD
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Frau Kunzendorf, Ihre Figur ermittelt in einem Misshandlungsfall, hat aber selber Probleme bei der Erziehung. Ist das ein bewusstes Statement?
Insofern, als man über meine Figur nachvollziehen kann, wo familiäre Gewalt entsteht. Würde der Film einer Familie, in der Erziehung schiefläuft, das heile Erfolgsmodell gegenüberstellen, wäre es die üblich platte Geschichte zum Thema. Dabei sind auch vermeintlich funktionierende Familien vor nichts gefeit. Meine hat im Film ein schönes Zuhause, die Großeltern leben auf dem Bauernhof, ihre Enkel gehen in gute Schulen und sind ordentlich gekleidet. Trotzdem liegt vieles im Argen. Eindimensionalität führt zu Populismus.

Ist es nicht auch populistisch, ein Verbrechen zu verfilmen, das im Fernsehen dauerpräsent ist, in der Realität aber immer seltener wird.
Populistisch ist immer nur die Erzählweise, nicht das Thema an sich. Anders als ein „Bild“-Artikel, dem es allein um Wirkung geht, dringen wir tiefer in die Richtung, hinzusehen und das Maul aufzumachen, wenn man was in seinem Umfeld bemerkt. Das finde ich nicht populistisch, sondern notwendig.

Hat sich Ihr Blick da verändert, seit Sie vor fünf Jahren zum ersten Mal Mutter geworden sind?
Total! Seither rührt mich alles mehr an, was mit Kindern zu tun hat. Aber selbst als stabiler Mensch wie ich in einem funktionierenden Familiengefüge gerät man an Grenzen, wo sogar die Mutterliebe kurz flöten geht und man denkt: Leck mich am Arsch, ich kann nicht mehr! Mit Säuglingen etwa. Um diese Dünnhäutigkeit nachvollziehen zu können, muss man wohl eigene Kinder haben. Das hilft auch in einer Rolle wie dieser.

Die mal wieder voller Tragik ist, wie geschaffen für Sie.
Offenbar. Seit „Der scharlachrote Engel“ vor fünf Jahren nimmt man beim Schlagwort Drama eben die Kunzendorf (lacht). Mich in einer freundlichen Liebesgeschichte zu besetzen, dafür fehlt vielen die Phantasie.

Demnächst werden Sie Andrea Sawatzki als „Tatort“-Kommissarin ablösen.
Andrea und mich unterscheidet das wunderbar Eigene, Schräge an ihr. Im Moment wird meine Figur noch entwickelt, aber ich habe gleich gesagt, keine spröde Alleinerziehende sein zu wollen, die das Leben so leidlich im Griff hat.

Haben Sie Angst, auf Ihre „Tatort“-Rolle festgelegt zu werden?
Ich habe da eher die Hoffnung, mit einer lebenszugewandten Figur gegen die Tragik des Verbrechens zu steuern. Wie wär’s mal statt privater Überforderung mit einer funktionierenden Liebesbeziehung? Aber bei ein, vielleicht zwei Folgen im Jahr wird das ohnehin keine Verabredung auf Lebenszeit. Die Vorstellung, mit einer Figur kontinuierlich beschäftigt zu sein, gefällt mir jedenfalls ganz gut.

Sie waren da eine Frühberufene. Mit Anfang 20 die erste Rolle, mit über 30 die nächste.
Und zwischendurch Theater. Aber stimmt, eigentlich war ich mit 32 fast zu alt zum Einstieg.

Hatten Sie da das Gefühl, jetzt etwas Profanes im Vergleich zur Bühne zu machen?
Gar nicht, da hatte die Theaterseite viel größere Probleme. Ich selbst dachte nie, nun etwas Minderwertiges zu machen, obwohl nicht alle meine Filme prickelnd sind. Ich habe genug blöde Theaterinszenierungen hinter mir, um Überheblichkeit vorzubeugen.

Haben Sie es als Konsumentin da lieber mal etwas leichter als Ihre eigenen Rollen?
Ich sehe jetzt nicht so wahnsinnig viel fern, mag es aber schon mal leichter – so lang eine Geschichte transportiert wird. Abgesehen von Dittsche lässt mich Comedy kalt, aber ich muss es auch nicht immer schwer haben. Im Gegenteil. Ich weiß gar nicht, ob ich mir diesen Film anschauen könnte. Ich kann ja nicht mal gut Zeitungsartikel lesen, in denen es um solche Geschichten geht. Das geht mir zu nahe.

Interview: Jan Freitag

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