Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Gekommen, um zu stören
Mehr Welt Medien Gekommen, um zu stören
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:20 03.04.2013
Von Imre Grimm
„Der Ungerechtigkeit ins Handwerk pfuschen, der Demokratie Nutzen zufügen und der Korruption ein Bein stellen“: Dieter Hildebrandt (85) ist künftig für das Netzprojekt stoersender.tv aktiv. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Es knarzt und rauscht in der Leitung, Dieter Hildebrandt sitzt im Dunkeln vor Laptop und (!) Schreibmaschine und raunt verschwörerisch: „Hallo? Bist du bereit?“ – „Ja? Dieter? Ich bin da“, wispert Konstantin Wecker. – „Also“, sagt Hildebrandt: „Operation Mattscheibe kann beginnen.“ Vorspann Ende.

Der Mann, der 1956 die Lach- und Schießgesellschaft erfand, der Pate des deutschen Politkabaretts, der als Platzanweiser in der „Kleinen Freiheit“ in München begonnen hatte, wo Erich Kästner für Trude Kolman Programme schrieb – der hockt jetzt also hier in einem düsteren Kabuff als Netzrebell im Rentenalter und will es noch einmal wissen. Seinem „Scheibenwischer“ bei der ARD hat er 2003 nach 23 Jahren den Rücken gekehrt. Aus Altersgründen, wie es damals hieß. Da war er 75. Es gab dann Ärger, Hildebrandts Nachfolger Mathias Richling wollte auch Comedians auftreten lassen, Hildebrandt war dagegen. Die ARD durfte den Titel „Scheibenwischer“ nicht mehr verwenden. Er hieß dann „Satire Gipfel“, war aber ohne Hildebrandt so egal wie die Linke ohne Gregor Gysi.

Anzeige

Nun, zehn Jahre nach seinem ARD-Abschied, ist Hildebrandt 85 Jahre alt und hat offenbar noch Dampf auf dem Kessel. Rund 180-mal im Jahr sitzt er mit seinem Soloprogramm „Ich kann doch auch nichts dafür“ auf der Bühne, veröffentlichte seine Autobiografie („Ich mußte immer lachen“). Und jetzt – „Altersgründe“ hin oder her – macht er doch wieder Fernsehen. Und zwar im Internet. Occupy Fernsehen. Stoersender.tv heißt das Projekt. Die erste Folge ist abrufbar. Alle 14 Tage, 20-mal im Jahr, soll es eine neue 30-minütige Ausgabe geben. Darin kämpft Hildebrandt mit Weggefährten wie Konstantin Wecker gegen Spießertum, Gier Dummheit und Machtmissbrauch – als eine Mischung aus Maskottchen, Chefkommentator und mildem Gernot Hassknecht.

Es geht wie immer um’s große Ganze. „Der Störsender will der Ungerechtigkeit ins Handwerk pfuschen, der Demokratie Nutzen zufügen und der Korruption ein Bein stellen“, wirbt Hildebrandt. „Extremisten aller Couleur nimmt er aufs Korn, Politiker aller Parteien nimmt er auf den Arm, Störenfriede und Aktivisten aller Art nimmt er ins Programm.“ Finanziert wird das anarchische Unterfangen durch Hunderte Geldgeber der Crowdfunding-Plattform startnext.de, darunter auch Prominenz: Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig und Urban Priol spendeten je 2222 Euro, viele Kabaretthelden mischen ohne Gage mit: HG. Butzko, Georg Schramm, Gerhard Polt. Der Störsender könnte zur zentralen Netzspielwiese für die angejahrte Politkabarettszene werden, die zuletzt ja doch nur noch die Generation Cordhose erreichte, während sich die Mainstream-Jugend über politikfreie Kennt-ihr-das?-Comedy die Bäuche hält. 150 000 Euro hat Projektleiter Stefan Hanitzsch bisher eingesammelt. Er träumt von einem „Portal gegen die Aushöhlung der Demokratie“. Das klingt nach ziemlich viel, man wird sehen.

In der ersten Folge geht es um den „Finanzkasinokapitalismus“. Hildebrandt und seine Mitstreiter hüllen den Bundesadler im Reichstag während einer Rede von „Mutti“ in eine (virtuelle) Goldman-Sachs-Flagge, dann sitzt Hildebrandt vor einer Bücherwand und sagt Sätze wie: „Genau genommen ist der Euro heute die Nutte, und die Banken sind der Zuhälter.“ Oder auch: „Der Rubel rollt? Kann man nicht sagen. Der Rubel schwimmt, und zwar nach Zypern, und kommt völlig verdreckt an.“ Das ist scharf und böse, die Interviews und kurzen Clips dazwischen jedoch wirken zum Teil arg handgemacht und agitatorisch. Auch wenn der Reiz für die alten Kämpen natürlich auch darin besteht, sich von der schwerfälligen Fernsehmaschinerie mit ihrem ewigen Konsensgequatsche frei zu machen. Wecker steuert einen Salonchanson über das „Lächeln meiner Kanzlerin“ bei. Zugucken darf jeder kostenlos bei YouTube oder stoersender.tv. Abonnenten (bisher sind es 2000) zahlen 66 Euro im Jahr und bekommen die Folgen dafür früher und in HD.

Dieter Hildebrandt ist nicht der erste Fernsehprominente, der im Spätherbst der Karriere oder nach einem Bruch mit dem Muttermedium ins Netz umzieht, angetrieben von einem diffusen Dann-mach-ich’s-eben-allein-Aufklärertrotz. Die frühere „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman blamierte sich bis Ende 2011 mit einer Pseudo-Nachrichtensendung in „Tagesschau“-Blau („Sechs Türken erstatten Anzeige gegen Sarrazin“) auf der Homepage des dubiosen, rechtslastigen Kopp-Verlags – einem Biotop für Verschwörungstheoretiker, Ufologen, Kreationisten und Angstmacher. Von derlei Peinlichkeiten ist Hildebrandts Störsender weit entfernt. Den Versuch ist die Sache wert.

Die erste Folge ist nach kostenloser Registrierung unter www.stoersender.tv oder im YouTube-Kanal stoersendertv zu sehen.

03.04.2013
03.04.2013