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Medien „Gauchotanz“ spaltet die Gemüter
Mehr Welt Medien „Gauchotanz“ spaltet die Gemüter
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17:23 16.07.2014
Umstritten: "So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so", sangen Klose, André Schürrle, Shkodran Mustafi, Mario Götze, Roman Weidenfeller und Toni Kroos, als sie tief gebückt auf die Bühne liefen.
Umstritten: "So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so", sangen Klose, André Schürrle, Shkodran Mustafi, Mario Götze, Roman Weidenfeller und Toni Kroos, als sie tief gebückt auf die Bühne liefen. Quelle: dpa
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Berlin

Es hat nicht überrascht: Der Gaucho-Tanz einiger Fußballnationalspieler beim Berliner Festtrubel nach der WM wird von manchen nicht als Ausdruck puren Übermuts und ungezügelter Emotion gewertet. Bierernst bricht eine Nationalismus-Debatte aus, wie sie tief im deutschen Befindlichkeits-Dschungel steckt. Manche Medien, wie Spiegel-Online, haben das Thema kurzzeitig hochgeschrieben, um es dann ganz schnell abzuwerten. Große Medien wie  Faz.net oder Welt.de haben sich erbarmungslos empört, viele andere verstehen die Welt nicht mehr. Die deutsche Freude ist wieder da, wo uns andere gerne sehen: im Mustopf nationaler Zerrissenheit.

Gauchogate oder dumme deutsche Intellektuellen-Miesmacherdebatte? Wer schon mal Kindergeburtstag gefeiert hat, der kennt den Lustig-Tanz, abwechselnd in gebückter und dann in hochgesprungener Haltung, wie ihn der WM-“Opa“ Miroslav Klose, der rothaarige André Schürrle, der Spieler mit Migrationshintergrund Shkodran Mustafi, der gooldige Torschütze Mario Götze, der weltbeste Ersatzfänger Roman Weidenfeller und der intellektuell erscheinende Toni Kross inszenierten. 1:0 nach Verlängerung - die Deutschen gehen jubelnd, die Gauchos geknickt.

In zahlreichen  Fußballstadien ist dieser schmähende Freudengesang auch nicht unbekannt. Nationalistische Absichten sind den Akteuren dabei so fremd, wie manchen verbiesterten Feierskeptikern die gesamte WM-Freude. „Anarchistisch, chaotisch und fast surreal“ stellte ausgerechnet die englische Zeitung „Mirror“ über die unerwartete Darbietung des DFB-Teams auf dem Laufsteg der Berliner Fanmeile fest. Das muss ja nichts heißen. Aber es ist bemerkenswerter als der Hinweis auf „ekelhafte Nazis“ des uruguayischen Sportjournalisten Victor Hugo Morales.

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach schwant Böses, weil nach 24 Stunden Nachdenkzeit noch immer Empörung im Netz kursiert: „Sie sind alle absolut anständige und faire Sportsleute, die sich über niemanden lustig machen, sondern einfach nur ausgelassen mit den Fans feiern wollten. Es tut uns leid, wenn dies bei einigen falsch und missverständlich rüber gekommen ist.“ Das ähnelt dann schon fast dem gebückten Gaucho-Tanz auf argentinisch.

„Mich würde nicht wundern, wenn das in Argentinien mit einem müden Lächeln zur Kenntnis genommen wird“, sagt Cem Özdemir gegenüber dieser Zeitung. Der Grünen-Vorsitzende ist ganz sicher frei von nationalistischem Eifer. „Die Gesänge der leidenschaftlichen argentinischen Fans sind nicht gerade jugendfrei.

Ich kann mir vorstellen, dass die gerade denken: Hey, wenn ihr uns auf den Arm nehmen wollt, dann seid mal kreativer.“ Darüber ließe sich ja reden, in ernüchtertem Zustand.

Neben vielen alarmierenden Kommentaren entschärfen humorvolle Beiträge den Shitstorm.

Weitere Tweets zum #gauchogate

Grünen-Politiker Jürgen Trittin sagte am Vormittag im ARD-Morgenmagazin: „Das war unsportlich. Ich würde das aber nicht politisch aufladen.“

Der SPD-Politiker Klaus Barthel ist Vorsitzender der deutsch-südamerikanischen Parlamentariergruppe im Bundestag. Er meint auf die Frage, ob wir nach dem Gaucho-Tanz wirklich vor einer nationalen Katastrophe stehen: „Es geht weder um nationale Triumphe noch um Katastrophen. Nation ist Nation und Fußball ist Fußball. Bei dieser Trennung sollten wir bleiben -  und so sehen die Fans das auch.“

Schaden freudige Jogi-Jungs dem deutschen Ansehen im Allgemeinen und den deutsch-argentinischen Beziehungen im Besonderen?

Barthel: „Wer in Fußballstadien in aller Welt unterwegs ist oder auf der Straße Schlachten(!)-Bummler trifft, weiß, dass es da nicht gerade zimperlich zugeht. Tänze, Gesänge und Sprechchöre lassen nicht nur die eigene Mannschaft hochleben, sondern behandeln den Gegner vielfach auf mehr oder weniger humorvolle oder geschmacklose Weise. Auch in Argentinien ist man da nicht gerade besonders sensibel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Weltmeisterschaftsfeier in Berlin, die man ja als Ganzes sehen muss, dort ein großer Aufreger ist. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass die deutsche Weltmeister-Mannschaft mehr Gespür dafür hat, was bei einer offiziellen, weltweit übertragenen Veranstaltung geht und was nicht. Humor sieht anders aus. Schließlich arbeiten der DFB und viele Vereine nicht umsonst gegen rassistische, nationalistische und diskriminierende Auswüchse bei den Fangemeinden.“

Wie groß ist die Gefahr, dass die Deutschen jetzt im Ausland entweder als komplett humorlos oder als nationalistische Gefahr wahrgenommen werden?

Barthel: „Die Gefahr ist bisher gering. Wir dürfen eben gerade keine Staatsaffäre daraus machen und müssen diejenigen ins Leere laufen lassen, die – auf welcher Seite auch immer – ein nationalistisches Süppchen aufkochen wollen. Im Übrigen wäre es Aufgabe unserer höchsten Staatsrepräsentanten gewesen, sich nicht nur im brasilianischen Fußballstadion blicken zu lassen, sondern auch das politische Gespräch mit unseren angeblich ,strategischen Partnern‘ (Lateinamerika-Strategie der Bundesregierung) zu suchen. Themen gibt es genug. Damit hätte man relativ leicht irgendwelchen Späßen den Wind aus den Segeln genommen.“

ska/DW

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