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20:02 22.11.2013
Von Stefan Knopf
Ach, Waldi: Der Sportreporter wusste als Telefonjoker bei Jauch nicht, dass Deutschland im eigenen Land schon mal Weltmeister wurde. Quelle: dpa
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Köln/Hannover

Es gibt ja Prominente, über die fragt man sich irgendwann mal interessiert: Was macht eigentlich …? Nach Waldemar Hartmann hat nie jemand gefragt. Er war einfach verschwunden von der Bildfläche, und die meisten fanden das auch ganz okay so. Hartmann hat immer polarisiert zu seiner Zeit als Fußballplauderer im deutschen Fernsehen: Die einen fanden ihn nett, die anderen mit seiner Dauerduzerei anbiedernd. Jetzt ist „Waldi“ wieder da, und anders als früher ist sich die Nation in ihrem Urteil einig. Nach Hartmanns Blackout bei der RTL-Quizsendung „Wer wird Millionär?“ schüttet sich Deutschland aus vor Lachen.

Dabei war die Frage, die er in der Prominentenausgabe der Sendung als Telefonjoker für die beiden „Supertalent“-Juroren Lena Gercke und Guido Maria Kretschmer beantworten sollte, gar nicht so schwer. „Welche Fußballnation konnte bei den bisherigen 19 Weltmeisterschaften nie den Titel im eigenen Land gewinnen?“, wollte Quizmaster Günther Jauch von Hartmann wissen. „Da gibt’s ja nur eins. Deutschland hat natürlich im eigenen Land keine WM gewonnen. Noch nie im eigenen Land. Wir haben ja einen dritten Platz im Jahr 2006 gemacht, und das war die einzige, die wir gespielt haben“, erklärte Hartmann den ahnungslosen Kandidaten und den verdutzten Zuschauern. Und dann nutzte der 65-Jährige, dem einige einen feinen Sinn fürs Geschäftliche nachsagen, die Gelegenheit zur Werbung in eigener Sache: „Kann man in ,Dritte Halbzeit‘, meinem Buch, nachlesen.“

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Dritte Halbzeit, so heißt in der Fußballersprache die intensive Nachbesprechung einer Partie im Vereinsheim, und so musste der bekennende Weizenbierfreund Hartmann nicht lange auf den Spott warten. „Erst mal in Waldis Buch nachlesen, wie Schalke in den Jahren 2000 bis 2003 viermal hintereinander das Double gewonnen hat“, lästerte Twitter-Nutzer Otto Redenkämper über den Kurzmitteilungsdienst. Wo doch fast jedes Kind weiß, dass Deutschland 1974 das WM-Finale gegen die Niederlande in München gewonnen hat. Und die Supermarktkette real ließ ebenfalls über Twitter süffisant wissen: „Für alle, die sich mit Fußballfragen nicht so gut auskennen, wir haben auch Weizen!“

So ändern sich die Zeiten. Vor zehn Jahren war es noch Hartmann, der von einem Fernsehausrutscher profitierte. 2003 hatte ihn Rudi Völler, der damalige Teamchef der deutschen Nationalelf, nach einem müden 0:0 in Island in einer legendären Wutrede angeraunzt: „Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl, hast drei Weizenbier getrunken und bist schön locker.“ Wenig später hatte Hartmann einen Werbevertrag mit einer Brauerei in der Tasche.

Ob auch diesmal wieder eine kleine PR-Nummer dabei herausspringt? Zeit genug zum Nachdenken hatte Hartmann ja schon. Die Sendung war bereits drei Wochen zuvor aufgezeichnet worden; Hartmann saß gerade bei einer Lesung seines Buches in Sindelfingen, als sein Handy klingelte. Die Zuhörer und auch der Geschäftsführer der Buchhandlung waren Ohrenzeuge von Hartmanns Gespräch mit Jauch und fragten anschließend interessiert nach, wo Deutschland denn wohl 1974 den Titel gewonnen habe. „Dann wurde er aschfahl und konnte sich nicht beruhigen. Aber er war stocknüchtern!“, berichtete der Buchhändler gestern.

Hartmann kommentierte seinen Auftritt mit den Worten: „Jetzt habe ich es also zum ,Tor des Jahres‘ auf die Seite 1 der ,Bild‘ geschafft.“ Zumindest da wollte niemand widersprechen.

(mit: dpa)

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