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Medien Fragen und Antworten zum „Tatort" aus Hannover
Mehr Welt Medien Fragen und Antworten zum „Tatort" aus Hannover
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00:15 17.12.2012
Von Imre Grimm
Nimmt am Sonntag die Ermittlungen wieder auf: Komissarin Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler. Quelle: NDR
Hannover

Nicht wenige Zuschauer waren irritiert nach dem ersten Teil des Doppel-„Tatorts“ aus Hannover: Das soll’s gewesen sein? Der Staatsanwalt ist tot, Kronzeugin Larissa ist in den Fängen der Menschenhändler, die Vergewaltiger laufen frei herum, und die  Kommissarin steckt ermittlungstechnisch in der Sackgasse. Und jetzt?

Kein Sendehinweis, keine Einblendung deutete an, dass ein zweiter Teil folgt. Doch der komplexe Fall um Mord, Menschenraub und Kumpanei im hannoverschen Rocker- und Villenbewohnermilieu geht weiter. Und das ist gut so. Denn die vielschichtige Story – deren erster Teil mit 10,67 Millionen Zuschauern der bisher erfolgreichste Lindholm-„Tatort“ war – trägt locker 180 Minuten. Und viele Handlungsstränge hängen noch lose herum. Die wichtigsten Fragen im Überblick:

Hatte Lindholm den Fall nicht gelöst?
Doch, schon. Rocker-Anwärter Klaus Littchen, der einfältige Handlanger von „Hunnen“-Boss Uwe Koschnik (Robert Gallinowski), hat das „Wegwerfmädchen“ umgebracht. Doch die feinen Herren, die sich auf einer brutalen Sexparty mit weißrussischen Zwangsprostituierten vergnügten, hat niemand belangt. Und das Schicksal der Mädchen ist ungeklärt.

Welche Fragen sind denn noch offen?
Eine ganze Reihe: Was ist mit dem Müllmädchen Larissa Pantschuk (Emilia Schüle) passiert? Was hat es zu bedeuten, dass ihr Vater in Weißrussland allein aus dem Bus steigt und in einer herzzerreißenden Szene zu ihrem kleinen Sohn sagt: „Mama ist nicht mitgekommen. Sie muss noch arbeiten. Vielleicht nächstes Jahr“? Was hat Lindholms Freund Jan Liebermann (Benjamin Sadler) mit der Sexparty zu tun? Und waren der zwielichtige Immobilientycoon Hajo Kaiser (Bernhard Schir), der dubiose Krankenhaus-Chefarzt sowie Staranwalt Gregor Claussen (Michael Mendl) auch dabei? Und falls sich der Staatsanwalt wirklich erhängt hat, weil er die Erpressung durch Rockerchef Koschnik nicht mehr aushielt – wer war dann die düstere Gestalt, die kurz zuvor durch sein Büro schlich?

Kapiert man den Film auch, wenn man Teil eins nicht kennt?
Ja. Denn das ist clever gelöst: Statt mit zähen Rückblenden zu bremsen, hat Autor Stefan Dähnert eine Kripo-Kollegin namens Carla Prinz (Alessija Lause) erfunden, die von Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) stückweise in den Fall eingearbeitet wird. Das erleichtert Neueinsteigern den Erstkontakt mit der Story.

Wie geht’s denn weiter?
In „Das goldene Band“ wird ein verurteilter Mörder in der JVA Langenhagen von Mithäftlingen umgebracht. Lindholm lässt die Sache mit der skrupellosen hannoverschen Männerclique keine Ruhe („Ich hol’ mir die Akten, und dann roll’ ich den Fall neu auf“). Und dann stolpert sie über einen Hinweis, der sie zum Ort der Party führt – einem Schlösschen, das Finanzmagnat Kaiser gehört. Und erfährt: In der Nacht, als das „Wegwerfmädchen“ starb, feierte man hier eine Party zur Umstellung der Alterssicherung in Deutschland. Das ist selbstverständlich eine Anspielung auf den Riester-Rürup-AWD-Komplex – auf den latenten Verdacht also, dass Politiker, die die private Altersvorsorge in Deutschland vorangetrieben haben, als spätere Berater oder Partner der Finanzindustrie indirekt von ihren eigenen Entscheidungen profitiert haben könnten. Von einer Reise nach Weißrussland (die in Ostpolen gedreht wurde) bringt Lindholm dann laut NDR „die Wahrheit über Hannover und über sich selbst“ mit.

Die „Wahrheit über Hannover“? Was soll das denn bitte sein?
Na ja. Niemand unterstellt der echten sogenannten Maschsee-Connection einen Mord. Das „Tatort“-Team beharrt darauf, dass alle Figuren Phantasiegeschöpfe sind. Aber die der Dramatik geschuldete Überzeichnung täuscht nicht darüber hinweg, dass die nur scheinbar harmlose Kumpanei zwischen Bankern, Staatsdienern, Rockern und Politik, dieses Geflecht aus Abhängigkeiten, Scheinfreundschaften und Wie-du-mir-Logik, in der Realität ernst zu nehmende Auswüchse mit sich bringen kann. „Es gibt Rocker, die machen das aus reiner Begeisterung für dieses Motorrad- und Lederkutten- und Gruppengefühl“, sagt Furtwängler. „Aber es gibt eben auch Kriminelle unter diesem Deckmantel. Und das ist ein Milieu, in dem die Frau ein Mensch zweiter Klasse ist.“ Dähnerts Bilanz: „So viel Kernseife gibt es gar nicht, um den Schmutz dieser Recherchen wieder abzuwaschen.“

Ein guter Film?
Doch, schon. Der Schlenker mit der Alterssicherung ist einer zu viel. Aber schön gruselig ist dafür die Szene, in der Immobilienhai Kaiser seine junge Maklermeute in Sektenführermanier auf seine Regeln einschwört und dabei klingt wie Mehmet E. Göker oder Carsten Maschmeyer in den pixeligen YouTube-Videos aus seiner Vergangenheit: „Und jetzt, liebe Freunde, will ich euch ganz! Ich will euer Leben! Ich will von euch Umsatzzahlen, die mit eurem Blut geschrieben sind!“ Kaiser-Darsteller Schir erschütterte die Macht derlei faschistioider Rhetorik: „Nach dem Dreh sagte einer der Komparsen: ,Schade, dass es nur ein Film ist. Ich würde sofort für Sie arbeiten.‘ Das war unglaublich.“

Was hat der Titel „Das goldene Band“ zu bedeuten?
Das goldene Armband markierte im ersten Teil die 16-jährige Prostituierte Gretchen Kubina als Jungfrau – als exklusives „Präsent“ für den wichtigsten Gast also. „Das Band steht aber auch als Symbol für das, was diese Herrenrunde verbindet“, sagt Maria Furtwängler. Die Idee kam Autor Dähnert während des Skandals um die Lustreisen von Ergo-Versicherungsvertretern nach Budapest. Dort waren die Prostituierten mit farbigen Armbändern gekennzeichnet. Dähnert: „Da greift man als Autor zu. Das ist ein Reflex.“

Doppel-„Tatort“ – war das eine gute Idee?
Ganz klar: Ja. Die Sache trägt, Experiment geglückt. Nur: Wenn der NDR schon einen Zweiteiler wagt, muss er Mut zum offenen Ende haben. Ein befriedigendes Finale für Traditionalisten und ein suchterzeugender Cliffhanger schließen einander aus.

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