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Medien Farmville entwickelt sich zum beliebten Zeitvertreib
Mehr Welt Medien Farmville entwickelt sich zum beliebten Zeitvertreib
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20:36 17.03.2010
„Mein Mann findet, dass meine Leidenschaft für ihn unter der für Farmville leidet“ – der Kommentar einer Farmville-Spielerin verdeutlicht, dass die Internet-Software viel Zeit und Engagement kostet.
„Mein Mann findet, dass meine Leidenschaft für ihn unter der für Farmville leidet“ – der Kommentar einer Farmville-Spielerin verdeutlicht, dass die Internet-Software viel Zeit und Engagement kostet. Quelle: Marcus Schwarze
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Vor gerade einmal acht Monaten startete ein Spiel, an dem heute monatlich weltweit 83 Millionen Spieler teilnehmen: Farmville hat sich in kurzer Zeit zu einem gern genutzten Zeitvertreib im Web entwickelt. Voraussetzung für die Teilnahme ist ein Zugang zum sozialen Netzwerk Facebook. Immer mehr Netznutzer spielen da auch in Deutschland mit – und werben mit ihren persönlichen Veröffentlichungen über ihren Spielstand ständig weitere, neue Mitspieler an.

Farmville ist aus technischer Sicht ein eher belangloses Spiel. Im Fenster des Browserprogramms Firefox oder Internet Explorer übernimmt man darin die Rolle eines Bauern, der Felder anlegt und bewirtschaftet, Bäume pflanzt und Tiere versorgt. Die Grafik ist schlicht wie ein Comic, der Aufwand simpel: Es gilt, die Saat auszutragen, die Ernte einzufahren, die Farm zu vergrößern. Kümmert man sich nicht ausreichend um seine Farm, verdorren einzelne Felder, die Ernte bleibt aus. Man kann Tiere für ein paar FarmCoins kaufen, Ställe bauen und den Ertrag der Tiere wie zum Beispiel Milch, Trüffel oder Federn verwerten – sprich: in neue FarmCoins umwandeln, die Währung von Farmville.

Solche virtuellen Güter bekommen im Verbund mit Facebook jedoch eine neue Qualität. Denn über Facebook finden sich auch die virtuellen Farmville-Farmen von Freunden, Bekannten und Kollegen in unmittelbarer Nachbarschaft nur einen Mausklick entfernt – und man kann, wenn der andere Teilnehmer das freigeschaltet hat, schon einmal per Mausklick kurz herüberlaufen und den Acker des Nachbarn auf Vordermann bringen, Ungeziefer vertreiben, Hühner füttern oder Laub entfernen. So etwas bringt Punkte – und je mehr solcher „Erfahrungspunkte“ man sammelt, desto höhere Spielstufen erreicht der Spieler.

„Erhöhte Suchtgefahr!“, warnte eine Teilnehmerin im Gesprächsforum von MyHeimat kürzlich, dem Gesprächsforum der Heimatzeitungen rund um Hannover. In einer ausgiebigen Diskussion erklärten dort Leser die Faszination des Spiels: „Mir macht das Spaß, weil es nie eintönig wird im Gegensatz zu vielen anderen Spielen“, schrieb eine Teilnehmerin, „ich habe festgestellt, dass man durch Farmville ganz viele nette Menschen trifft und mit ihnen schreiben kann. Ich habe sogar schon Leute wiedergetroffen, die ich im realen Leben kennenlernte und aus den Augen verloren habe.“ Eine andere erzählte: „Angefangen hat es damit, dass die Kinder noch Nachbarn brauchten, und als nette Mutter macht man ja (fast) alles! Nun bin ich ihnen dicht auf den Fersen, meine Farm hat bereits Ausmaße von 22 x 22 (für Insider), und ich freue mich täglich über meinen Fortschritt.“

Solchen Fortschritt können Teilnehmer nicht nur mit Zeitaufwand, sondern auch mit echtem Geld vorantreiben. Per Kreditkarte oder den Bezahldienst Paypal lässt sich der virtuelle Geldbeutel aufstocken – der Kurs für 55 „FV“, wie die Währung bei Farmville heißt, beträgt 10 echte US-Dollar. Das ist das Geschäftsmodell von Zynga, dem Unternehmen hinter Farmville.

Zynga ist mit Facebook nicht verschwägert. Es nutzt Facebook lediglich als Plattform, um seine Spiel unter die Leute zu bringen. Gründer Mark Pincus aus Chicago hat eine ganze Reihe solcher Spiele entwickelt: Fishville, Pet­ville, Cafe World und Mafia Wars heißen diese virtuellen Welten, in die Spieler eintauchen. Laut „New York Times“ entwickelt sich das Konzept zum großen Geschäft: 250 Millionen Dollar nahm das US-Unternehmen im vergangenen Jahr ein. Jüngst sei der russische Investor Digital Sky Technologies für 250 Millionen Dollar bei Zynga eingestiegen, berichtet die „Zeit“.

Für die stetig steigende Zahl der ­Facebook-Nutzer, die über das Netzwerk per PC am Arbeitsplatz, zu Hause oder übers Handy die Kontakte zu ihren Bekannten pflegen, ist inzwischen kein Vorbeikommen mehr an diesem Spiel: Jeder erfolgreicher Spielschritt von Famville-Mitspielern wird per automatischer Statusmeldung weiterverbreitet. Und irgendein Facebook-Bekannter hat fast immer Farmville für sich selbst gerade neu entdeckt – und belästigt häufig arglos seine Bekannten mittels unscheinbar verbreiteter Statusmeldungen. Irgendwo in den Niederungen des Spiels mag man einstellen können, dass diese jüngsten Farmville-Erfolge nicht sogleich an den kompletten Bekanntenkreis weiterverbreitet werden sollen – doch gehört es auch zum Prinzip dieses Spiels wie auch von Facebook, solche Feinheiten des viralen Marketings zu verstecken.

Künftig sollen Mitspieler ihre digitalen Güter noch auf anderen Wegen verschenken können: Mitte des Jahres sollen virtuelle Pflanzen, Schweine und Werte per E-Mail verschickbar werden. Dann droht den weniger aktiven Fans des Spiels zusätzlich Farmville-Spam im Mailpostfach.

17.03.2010
15.03.2010