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Medien Experiment „Schmidt & Pocher“ endet mit Rückblick
Mehr Welt Medien Experiment „Schmidt & Pocher“ endet mit Rückblick
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17:19 13.04.2009
Von Stefan Stosch
Gehen jetzt getrennte Wege: Pocher und Schmidt. Quelle: ARD
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Am Ende klang es verdächtig nach ehelicher Zerrüttung. Bei Harald Schmidt weiß man zwar nie so genau, wo der Ernst aufhört und der Spaß beginnt, doch hat er seinen Noch-Kompagnon und künftigen Late-Night-Konkurrenten Oliver Pocher in den vergangenen Wochen zum Abschuss freigegeben: „Wenn er zu sehr störte in einer Redaktionskonferenz, dann habe ich ihm auch schon mal direkt gesagt: ’Halt die Fresse.’“, so Schmidt über Pocher. Und auch wenn er den anderen lobt, klingt das inzwischen vergiftet: Pocher sei „extrem gut im Beobachten und Adaptieren. Man lernt am schnellsten, wenn man Dinge, die man gut findet, kopiert.“

Zumindest hat Schmidt mit seinen Gemeinheiten die Müdigkeit weggeblasen, die sich im Laufe von eineinhalb Jahren über das Experiment „Schmidt & Pocher“ gelegt hat – und das nun beendet ist: Die beiden ungleichen Partner trennen sich. Einen (aller)letzten Rückblick auf die gemeinsame Zeit wird es an diesem Donnerstag geben. Pocher geht zu Sat.1. Schmidt bleibt bei der ARD. Pünktlich zur Bundestagswahl will er mit einer politischen Show zurückkehren („In meinem Alter unterschreibt man alles, was einem vorgelegt wird.“).

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Die Erleichterung scheint groß zu sein, dass es vorbei ist. Viel hatten Schmidt und Pocher sowieso nicht zu sagen. Sie beschäftigten sich vornehmlich mit dem Medium, in dem sie auftraten. Oder mit sich selbst.

Wem hat der holprige Paarlauf mehr genutzt – dem erschöpften Late-Night-Talker oder dem jungen Spund? Als Einmannshow konnte Schmidt vor Pochers Zeit machen, was er wollte: Es gab immer jemanden, der den Schwachsinn gut fand, den er verzapfte – wobei, zugegeben, um kurz vor Mitternacht die Grenze zwischen Blödsinn und Genialität fließend ist. Die absolute Freiheit muss sich für Schmidt im Lauf der Zeit vom Segen zum Fluch gewandelt haben. Niemand mag immer nur den intellektuellen Narr am Hofe der TV-Anstalten spielen.

Erst als Schmidt den so ganz anders humorgelagerten Kollegen bei sich aufnahm, erntete er plötzlich Widerspruch und Verdruss. So gesehen war es eine glänzende Idee, sich das 20 Jahre jüngere Ärgernis Pocher auf die Bühne zu holen. Endlich gab es wieder einen Reibungspunkt. Pocher, 1978 in Hannover geboren, verkörperte die Provokation, die dem ausgezehrten Schmidt nicht mehr gelang.

Geärgert hat sich Schmidt aber auch über den „B-Promi“. Pocher bewegt sich mit seinem Humor an der Schmerzgrenze und manchmal auch darüber hinaus. Der Mann macht keine Gefangenen, nicht einmal für eine schlechte Pointe. Ein Fall ist noch in unguter Erinnerung: Als Pocher allzu freizügig mit einem Fläschchen „Intimsekret“ herumhantierte, griff der Elder Statesman ein, um seinen Gast zu schützen.

Pocher ließ sich nie anmerken, dass er sich gemaßregelt fühlte. Warum auch? Er kam, um zu lernen und wurde bei den Stand-up-Auftritten sofort ganz nach vorne geschoben. Dort lachte Pocher dann mehr über seine eigenen Witze als das Publikum. Trotzdem hat er profitiert von seiner Lehrzeit. Der Versicherungskaufmann und Comedian der Generation Praktikum, dem einst über die RTL-Talkshow „Hans Meiser“ der Sprung zum Musiksender Viva gelang, gilt heute als eines der gefragtesten Fernsehgesichter.

Pocher wurde von mehreren Sendern umworben, auch von RTL. ARD-Programmchef Volker Herres buhlte öffentlich darum, die Nachwuchskraft zu behalten, die junge Zuschauer locken sollte. Nun steht Herres ziemlich bedeppert da. Pocher betrachtet seinen „Verjüngungsauftrag“ bei der ARD nach eigenen Worten als abgeschlossen.
Er wird ab Herbst seine eigene Late-Night-Sendung produzieren, für Sat.1-Großveranstaltungen zur Verfügung stehen und womöglich auch ein Fußball-Casting-Format bekommen. Am nächsten Sonnabend singt er erst einmal als Gast in der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“. Auch so kann man im Gespräch bleiben, wenn man nichts zu sagen hat.

Originelle Ideen für die eigene Fernsehzukunft waren Pocher bislang nicht zu entlocken. Seine neue Show dürfte so ähnlich aussehen wie die alte: „Es wird ein Stand-up vorne geben, es wird eine Band geben, es wird Einspieler geben, sowohl von mir selber als auch als Figur. Ich werde Gäste haben, die werde ich in die Sendung mit einbinden.“

Vor so einem Konkurrenten braucht sich Schmidt nicht zu fürchten. Er hat Pocher bereits großzügig angeboten, sich künftig am selben Wochentag mit ihm zu messen. Vielleicht hat ja zumindest bei Schmidt die Verjüngungskur angeschlagen, die dem ARD-Sender zu Gute kommen sollte. Jedenfalls hat er Pocher ungewohnt verbalradikal entgegengeschleudert: „Wir haben Dich schon platt gemacht, als du noch bei ProSieben gelaufen bist und an Hundeärschen gerochen hast.“ Könnte es etwa sein, dass Schmidt mehr von Pocher gelernt hat als dieser von ihm?