Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Eine allzu brave Komödie
Mehr Welt Medien Eine allzu brave Komödie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:14 03.11.2011
Von Manuel Becker
Alice Tanner (Julia Koschitz) hat in Michael von Marck (Tim Bergmann) einen ungeliebten Konkurrenten. Quelle: ZDF
Anzeige

Alice Tanner hat es geschafft. Bis ganz nach oben in die Chefetage einer Ratingagentur. Sie hat ein großes Büro in einem der Frankfurter Glastürme, der Chef respektiert sie, die Kollegen fürchten sie, und der Mann am Empfang wirft ihr jeden Morgen einen Apfel zu, den sie mit gekonnter Unaufgeregtheit fängt. Die stets adrett gekleidete, etwas unterkühlt wirkende Frau mit der Kurzhaarfrisur setzt alles auf die Karriere. Da passt es Alice (Julia Koschitz) natürlich nicht, dass ihr Chef (Dietrich Hollinderbäumer) ihr im Kampf um den Chefsessel den smarten und mit vielen Vorschusslorbeeren ausgestatteten Michael von Marck (Tim Bergmann) vor die Nase und ins Büro setzt.

„Alice ist eine der ganz wenigen Frauen der Stadt, die ganz oben mitboxen, im letzten geschützten Reservat der Schweifträger“, stellt Freundin Elfie fest. Zusammen mit Halbschwester Nguyen (sehr charmant: Minh-Khai Phan-Thi) ersinnen die drei Frauen einen Plan, um den Männern, die jedes Revier nach dem Motto: „Beinchen hoch – meins!“ markieren, klarzumachen, „dass wir Frauen im dritten Jahrtausend endgültig überall mit dabei sind“.

Anzeige

Um sich einen Vorteil zu verschaffen, platziert Freundin Elfie ein Mikrofon auf der Herrentoilette. So könne man die Raubtiere an der Wasserlassstelle abhören. Alice ist jedoch nicht begeistert. Sie hat es bislang immer alleine und mit legalen Mitteln geschafft, sich zu behaupten. Als sie jedoch interessante Fakten erfährt, bleibt das Mikrofon im Revier des Gegners. Dann jedoch fliegt der Lauschangriff auf, Alice wird eine Bettgeschichte mit einem Kunden zum Verhängnis, und das Unheil nimmt seinen Lauf.

„Männer ticken, Frauen anders“ kommt zu einer Zeit, in der die Politik über Frauen in Führungspositionen diskutiert: darüber, dass weibliche Mitarbeiter deutlich seltener im Chefsessel sitzen als Männer, und wie man das ändern kann, etwa durch eine „Flexi-Quote“ oder eine Frauenquote per Gesetz.

Im Film von Regisseur Rolf Silber muss sich Hauptfigur Alice immer wieder gegen die eingeschworene Männerclique behaupten. Das männliche Geschlecht erfüllt dabei alle Klischees: Männer geben mit ihren Autos an, flirten mit der Sekretärin, und „was keine Schrauben oder Transistoren hat, mögen sie sowieso nicht“. Die Frauen im Film dagegen verbringen ihren Abend mit „Volkshochschule? Nepalesischkurs?“, wie Alice gefragt wird, die daraufhin kontert: „Nein, selber häkeln im Hier und Jetzt.“ Abgesehen von Bowlingabenden mit Schwester Nguyen und Freundin Elfie scheint Alice allerdings kein Privatleben zu haben.

Es ist ein Geschlechterkampf, der mit allen lauteren und unlauteren Mitteln geführt wird – vor allem verbal und mit vielen Spitzen und Seitenhieben. Teilweise sind die pointierten Wortgefechte amüsant. „Männer ticken, Frauen anders“ bleibt insgesamt aber zu sehr an den Klischees hängen. Als sich nach einem für diesen Film – dessen Story Elemente eines Wirtschaftskrimis mit überraschendem Ende bereithält – überdramatischen Selbstmordversuch eines Kunden der Firma doch noch alles zum Guten wendet, sind es am Ende wieder „die Jungs, die drinnen alleine sitzen, und die Frauen, die draußen warten müssen“. Nach hundert Jahren Gleichberechtigungsdebatte ist das zu wenig – selbst in einer Komödie.

„Männer ticken, Frauen anders“ | ZDF Komödie mit Minh-Khai Phan-Thi

heute, 20.15 Uhr