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Medien Ein System aus Betrug und Verbrechen
Mehr Welt Medien Ein System aus Betrug und Verbrechen
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21:20 07.05.2012
Von Patrick Hoffmann
Vor dem Anpfiff steht die Wette: Weltweit werden Fußballspiele manipuliert – eine gut vernetzte, mafiöse Branche verdient damit Millionen.
Vor dem Anpfiff steht die Wette: Weltweit werden Fußballspiele manipuliert – eine gut vernetzte, mafiöse Branche verdient damit Millionen. Quelle: dpa
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Hannover

Eines Tages bekommt Marco Paoloni Besuch von seinem Buchmacher. Und von seinem Hausarzt. Die beiden wollen mit dem italienischen Fußballprofi reden. Paoloni hat 100.000 Euro Schulden, die will der Buchmacher zurückhaben. Er bietet Paoloni ein Geschäft an: Er setzt Geld auf zwei, drei Spiele von Paolonis Klub Cremonese, und der italienische Torwart sorgt auf dem Platz für die gewünschten Ergebnisse. Paoloni lehnt zunächst ab.

Daraufhin kommt der Arzt ins Spiel: Er zückt ein Rezept aus der Tasche und drückt es Paoloni in die Hand. Es ist für ein Schlafmittel, ausgestellt auf den Namen von Paolonis Ehefrau. „Erinnerst du dich an das Spiel gegen Paganese, als ihr so schlapp wart?“, fragt ihn der Buchmacher. „Dieses Medikament wurde dabei verwendet.“ Unbekannte Betrüger hatten es der Mannschaft einige Wochen zuvor beim Spiel gegen Paganese in die Trinkflaschen gemischt. Jetzt will ihm der Buchmacher die Tat mithilfe des Arztes in die Schuhe schieben. Paoloni kann nicht anders: Er willigt ein.

Die Szene, die aus einem Fernsehkrimi stammen könnte, ist der vielleicht bedrückendste Part der Dokumentation „Sport, Mafia und Korruption“, die am Dienstagabend, um 20.15 Uhr bei arte im Rahmen eines Themenabends ausgestrahlt wird. Der französische Regisseur Hervé Martin Delpierre hat den italienischen Fußballprofi während seiner monatelangen Recherchearbeit besucht. Delpierre reiste außerdem zum FIFA-Kongress, ließ sich die Arbeit italienischer und belgischer Staatsanwaltschaften erklären und traf sich im Hinterzimmer eines chinesischen Wettlokals mit einem einflussreichen Buchmacher.

Herausgekommen ist eine ausgezeichnete, weil schonungslose Bestandsaufnahme eines gerne verdrängten Problems: dem organisierten Wettbetrug im Sport. Delpierre beschreibt, wie die Wettmafia von Hongkong aus ihr weltweit verzweigtes Netz pflegt und mit Tausenden kleinen Einzelwetten jeden Tag mehrere Millionen Euro Umsatz macht. Er erklärt die Methoden, mit denen sie vor allem unbedeutende Spiele in unteren Fußballklassen oder bei unwichtigen Tennisturnieren manipuliert. Und er lässt Interpol-Ermittler zu Wort kommen, die den Betrügern seit Jahren hinterherhecheln und dabei fast immer einen Schritt zu spät sind. „Im Fußball“, sagt einer der Beamten, „haben Betrug und Verbrechen System.“

Auffällig ist, dass im gesamten Film eigentlich alle etwas zu sagen haben, nur die Funktionäre der großen Sportverbände nicht. Die haben auf drängende Fragen keine Antworten, oder sie flüchten sich, wie UEFA-Präsident Michel Platini, in Plattitüden: „Ich appelliere an die Spieler, den Sport zu schützen.“

Was aber, wenn diese Spieler ihren Sport gar nicht schützen wollen? Wenn es für einen mittelmäßigen Profisportler viel einträglicher ist zu verlieren als zu gewinnen? Es sind Fragestellungen wie diese, die den Film sehenswert machen.

Am Ende seiner Dokumentation kehrt Delpierre noch einmal zu Marco Paoloni zurück. Als dieser im Juni 2011 verhaftet wird, sagt ein Polizist zu ihm: „Es ist gut, dass wir dich holen. Sonst hätte es jemand anderes getan.“ Daraufhin ist ein von den Ermittlern heimlich mitgeschnittenes Telefongespräch zweier Mafiosi zu hören. Beide haben viel Geld auf eine Niederlage von Cremonese im nächsten Spiel gesetzt. „Wir lassen uns von zwei kleinen Fußballern nicht reinlegen“, sagt der eine zum anderen. „Wenn sie nicht verlieren, dann bringen wir sie um.“

Im Anschluss an die Dokumentation sendet arte ein Studiogespräch zum Thema. Moderator Thomas Kausch diskutiert mit Anne Brasseur (Expertin des Europarats für Sportwetten und Wettbetrug), Urs Scherer (Direktor des FIFA-Frühwarnsystems) und dem Regisseur Hervé Martin Delpierre.

07.05.2012
06.05.2012