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00:19 18.04.2015
Foto: Jakob Augstein setzt das Signal, besser jetzt die „Spiegel“-Anteile zu versilbern, als zu warten, dass der Verlag rote Zahlen schreibt.
Jakob Augstein setzt das Signal, besser jetzt die „Spiegel“-Anteile zu versilbern, als zu warten, dass der Verlag rote Zahlen schreibt. Quelle: dpa
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Nachdem Rudolf Augstein, der Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, im November 2002 gestorben war, unternahm sein Sohn Jakob alles, um das Erbe vor dem Zugriff des Verlagshauses Gruner  ­+ Jahr (G+J) zu schützen. Führenden Redakteuren schrieb der ­Testamentsvollstrecker 2004: „Sie können sich darauf verlassen, dass die Augstein-Erben als Garanten bereitstehen, die Unabhängigkeit des ,Spiegels‘ zu wahren – weil sie selber unabhängig sind.“
Die Bertelsmann-Tochter, befürchtete er, könnte den „Spiegel“ publizistisch neu ausrichten, um auf diese Weise das eigene Wochenmagazin „Stern“ zu schützen. Im Testament hatte Rudolf Augstein nämlich verfügt, dass im Spiegel-Verlag G+J gemeinsam mit der Mitarbeiter KG das Sagen bekommen. Den Erben hat er jedes Mitspracherecht entzogen.

Jakob Augstein zweifelte, dass das tatsächlich der Letzte Wille war. Er beauftragte einen Gutachter und Anwälte, hatte am Ende aber das Nachsehen. Die Erben mussten, wie im Testament verfügt, ein Prozent ihrer Anteile an die Mitgesellschafter abtreten. Um die für wichtige Entscheidungen erforderliche Mehrheit von 76 Prozent zu erreichen, genügt seither, dass sich G+J einig ist mit der Mitarbeiter KG. Den Mitarbeitern hatte Rudolf Augstein das Unternehmen 1974 zur Hälfte geschenkt.

Inzwischen hat Jakob Augstein seine Meinung geändert. Er will das Erbe loswerden, ausgerechnet an G+J. Offiziell äußern will sich der 47-Jährige nicht, dasselbe gilt für seine Halbgeschwister Maria Sabine und Julian. Lediglich Franziska, auf deren Zustimmung die Halbgeschwister angewiesen sind, sagt: „Was immer passiert: Ich verkaufe nicht.“

Die Familienverhältnisse der Augsteins sind nicht leicht zu durchschauen. Fünfmal war Rudolf Augstein verheiratet. Vier Kinder sind daraus hervorgegangen. Das älteste ist Maria Sabine. Sie wurde 1949 in Hannover als Stefan geboren. Der Anwältin wurde erst im März für ihren jahrzehntelangen Kampf um die Rechte sexueller Minderheiten das Bundesverdienstkreuz verliehen. Bekannt geworden ist sie 1992, als sie für das damals erste prominente Lesbenpaar Hella von Sinnen und Cornelia Scheel vor dem Bundesverfassungsgericht für die gleichgeschlechtliche Ehe stritt, seinerzeit erfolglos.

Franziska Augstein, Redakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“, gilt als dem Vater am ähnlichsten. Die 50-Jährige teilt die Mutter mit Jakob, seit 2008 Verleger der noch immer defizitären Wochenzeitung „Der Freitag“. Rudolf Augstein ist allerdings nur auf dem Papier Jakobs Vater. Der leibliche ist, wie seit 2009 bekannt, der Schriftsteller Martin Walser. Schließlich ist da noch der Künstler Julian, mit 41 Jahren der jüngste Sohn. Gemeinsam gehören den vier Halbgeschwistern 24 Prozent am Spiegel-Verlag. Zum möglichen Verkauf stehen also 18 Prozent. Alle Mitgesellschafter haben ein Vorkaufsrecht.

Weder G+J noch die Mitarbeiter KG wollen sich derzeit äußern. In der Redaktion des „Spiegels“ reagierte man auf die Verkaufsabsichten verschnupft. Gerade kommt das Magazin unter der neuen Geschäftsführung und Chefredaktion zur Ruhe. Das auf Sonnabend vorgezogene Erscheinen hat nicht geschadet, auch wenn sich der zunächst sprunghaft gestiegene Kioskverkauf wieder auf Normalmaß einpegelt. Gleichzeitig wird auf allen Ebenen daran gearbeitet, den „Spiegel“ als wirtschaftlich wie publizistisch potente, digitale Marke zu stärken.

In dieser Situation sendet Jakob Augstein nun das Signal, besser jetzt die Anteile zu versilbern, als zu warten, dass der Verlag rote Zahlen schreibt. Das wird aufmerksam registriert, ebenso seine Äußerungen, die Redaktion sei überbesetzt und gestrig. Immerhin weiß Jakob Augstein das Gewicht seines Namens zu nutzen. Er schreibt sowohl für „Spiegel Online“ als auch für den „Spiegel“ Kolumnen. Dort lautet ihr Titel, nach einem Ausspruch des Vaters, „Im Zweifel links“.

Es wäre bemerkenswert, wenn ausgerechnet ein Augstein, der kein Augstein ist, den Mythos „Spiegel“ zertrümmern wollte. Insofern würde mancher begrüßen, wenn der Erbe den Gesellschafterkreis verließe.

Von Ulrike Simon

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