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Medien Dokumentation „Hungerwinter“: Stahlhelme zu Küchensieben
Mehr Welt Medien Dokumentation „Hungerwinter“: Stahlhelme zu Küchensieben
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18:19 22.12.2009
Von Simon Benne
Aufnahme aus dem Hungerwinter 1946/47. Quelle: Handout
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Lebensmittelkarte. Suchkind. Hamsterfahrt. Brennnesselspinat. Schulspeisung. Steckrübe. Schwarzmarkt. Care-Paket. Für jene, die den Winter 1946/47 bewusst erlebten, genügt jeder einzelne Begriff, um ganze Erinnerungswelten wieder aufzuschließen. Hätte man vor gut 60 Jahren schon ein „Wort des Jahres“ gekürt, es hätte eine Auswahl in Fülle gegeben. Sonst gab es nicht viel in Fülle. In Großstädten mussten Menschen teils von 900 Kalorien täglich leben. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, doch schätzungsweise erfroren und verhungerten in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen in den drei Kältewellen dieses Winters. Dazu brach Typhus aus, und allein in der Britischen Zone wurden 46.000 Fälle von offener Tuberkulose registriert.

Diese Zeit liegt beim Rückblick oft im toten Winkel zwischen traumatischem Weltkrieg und triumphalem Wirtschaftswunder. Im Rückblick scheint Geschichte oft alternativlos auf die Gegenwart zuzulaufen. Das Erste erinnert in seiner Dokumentation „Hungerwinter“ jetzt an die entbehrungsreichen Jahre nach dem Krieg. Es setzt damit einen Kontrapunkt zur opulenten Spielfilmvöllerei um Weihnachten – und zeigt, wie unwahrscheinlich ein Aufstieg Nachkriegsdeutschlands eigentlich war.

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Es ist ein Film zur rechten Krisenzeit: Im Blick auf die Probleme des Hungerwinters 1946/47 erscheinen die Probleme des Krisenwinters 2009/10 plötzlich ziemlich überschaubar.

Regisseur Gordian Maugg zeigt historische Bilder von Frauen mit Bollerwagen, von Kindern, die in Trümmern spielen, von Händen, die Stahlhelme zu Küchensieben umarbeiten. Zeitzeugen berichten von Kinderarbeit, vom Betteln, Klauen und Organisieren. Jeder war sich selbst der Nächste, und Not machte Hühnerdiebe.

Die Männer und Frauen, die damals teils Kinder waren, kommen dabei ausführlicher zu Wort, als das bei der ZDF-Konkurrenz von Guido Knopp wohl der Fall gewesen wäre. So berichtet ein Mann in erschütternden Worten, wie seine Mutter nach Dutzenden Vergewaltigungen durch russische Soldaten paralysiert war und wie er selbst, gerade elf Jahre alt, mit seiner kleinen Schwester betteln gehen musste. Eine Frau erzählt, wie ihr Neugeborenes in der eisigen Kälte an Lungenentzündung erkrankte und starb. Alle Schilderungen zeigen, wie in der Krise die Familie für den Einzelnen zum wichtigsten Bezugspunkt wird: als letzter Halt – oder als blankes Armutsrisiko, wenn es hungrige Mäuler zu stopfen gilt.

Historische Analysen kommen dabei etwas kurz – etwa die Frage nach den Ursachen des Hungers. Es gab eine Missernte, die extreme Kälte ließ Schifffahrtsrouten wie Rhein und Elbe vereisen, die Infrastruktur war noch zerstört. „Im Krieg kommen auch Kalorien um“, hieß es in einer Wochenschau damals anschaulich. Doch nach politischen Ursachen der Mangelversorgung fragt der Film nicht: Die deutschen Verwaltungen waren ebenso wenig eingespielt wie die der Alliierten, die Zonengrenzen schnitten alte Lieferwege ab.

Dennoch können Nachgeborene nach diesem Film die Generation, die nichts wegwerfen kann, besser verstehen. Und sie können erahnen, warum diese Generation lieber den sauer erarbeiteten Wohlstandsbauch pflegte als ihr Gewissen zu erforschen. Der Film macht verständlich, dass zumindest in den ersten Nachkriegsjahren die Vergangenheitsbewältigung hintanstehen musste. Weil die Gegenwartsbewältigung alle Kraft forderte.

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