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Medien Doku “Unraveling Athena”: Harter Weg der Tennisfrauen
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14:18 13.07.2020
Eine der Legenden des Tennissports: Die Amerikanerin Serena Williams erzählt in der Amazon-Prime-Video-Doku “Unraveling Athena” ihre Geschichte. Quelle: AAPIMAGE
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Wer allzu platte Plattitüden von sich gibt, muss Euros ins Phrasenschwein zahlen, so ist das in vielen Medienbetrieben. Im Fernsehzoo sind Phrasenschweine die bestgenährten Tiere. Angehende Topmodels mästen sie schließlich andauernd mit Blabla vom “Traum, für den ich alles tue”, während Banker “Best Performer im Portfolio” zufüttern und Fußballreporter “Mentalität” oder “Momentum”. Die Phrasendrescherei zu Beginn des sehenswerten Dokumentarfilms “Unraveling Athena” allerdings würde jedes Sparschwein zum Bersten bringen – kämen die Worthülsen, “Zweifel zu überwinden”, “stets an sich selbst zu glauben” und “aus der Komfortzone in die Erfolgspur zu treten”, nicht von Topathletinnen wie Chris Evert.

Mitten im Kalten Krieg nämlich lieferte sich die Amerikanerin ein episches Tennisduell mit der Tschechoslowakin Martina Navratilova um den Thron, das jede noch so formelhafte Küchenpsychologie spielend rechtfertigt. Und weil der Autor Francis Amat auch über die Rivalinnen der Siebziger und Achtziger hinaus ein beeindruckendes Heer einzigartiger Tennisspielerinnen vor die Kamera kriegt, ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich ab heute auf Amazon Prime Video Phrase an Phrase an Phrase reiht.

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Immer schön bergauf zum Olymp des Tennis

Spitzensport ist schließlich Sieg und Niederlage, Krieg und Frieden, ist Illusion und Wahrheit, Glück und Schmerz, ist Sachlichkeit und Pathos, also alles, wovon Dokumentarfilmer wie der tennisversessene Regisseur nur träumen – wenngleich er angesichts der Prominenz seiner Protagonistinnen bisweilen leicht in Trance zu geraten scheint. Kein Wunder: Neben den ersten zwei Superstars im Damenprofitennis erzählt eine Unzahl Legenden von Billie Jean King und Tracy Austin über Monica Seles und Martina Hingis bis Kim Clijsters, Angelique Kerber und natürlich die Williams-Schwestern davon, wie sie den Weg zum Olymp ihrer Sportart ein Leben lang bergauf geklettert sind, ohne je abwärts zu blicken. Steffi Graf fehlt.

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Das Resultat: beeindruckende Geschichten, die in perfekt choreografierter Oral History mit reichlich Archivmaterial und ein paar grafischen Gimmicks von leidenschaftlichen Kindern, ehrgeizigen Eltern, aufopferungsvollen Trainern und visionären Strippenziehern einer Männerdomäne künden, die Frauen nur zögerlich akzeptierte.

Navratilova: Kein Moment ohne Lust auf Tennis

Es wirkt daher nicht nur bis zur 100. Minute eindrücklich, sondern soziokulturell bedeutsam, wenn sich Martina Navratilova “nicht an einen einzigen Moment, in dem ich keine Lust auf Tennis hatte” erinnert, obwohl “Mädchen stets doppelt so ehrgeizig sein mussten wie Jungs, weil es niemand von uns erwartet hat”.

“Unraveling Athena” ist demnach nicht nur die branchenübliche Lobeshymne auf Athletinnen der Extraklasse – coproduziert vom Ex-Profi Arantxa Sánchez Vicario geht es auch um die traditionelle Misogynie einer Sportart, in der Gleichberechtigung erst ernst genommen wurde, als daraus Profit zu schlagen war.

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Was wiederum gut erklärt, warum die meisten der befragten Funktionäre bis heute männlich sind. Umso erschütternder ist es angesichts dieser naturgegebenen Stärke des Films jedoch, dass ihn der verantwortliche Filmkomponist Francis Amal mit einer Art or­ches­tra­lem Walgesang im permanenten Überwältigungsmodus einseift, so als bliesen die Götter des Marvel-Comic-Olymps zum Endkampf.

Musik und Off-Kommentar neigen zu Plüsch und Bombast

Dramaturgisch mag das sogar gewollt sein. Von Beginn an bauscht der Off-Kommentar den Aufstieg kleiner Nachwuchstalente zu Branchenstars schließlich mit Zitaten antiker Philosophen und Analogien zur griechischen Mythologie auf, als ginge es nicht um gelbe Filzbälle auf roter Asche, sondern um eine Schlacht zwischen Himmel und Hölle, mindestens.

Ästhetisch wird die Enträtselung Athens, wie sich der Titel übersetzen ließe, damit für anspruchsvolle Ohren fast unerträglich. Sehenswert bleibt sie dennoch. Nicht nur für Tennisfans.

Von Jan Freitag/RND

Der Artikel "Doku “Unraveling Athena”: Harter Weg der Tennisfrauen " stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.