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Medien Diskussion in Hannover zum Journalismus im Webzeitalter
Mehr Welt Medien Diskussion in Hannover zum Journalismus im Webzeitalter
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19:54 13.05.2011
Von Karl-Ludwig Baader
Auf dem 3. Presseforum der Volksbanken und Raiffeisenbanken diskutierten unter der Leitung von Susanne Stichler (links) Frank Schirrmacher von der FAZ mit Jörg Sadrozinski von tagesschau.de zum Thema: „Print oder Web: Schnelligkeit vor Qualität“? Quelle: dpa
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In der guten, alten Zeit des Printjournalismus, vor etwa 25 Jahren, da protestierte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in einer Feuilletonkonferenz der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gegen ein kleines Autorenfoto im Feuilleton: „Wollen Sie aus unserem Blatt eine Illustrierte machen?“ Diese selbstbewusste Ignoranz gegenüber der optischen Aufmachung ist heute nur noch eine belachte Skurrilität. Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der FAZ, der diese Anekdote auf dem 3. Presseforum der Volksbanken/Raiffeisenbanken erzählte, wollte sich denn auch nicht mit nostalgischen Erinnerungen aufhalten oder, wie er ausdrücklich hervorhob, die schwierige Situation der Zeitungen kulturpessimistisch beklagen, obwohl er die Printmedien im „Überlebenskampf“ sieht. Für ihn steht fest: „Das digitale Zeitalter hat gesiegt.“

Das in den Räumen der DZ Bank anberaumte Forum führte unter dem Thema „Print oder Web: Schnelligkeit vor Qualität?“ den FAZ-Herausgeber mit dem Redaktionsleiter von tagesschau.de, Jörg Sadrozinski, zusammen und ließ sie unter der Moderation der ZDF-Journalistin Susanne Stichler ihre Standpunkte austauschen.

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Sadrozinski wehrte sich gegen das Motto der Debatte und betonte, dass guter Journalismus in beiden Medien möglich sei. Deshalb dürfe Schnelligkeit nicht zum Qualitätskriterium werden. Journalistische Arbeit könne nur glaubwürdig sein, wenn Nachrichten überprüft, also Zeit für die Recherche aufgewandt werde.

Schirrmacher konnte ihm da nur zustimmen, sieht aber noch eine Verschärfung des Problems, weil nicht die Schnelligkeit des Nachrichtenflusses, sondern der „Echtzeit“-Journalismus das noch brisantere Phänomen sei. Es verändere die Wirklichkeit, wie man am Beispiel der Katastrophe von Fukushima sehen könne. Schnell seien per Liveticker Nachrichten produziert worden, dabei sei mehrfach mit dem Satz „Jetzt wird es passieren“ Alarm geschlagen worden. Er ist überzeugt, dass ohne diese Dramatisierung die Wende in der Atompolitik gar nicht möglich gewesen wäre. Die neuen Medien verändern, meint Schirrmacher, eben auch die Politik, und die Politiker seien über die Entwicklung eher froh: Sie können nun ganz schnell auf sich aufmerksam machen, zugleich aber auch auf das Kurzzeitgedächtnis der Mediennutzer hoffen.

Angesichts der Informationsflut bedarf es, so Schirrmacher, auch mehr der Unterscheidung von wichtig und unwichtig. Er hob hervor, dass dies aber mehr Zeit und Kompetenz, also Manpower, braucht, aber er ist sich nicht sicher, ob guter Journalismus noch lange finanzierbar sei. Das Geschäftsmodell Zeitung sei gefährdet durch Entwicklungen, die gleichzeitig aufgetreten seien: die kostenlose Vergabe von Inhalten, die Verlagerung der Anzeigen ins Internet, das Medienverhalten der Jüngeren, die die digitalen Medien vorziehen.

Schirrmacher warnte Verleger und Journalisten aber trotzdem davor, von Onlineportalen zu viel zu erwarten. Geld sei mit ihnen nicht zu verdienen, und es führe in die Irre, wenn man die Zahl der „Klicks“ auf den Onlineseiten zu wichtig nehme. Sie seien nicht repräsentativ, veränderten die Einschätzung von Nachrichten und beförderten die Boulevardisierung der Zeitung. Diese Entwicklung sieht Sadrozinski im Onlinejournalismus schon weit fortgeschritten.

Dabei, meint Schirrmacher, seien es die Eliten, die in Zukunft noch Zeitungen läsen. Neben dem Lokalen bestehe in Hintergrundberichterstattung und Qualitätsjournalismus die Chance der Presse. Er beklagte die Konkurrenz durch die Onlineseiten der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die mit ihrem Gebührenprivileg auch Hintergrundberichterstattung unentgeldlich zugänglich machten.

Schirrmacherr sieht den „Hauptgegner“ aber in den „Megaplayern“ Facebook und Google, die mit ihren geheimen Auswahl- und Suchkriterien einen großen Einfluss auf unsere Informationen und unsere Wirklichkeit ausüben. Google könne, meinte Schirrmacher, mit seinem Datenwissen bald sogar Voraussagen über menschliche Reaktionen auf kommende Ereignisse machen.

Nicht kulturpessimistisch, sondern kulturkritisch versteht Schirrmacher seine Kritik an den digitalen Medien. Ihre Nutzung, das zeigten alle seriösen Studien, verschlechtere Konzentrations- und Merkfähigkeit, das Lesen auf Papier spreche zudem andere Hirnbereiche an als das Lesen auf dem Bildschirm. Und Sadrozinski wies darauf hin, dass man auf dem Bildschirm langsamer lese und sich weniger merke.

Praktische Rezepte zur Lösung der Zeitungskrise ließen sich aus solchen Überlegungen von Schirrmacher und Sadrozinski nicht unmittelbar ableiten. Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn die gebührenfinanzierten Anstalten sich auf ihre Kernkompetenzen beschränkten und die Marktchancen der Zeitungen nicht weiter beeinträchtigten.