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Medien Profis gegen Rudeltiere
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12:44 02.11.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Streitbare Runde: Hans-Ulrich Jörges, Volker Schmidt, Wolfgang Kubicki, Peter Matuschek, Michael Spreng, Guido Rettig und Klaus Schönbach (von links) mit Moderatorin Corinna Wohlfeil. Quelle: Surrey
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Hannover

„Wir leben voneinander“, sagt Wolfgang Kubicki zum Wechselspiel von Medien und Politik – und fügt feixend hinzu: „Ohne uns habt ihr nichts Schlechtes zu berichten.“ Im Herrenhäuser Galeriegebäude hat der Kieler FDP-Fraktionschef so gleich die ersten Lacher für sich. Auf Grundlage solcher Allianzen wäre es mit dem Einfluss von Medienmachern nicht weit her. Doch darum genau dreht sich – unter dem Titel „Die Macht der Medien: Fluch oder Segen?“ – dieses Wirtschaftsforum. „Wir beobachten mit Sorge einen Trend zu Brutalisierung und Vereinfachung“, begründet Niedersachsen-Metall-Geschäftsführer Volker Schmidt die Themenwahl an diesem Abend, zu dem er mit dem Industrieclub-Vorsitzenden Guido Rettig eingeladen hat. „Banalisierung und Skandalisierung von Informationen nehmen zu.“

Ist die Macht der Medien demnach eher ein Fluch? Antworten sucht dieses Forum nicht nur auf dem Podium, sondern auch im Publikum. Dessen Urteile stellen TED-Umfragen fest – und im Laufe der Debatte deutet sich dabei sogar ein gelinder Meinungsumschwung an.

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Zunächst dominiert die Skepsis: Im Plenum geben nur 35 Prozent an, überhaupt positive Erfahrungen mit Medien gemacht zu haben, und auf dem Podium kommt Peter Matuschek von Forsa zu Wort. Der Meinungsforscher hält den Medien vor, bei Voraussagen oft falsch gelegen zu haben – von der anfänglichen ARD-Prognose eines Sieges von Edmund Stoiber bei der Bundestagswahl 2002 bis zum vermeintlichen Linksruck, den etwa „Zeit“ und „Spiegel“ 2009 und 2013 vorausgesagt hätten. Selbst das Russland-Bild der Deutschen sei nach Forsa-Umfragen positiver als das in den Medien.

„Stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges beklagt unter Hinweis auf den Umgang mit Christian Wulff einen grassierenden „Rudeljournalismus“, ein „gemeinsames, besinnungsloses Jagen“. Kubicki erinnert an die Darstellung von FDP-Chef Rainer Brüderle in der „Dirndl-Affäre“ und klagt, dass die Medien Menschen „in ihrer politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Existenz vernichten“ könnten. Und beide beschreiben „Mediendeals“, wie es sie etwa zwischen Wulff und der „Bild“-Zeitung gegeben hat, als so fragwürdig, dass ein weiterer Diskutant auf Distanz geht: „Wir machen Deals mit unseren Kunden“, sagt Felix Gress, Chef der Continental-Unternehmenskommunikation. „Es ist schon erschreckend, wenn man Deals mit den Medien braucht.“

Nichts als Kampagnen und Kulturverfall also? Spät erst kommt einer zu Wort, der viel zu sagen hat und anfangs fast fassungslos klingt. „Ich bin betrübt über so viel Pauschalisierung“, bekennt Klaus Schönbach, der einst in Hannover, dann in Amsterdam Journalistik gelehrt hat und jetzt Publizistik-Professor in Wien ist. „Die Medien gibt es nicht, es existieren allein 374 Zeitungen in Deutschland – reden wir über die ,Grafschafter Nachrichten‘, die Hannoversche Allgemeine oder die ,Braunschweiger Zeitung‘?“ Differenzierter müsse auch über Themensetzungen in den Medien geurteilt werden. „Wenn in Fukushima ein Reaktor explodiert oder die USA Millionen Menschen ausspähen, müssen Journalisten doch darüber berichten.“ Dass das auch alle tun, könne keiner im Ernst als „Rudeljournalismus“ denunzieren. „Ich bilde seit 35 Jahren Journalisten aus, und mein Eindruck ist: Die meisten sind Profis, keine Missionare.“ Und überhaupt: „Was ist schlecht daran, wenn Zeitungen kritisch über die Menschenrechtslage in Russland berichten – und sich damit von der Meinung der Bevölkerung unterscheiden?“

Michael Spreng, einst „Bild“-Chef, dann Wahlkampfberater für Edmund Stoiber und Jürgen Rüttgers, beklagt gleichwohl eine Orientierungskrise, verursacht durch Quotenjagd und Auflagenschwund. „In immer weniger Redaktionen müssen immer weniger Journalisten um immer mehr Aufmerksamkeit kämpfen“, sagt er. „Das bedroht den Qualitätsjournalismus und führt zur Skandalisierung auch harmloser Vorgänge.“ Schönbach weist auch alle treuherzigen Hoffnungen zurück, dass statt traditioneller Medien das Internet zum neuen Ort öffentlichen Diskurses werden könnte. „Wir haben das untersucht: Die meisten stellen Katzenbilder ins Netz, nur zwei Prozent der Nutzer verfolgen dort politische Debatten – und davon 80 Prozent über die Auftritte von ,Spiegel‘, ,FAZ‘ oder anderen Zeitungen.“

Schlechte Zeiten also für politische Öffentlichkeit? Am Ende des Abends kommen die Medien gar nicht so schlecht weg: In der letzten Umfrage stufen 58 Prozent der TED-Tastendrücker die Macht der Medien als „Segen“ ein. Immerhin.

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