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Medien “Deutschlands große Clans: Die Deichmann-Story”: Eine überzeugende Dokumentation
Mehr Welt Medien “Deutschlands große Clans: Die Deichmann-Story”: Eine überzeugende Dokumentation
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07:54 28.07.2020
Bundesweit betreibt Deichmann fast 1500 Geschäfte. Nun läuft eine Doku über den Schuhhersteller.
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Wer wissen will, wie die Warenwelt wurde, was sie ist, wer die soziale Marktwirtschaft samt all ihren Begleiterscheinungen von Konsumterror über Ex-und-hopp-Mentalität bis hin zum Verdrängungswettbewerb verstehen will, wer also einen Blick ins trübe Herz des rheinischen Kapitalismus werfen will, sollte dies im Ruhrgebiet tun. Dort entstand ein Konzern, der den Schuhhandel ähnlich prägen sollte wie Aldi die Lebensmittelbranche oder der nahe gelegene Metzger Herta das Schlachtgewerbe.

Im selben Jahr wie der Essener Kleinkrämer Karl Albrecht eröffnete der ortsansässige Schuster Heinrich Deichmann 1913 die Keimzelle eines beharrlich wachsenden Imperiums. Und weil es sein Sohn Heinz-Horst im Wirtschaftswunder mit einer revolutionären Mixtur aus Kampfpreisen, Selbstbedienungsregalen und Billigimporten zum europäischen Marktführer gebracht hatte, setzte die Deichmann SE zuletzt in dritter Generation satte 6,4 Milliarden Euro um. Dennoch – oder deshalb – ist die Kette alles andere als unumstritten und folglich ein guter Kandidat für “Deutschlands große Clans”.

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ZDF porträtiert einheimische Konzernsippen von Weltrang

Mit dem populären Dienstagsformat porträtiert das ZDF seit Jahren einheimische Konzernsippen von Weltrang. Und obwohl diese hier im Vergleich mit Global Playern von Adidas über Otto und Lidl bis VW ein bisschen, nun ja, provinziell wirkt, konnte sie Absatz, Umsatz, Gewinne so steigern, dass sich ein Blick in die Historie lohnt.

Wie einst die Albrechts (Aldi) und Schweisfurths (Herta) begannen die Deichmanns mit einer einzigen Filiale, aus der Weltumspannendes erwuchs. Der Unterschied: Heinrich Deichmann war offenbar wirklich jener Philanthrop, den die vielfach leicht standortbesoffene ZDF-Reihe in all ihren Wirtschaftswundervätern (und sehr selten einmal -müttern) sehen wollte.

Wenn die versierte Dokumentarfilmerin Birgit Thanner den tiefreligiösen Firmengründer aus bescheidenen Verhältnissen in bieder nachgestellten Szenen als selbstlosen Schuster von nebenan skizziert, der den Ärmsten schon einmal Schuhe stundet und im Nationalsozialismus Solidarität mit Juden zeigte, ist also durchaus was dran an der formatüblichen Verherrlichung deutschen Unternehmergeistes.

Familienunternehmen war von fast schüchterner Schlichtheit

Zu dahinplätschernder Musik darf Heinz-Horst Deichmann sein Erbe mit zielstrebiger Empathie aufwärtsführen. Wenn er den Einkaufspreis mit den Worten drückt, auch einfache Leute “haben ein Recht darauf, gute Schuhe zum bestmöglichen Preis zu kriegen”, könnte das ebenso aus der hauseigenen PR-Abteilung stammen. Anders als bei öffentlich-rechtlichen oder schlimmer noch RTL-Biopics verliert sich Regisseurin Birgit Thanner allerdings nur selten einmal im seifigen Sound der Lobhudelei. Bis zur endgültigen Staffelübergabe an Heinrich Deichmann 2013 war das Familienunternehmen schließlich von fast schüchterner Schlichtheit.

Im beinharten Kampf um Macht und Märkte überaus ruppig, führte sein Vater ein relativ spartanisches Privatleben, in dem die Regenbogenpresse – wie der Firmenbiograf fast ernüchtert einräumt – praktisch keinen Glamour fand. Urlaub an der See, daheim Gelsenkirchener Barock, sogar seinen 60. Geburtstag feierte der Milliardär 1986 ganz bescheiden aus Kostengründen im kleinen Kreis. Abgesehen von der nachkriegstypischen Zigarre gibt es also wenig Bemerkenswertes vom passionierten Schachspieler zu bebildern. Umso interessanter, was Regisseurin Thanner zutage fördert: dubiose Immobiliendeals der Siebziger zum Beispiel, erstaunlich viel weibliche Führungskraft in männerdominierter Zeit oder Kritik an der Produktion in Niedriglohnländern.

Wenn der amtierende Chef nun sagt, angesichts von zuletzt 183 Millionen verkauften Paar Schuhen gefielen ihm jene am besten, “die sich gut verkaufen”, wird damit nur zu deutlich: Die Epoche mitfühlender Patriarchen scheint endgültig vorbei zu sein – und damit langsam auch jene erzählenswerter Patriarchenporträts.

Die Dokumentation “Deutschlands große Clans: Die Deichmann-Story” läuft am Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF.

Von Jan Freitag/RND

Der Artikel "“Deutschlands große Clans: Die Deichmann-Story”: Eine überzeugende Dokumentation" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.