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Medien Der lange Weg der Madsacks – Historiker arbeitet Familien- und Firmengeschichte auf
Mehr Welt Medien Der lange Weg der Madsacks – Historiker arbeitet Familien- und Firmengeschichte auf
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18:11 30.09.2019
August Madsack (unten rechts) mit seinen Söhnen (v. l.) Erich, Paul und Georg und dem Enkel Hans August (Sohn von Paul) auf einem undatierten Foto Quelle: Handout
Hannover

Seine Geschichte war die Geschichte eines Aufsteigers. August Madsack war in der „abgeschiedenen ostpreußischen Einsamkeit“ aufgewachsen, wie er selbst sagte. Vom Bauernsohn aus der Provinz arbeitete er sich empor in den Kreis großstädtischer Honoratioren. Nach beruflichen Stationen in St. Petersburg, Reval und Riga gründete der gelernte Buchdrucker 1893 den „Hannoverschen Anzeiger“, den Vorläufer der heutigen "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (HAZ) – und schrieb so in der aufstrebenden Stadt Hannover ein Stück Mediengeschichte.

Mit kaufmännischem Weitblick entwickelte der weltgewandte, kunstsinnige Visionär eine moderne Zeitung, die politisch unabhängig war. Insbesondere die humoresken Schnurren, die der beliebte Autor und zeitweilige Chefredakteur Hermann Löns unter dem Pseudonym Fritz von der Leine verfasste, machten den „Anzeiger“ rasch zum Erfolgsmodell.

Historiker arbeitet Firmen- und Familiengeschichte auf

In seinem Buch „Die Madsacks und der ,Hannoversche Anzeiger‘“ hat der renommierte Historiker Jens Flemming jetzt die Firmen- und Familiengeschichte der Madsacks von 1893 bis 1945 aufgearbeitet. Mehrere Jahre lang hat der Geschichtsprofessor, der lange an der Uni Kassel lehrte, an dem Band recherchiert.

In gut lesbarem Stil beschreibt er den Aufstieg Madsacks zu einem der führenden deutschen Zeitungsverlage. Kenntnisreich ordnet er die Entwicklung in die Epochen von Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit ein. So schafft Flemming ein großes Gemälde, in dem Technik- und Wirtschaftsgeschichte ebenso ihren Platz haben wie die politischen Brüche und die höchst persönlichen Geschicke der Verlegerfamilie über Generationen hinweg. Vergleichbare Darstellungen für die Geschichte deutscher Regionalzeitungen gibt es bislang kaum.

Ein Hochhaus für die Stadt

August Madsack war schon über 70 Jahre alt, als er 1928 das berühmte Anzeiger-Hochhaus erbauen ließ, dessen Kuppel derzeit saniert wird. Auch in Berlin, Stuttgart und Magdeburg schufen große Verlage seinerzeit repräsentative Verlagshochhäuser – „in Stein und Beton gegossene Zeugnisse für Selbstbewusstsein und Gestaltungswillen“, wie Flemming schreibt.

Am Ende des Ersten Weltkriegs lehnte der bürgerlich-patriotische „Anzeiger“ den Parlamentarismus nach englischem oder französischem Vorbild zwar als „Scheindemokratie der Westmächte“ ab, doch in den Zwanzigerjahren arrangierte sich das Blatt mit dem republikanischen System und ergriff teils sogar Partei für den liberalen Staatsmann Gustav Stresemann.

Angeregt hat das Buch August Madsacks Enkelin Sylvia Madsack. Gleichwohl hat Historiker Flemming keine unkritischen Elogen verfasst. Differenziert, aber mit klarem Urteil beschreibt er auch die Rolle des „Anzeigers“ in der NS-Zeit. Schon vor dem Tod des Patriarchen August Madsack im Februar 1933 hatte Mussolini einen faschistischen Leitartikel in dem Blatt veröffentlichen dürfen, als „Diskussionsgrundlage“, wie der „Anzeiger“ schrieb. Die Zeitung hegte Sympathien für völkisches Denken, die Machtübernahme der Nazis sah sie durchaus wohlwollend.

Lesen Sie auch: Sylvia Madsack verteidigt ihren Vater

Unter dem Druck der Diktatur

Das hinderte die konkurrierende NS-Presse nicht daran, das Anzeiger-Hochhaus in Karikaturen als Synagoge zu zeigen und dem „Anzeiger“ vorzuwerfen, er sei von jüdischem Kapital abhängig. August MadsacksSöhne, Erich und Paul, galten den Nazis als unsichere Kantonisten, obwohl sie zeitweise fördernde Mitglieder der SS waren und 1937 in die NSDAP eintraten.

Diese Entscheidung fiel wohl eher aus Kalkül als aus Überzeugung. Schon im März 1933 hatte Erich Madsack in einem Brief an eine Vertraute seinen Kurs erklärt: „Gegenwärtig muß man von früh bis spät mit allen Kräften darauf achten, daß die Zeitung keinen Schaden leidet und man glücklich durch alle Fährnisse der großen politischen Umschichtung hindurch kommt“, schrieb er.

Exemplarisch zeigt die Geschichte der Madsacks dabei freilich auch, wie Diktaturen mit offenen Drohungen und subtilen Zwängen die Freiheit zurückdrängen – und wie groß für Einzelne die Versuchung ist, durch vermeintliche Kompromisse die eigene Existenz zu sichern.

„Ehr und Wehr“

Ein junger, polnischer Jude namens Juda Lehmann, der im Planetarium des Hochhauses das Kulturfilmprogramm organisierte, wurde von seiner Aufgabe entbunden, jüdische Auslandskorrespondenten geschasst. Ab Dezember 1934 produzierte der „Anzeiger“ die regelmäßige Beilage „Ehr und Wehr. Blätter für deutsches Soldatentum“.

Waldemar Bonsels, bekannt als Autor der „Biene Maja“, rechtfertigte die NS-Bücherverbrennung im „Anzeiger“ damit, dass die Juden zu viel Einfluss hätten. Und die Ermordung von SA-Führern um Ernst Röhm1934 begrüßte die Zeitung, da in der „neuen deutschen Volksgemeinschaft“ für „krankhafte Elemente“ nun einmal kein Platz sei.

Mit „eilfertiger Anpassung“, so schreibt Flemming, habe Madsack sich in der Diktatur eingerichtet. Schon 1933 forderten interne Madsack-Richtlinien, „auf jedem Gebiet aktiv für den nationalsozialistischen Staat“ einzutreten. Fünf Jahre darauf waren acht von 16 Redakteuren Mitglieder der NSDAP.

Er gründete 1949 die HAZ neu: Dr. Erich Madsack in seinem Arbeitszimmer im Anzeiger-Hochhaus. Quelle: HAZ-Archiv

Das Aus für den „Anzeiger“

Vor einer Übernahme durch die Nazis bewahrte der Anpassungskurs den Verlag nicht. Im Jahr 1936 übernahm die Vera, eine Verlagsholding der NSDAP, unter Androhung von Zwang die Mehrheit der Gesellschaftsanteile. „Der ,Anzeiger‘ wurde ein NS-Blatt im bürgerlichen Gewande“, urteilt Flemming. Die Zeitung bejubelte deutsche Siege und druckte beschämende antisemitische Texte. Eine Reportage aus dem Warschauer Getto vom November 1941 beschrieb das „schmierige Gewühl und den ekelerregenden Schmutz“, den die Juden dort verbreiten würden.

Im Jahr 1943 kam dennoch das Aus für den „Anzeiger“. Die braunen Machthaber fusionierten das Blatt zwangsweise mit der nationalsozialistischen „Niedersächsischen Tageszeitung“. Nicht, weil der „Anzeiger“ politisch widerständig gewesen wäre, sondern weil Papierknappheit herrschte und Mitarbeiter an die Front geschickt werden sollten.

Erst 1949 konnte Erich Madsack im fast unzerstörten Anzeiger-Hochhaus die HAZ neu begründen – und unter den Bedingungen der Demokratie ein neues Kapitel der Verlagsgeschichte aufschlagen.

Lesen Sie hier mehr über die Geschichte der Madsacks

Wie Madsacks Verbindung zur Familie Sichel nach 125 Jahren endete

Es sind nüchterne Worte: ​Frau Sylvia Madsack und Dr. Paul Foulkes halten in einer „Gemeinsamen Erklärung“ aus dem Jahr 2018 fest, dass sie sich „einvernehmlich und streitfrei“ über die Beendigung einer geschäftlichen Beziehung geeinigt haben. Einer geschäftlichen Beziehung, die vor immerhin 125 Jahren ihren Anfang genommen hatte. Dass der Psychiater aus Melbourne und die zweitgrößte Anteilseignerin der Madsack Mediengruppe diese Erklärung unterzeichnen konnten, ist auch durch die Recherchen für das Buch möglich geworden. Damit hat ein ebenso dramatisches wie beklemmendes Stück Geschichte endlich einen glücklichen Abschluss gefunden.

Als Sylvia Madsacks Großvater August Madsack 1893 den „Hannoverschen Anzeiger“ gründete, hatte er sich potente Geldgeber ins Boot geholt. Darunter war der Geschäftsmann Maurits Wolter Koch, der dem jüdischen Kommerzienrat Jacob Sichel seinerseits eine sogenannte Unterbeteiligung von 12 Prozent einräumte.

Als später die Nazis an die Macht kamen, hielt die Witwe Hermine Sichel die Anteile der Bankiersfamilie. Um antisemitische Gesetze zu umgehen, initiierte Erich Madsack im Mai 1934 einen Scheinvertrag: Der integre Rechtsanwalt Franz Traudes sollte die Unterbeteiligung Sichel pro forma übernehmen und die Ausschüttungen an Hermine Sichel weitergeben.

Das funktionierte einige Zeit lang, doch als die Nazis 1938 eine Verordnung gegen die „Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe“ verhängten, erwarben die Brüder Erich und Paul Madsack die Ansprüche von Hermine Sichel – für 131 000 Reichsmark. Die Bankierswitwe floh in die Niederlande, wurde aber 1943 verhaftet und starb mit 84 Jahren im KZ Westerborg.

Nach dem Krieg meldeten ihre Erben Ansprüche auf Wiedergutmachung an. Hatten die Madsack-Brüder einen zu geringen Preis an Hermine Sichel gezahlt? Erich Madsack zeigte sich zunächst reserviert, doch 1952 kam es zu einem Vergleich: Die Erbengemeinschaft Sichel bekam eine Unterbeteiligung von 10 Prozent an den Gesellschafteranteilen von Erich Madsack. Ein „tragfähiger Kompromiss“, wie Historiker Jens Flemming urteilt.

Über die Jahre erwarb die Familie Madsack die Sichel-Anteile dann Stück für Stück zurück – mit einer Ausnahme. Der Erbe Thomas Foulkes, geboren 1924 in Karlsruhe mit dem Familiennamen Fuchs, behielt einen kleinen Anteil. Die Kommunikation mit dem Urenkel von Hermine Sichel, der als Schauspieler in mehreren Kinofilmen mitgewirkt hatte und 1966 nach Australien ausgewandert war, gestaltete sich schwierig. Auf ein Angebot von Erich Madsacks Witwe, Luise Madsack, seinen Anteil für 188 392 Mark zu verkaufen, ging er nicht ein. Später war er überhaupt nicht mehr zu erreichen.

Erst ein vermutlich zufälliger Blick in das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ brachte die Parteien wieder zusammen: Paul Foulkes, der Sohn des mittlerweile verstorbenen Thomas Foulkes, las dort einen Artikel über die Geschichte der Sichels und kam so wieder in Kontakt mit Sylvia Madsack. Beide machten reinen Tisch: Foulkes Rechte aus der alten Unterbeteiligung, heißt es in der Gemeinsamen Erklärung, „sind damit erloschen“.

Anmerkung der Redaktion: Zur Unternehmensgruppe Madsack gehört auch das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Von Simon Benne/RND

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