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Medien Der Weg der WikiLeaks-Depeschen an die Öffentlichkeit
Mehr Welt Medien Der Weg der WikiLeaks-Depeschen an die Öffentlichkeit
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20:09 02.12.2010
Von Dirk Schmaler
Quelle: ap (Symbolbild)
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Es war ein Coup erster Güte – auch wenn noch nicht ganz klar ist, worin der größere besteht: in den Inhalten der 251.287 Geheimdepeschen der US-Diplomatie oder in der theaterreifen Inszenierung des Enthüllers und seiner helfenden Exklusivpartnerzeitungen. Mittlerweile haben Beteiligte aus Redaktionen und Behörden einige Hinweise gegeben, welchen weiten Weg die WikiLeaks-Dokumente von amerikanischen Servern bis in die globalen Massenmedien genommen haben. Die Nachzeichnung einer langen Odyssee:

1. Der Datenklau: Vermutlich begann die lange Reise der Depeschen auf einer US-Militärbasis 60 Kilometer von Bagdad entfernt. Es ist November 2009, der 22-jährige Analyst Bradley Manning schiebt schon seit einem Jahr nahezu täglich 14-Stunden-Schichten in der Militäraufklärung. Gerade hat ihn seine Freundin verlassen, außerdem fühlt er sich von seinen Vorgesetzten schlecht behandelt. Er hat Zugang zu Geheimdokumenten im Regierungsnetzwerk. Acht Monate später wird sich der Hacker Adrian Lamo beim FBI melden. Manning brüstete sich offenbar im Internet damit, dass er von November 2009 bis April 2010 Abertausende Geheimdepeschen auf wiederbeschreibbare CDs mit der Aufschrift „Lady Gaga“ kopierte. Im Mai lud Manning die Daten auf der Internetplattform WikiLeaks hoch. „Freiheit für Informationsaktivisten“, schrieb er im Internet. Kurz danach wurde er verhaftet.

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2. Die Beweisaufnahme: Als Wiki- Leaks-Gründer Julian Assange bemerkt, was für einen Schatz ein Unbekannter auf seine Server geladen hat, wittert er den ganz großen Coup. Es sind mehr als 250.000 Depeschen von US-Botschaften aus aller Welt. Einen solch authentischen Einblick in die Welt der Diplomatie hat es noch nie gegeben. Assange hat gelernt aus vorangegangenen WikiLeaks-Veröffentlichungen, die aufgrund der Materialfülle und der anonymen Quellen kaum öffentlich wahrgenommen wurden. Doch WikiLeaks finanziert sich durch Spenden, und es läuft finanziell nicht gut. Assange will diesmal „größtmögliche politische Wirkung“. Er nimmt Kontakt zu verschiedenen Redaktionen auf.

3. Die Verhandlungen: Er ist nicht groß. Kleiner als ein Feuerzeug sogar. Und doch passen auf den USB-Stick in Schlüsselanhängerform alle 251.287 Depeschen. Als ein Journalist des britischen „Guardian“ im Sommer den Stick mit insgesamt 1,6 Gigabyte an Schriftstücken überreicht bekommt, beginnt für die Redaktion die Arbeit. Es muss Juni oder Juli gewesen sein, als Assange Kontakt mit dem „Spiegel“, der „New York Times“ und dem „Guardian“ aufnahm. Mit den drei Blättern hat er auch bei den Enthüllungen zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan zusammengearbeitet. Diesmal holt er zudem die spanische „El Paìs“ und die französische „Le Monde“ mit ins Boot. Die Redaktionen vereinbaren mit Assange: Am 28. November, 22.30 Uhr, soll die Veröffentlichkeit schrittweise gestartet werden. Wer sich daran nicht hält, muss 100.000 US-Dollar zahlen.

Unmittelbar vor der Übergabe im Juli läuft etwas schief – zumindest für die „New York Times“. Der exzentrische Assange ärgert sich über ein kritisches Porträt, das der Londoner „New York Times“-Korrespondent John Burns über ihn schrieb – und schließt die renommierte US-Zeitung kurzerhand von dem Exklusivdeal aus. Doch die Kollegen vom „Guardian“ helfen aus: Sie geben der „NYT“ eine Kopie der Papiere – im Austausch bekommen sie Exklusivmaterial über das State Departement. Bei den ersten beiden Coups über das Afghanistan- und das Irak-Dossier aus dem Pentagon hatten die beiden Blätter und der „Spiegel“ gut zusammengearbeitet. Zuvor hatten der Fernsehsender CNN und das „Wall Street Journal“ das Material abgelehnt, weil sie sich nicht auf die Konditionen von WikiLeaks einlassen wollten.

4. Die Analyse der Depeschen: Es ist viel Arbeit, 250.000 Diplomatendepeschen samt internen Abkürzungen, Codes und Zuordnungen zu analysieren und zu bewerten. 50 Mitarbeiter hätten vor fünf Monaten angefangen, die Dokumente zu sichten, erklärt „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo. Bei den anderen Zeitungen war der Aufwand ähnlich hoch. Hinzu kommen die vielen Absprachen untereinander. Die Rechercheure der „NYT“, des „Spiegel“ und des „Guardian“ stehen im Austausch. Immer wieder geht es um die Frage, ob es verantwortbar ist, ein bestimmtes Dokument zu veröffentlichen, oder ob damit unnötig Menschen gefährdet werden. Es ist ein schmaler Grat.

5. Die Veröffentlichung: Der vergangene Sonntag ist der Stichtag. WikiLeaks und die fünf Exklusivpartner wollen um 22.30 Uhr die ersten 200 der 250.000 Dokumente veröffentlichen. Der „Spiegel“ hat extra seine Auslieferung um einen Tag verschoben – letztlich umsonst: Ein Kiosk in Basel bekam von der Änderung nichts mit und stellt die neue Ausgabe schon mittags ins Regal. Per Twitter verbreiten sich die Geschichten und ein Foto des „Spiegel“-Covers rasend schnell. Am Abend ziehen „NYT“ und Co. nach. WikiLeaks ist um 22.30 Uhr der letzte Beteiligte, der das Material online stellt. WikiLeaks-Chef Julian Assange ist da aus Angst vor den Behörden längst untergetaucht. Die Depeschen sind dennoch der erhoffte Kracher. Weltweit.

Seitdem füttern die Exklusivpartner die Öffentlichkeit täglich mit neuen Details. Nur: Lediglich einige 100 Seiten sind bisher online. Eigentlich wartet die Öffentlichkeit also nach einer Woche Schlagzeilen noch darauf, was die Masse der berühmtesten Top-Secret-Obergeheimdepeschen aller Zeiten in Gänze zu bieten hat. Es bleibt konspirativ.

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