Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Der Orgasmus vor Gericht
Mehr Welt Medien Der Orgasmus vor Gericht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:09 07.10.2011
Ein Plädoyer für die Liebe: Beate Uhse (Franka Potente) muss sich in ihrem Leben häufig vor Gericht verantworten, stets an ihrer Seite der Anwalt Georg Tauber (Henry Hübchen).
Ein Plädoyer für die Liebe: Beate Uhse (Franka Potente) muss sich in ihrem Leben häufig vor Gericht verantworten, stets an ihrer Seite der Anwalt Georg Tauber (Henry Hübchen). Quelle: ZDF
Anzeige

Die Hauptfigur in diesem ZDF-Film aber bekommt säckeweise Briefe zugestellt, deren Absender sich mit ihrem eigenen Unwissen quälen. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorüber, Lust und Liebe sind noch ein Tabuthema – oftmals sogar zwischen Ehepartnern. Und so wird eine Frau zur sexuellen Aufklärerin der Nation und zugleich zur erfolgreichen Geschäftsfrau. Ihr Name: Beate Uhse.

Mit dem Abstand von mehr als einem halben Jahrhundert muss ein Spielfilm über diese Frau beinahe zwangsläufig zur Heldengeschichte werden. Eine unerschrockene Pionierin stellt sich einem spießigen, prüden, verstockten Land entgegen und geht unbeirrt ihren Weg, der sie zum Hassobjekt macht und sogar auf die Anklagebank bringt. Das Irritierende an dem Spielfilm „Beate Uhse – Das Recht auf Liebe“ ist bloß: Er wirkt ebenso verstaubt und altbacken. Wie kann das sein, wenn Beate Uhse eine so moderne Frau, ein solcher Freigeist war?

Regisseur Hansjörg Thurn und Drehbuchautor Timo Berndt spulen das Leben der 1919 geborenen Tochter einer Ärztin als Stationendrama herunter – von der tollkühnen Flucht der einstigen Stuntpilotin im April 1945 im Flugzeug nach Schleswig-Holstein bis zu ihrem unermüdlichen Kampf gegen den „Unzucht-Paragraphen 184“.

Erzählt wird in Rückblicken. Beate Uhse schaut auf ihr eigenes Leben zurück und berichtet darüber Jeff (Ray Fearon), dem neuen Mann an ihrer Seite, der so gar keine sinnvolle Funktion in dieser Geschichte hat. Von ihrem langjährigen Gatten und Geschäftspartner Ewe Rotermund (Hans-Werner Meyer) hat sich Uhse nach zahlreichen Querelen getrennt. Viel einfallsloser geht es nicht als bei diesem Hin und Her zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Und warum bloß werden die privaten Beziehungsprobleme Beate Uhses ins Zentrum dieses biografischen Bilderbogens gerückt? Immerhin, Ehemann Ewe spielte tatsächlich eine wichtige Rolle im Leben der Beate Uhse. Mit seiner Idee fing alles an: Ewe hatte 1947 den Einfall, die Broschüre über die Verhütungsmethode nach Knaus-Ogino zu verschicken. Die „Schrift X“ wird zum Grundstein von Beate Uhses Ratgeber-Imperium. Bald versendet sie auch Kondome und anderes Zubehör. 1962 eröffnete Uhse in Flensburg ihr erstes „Fachgeschäft für Ehehygiene“, kurz: den ersten Sexshop.

Das ist eine unglaubliche Karriere, die in diesem ZDF-Film geradezu fahrlässig in die gewohnten Bahnen einer Liebesgeschichte gezwungen wird, angereichert mit Episodischem aus dem Wirtschaftswunderland Bundesrepublik. Dass Beate Uhse auch führend bei der Pornoproduktion war, bleibt allerdings ausgespart – so, als wollten die Filmemacher ihr Idol nicht beschmutzen.

Die Schauspieler tun ihr Möglichstes, die Verflachung zu mildern. Franka Potente gibt eine muntere Beate Uhse, die alle existenziellen Ängste weglächelt. Henry Hübchen ist ihr schlitzohriger Anwalt, der immer noch einen Ausweg weiß. Und Sylvester Groth als verbiesterter Staatsanwalt redet sich so sehr in Rage, dass durchaus Erinnerungen an die unseligen Juristen vor 1945 wach werden.

Und doch ist dies eine müde Huldigung. Gleich zu Beginn steht Beate Uhse im Gerichtssaal und schleudert ihrem hartnäckigsten Verfolger entgegen: „Hier steht der Orgasmus vor Gericht.“ So viel Furor hätte man sich auch in den nächsten beinahe zwei Fernsehstunden gewünscht.

Stefan Stosch

07.10.2011
Medien Nachrichten auf dem Smartphone - „heute“-App für nächsten Sommer geplant
07.10.2011
07.10.2011