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Mehr Welt Medien Der Boom der Castingshows treibt bizarre Blüten
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15:59 25.04.2009
Helden zum Zerstören: Die Kandidaten der aktuellen Staffel von "Deutschland sucht den Superstar", hier der bereits ausgeschiedene Benny Kieckhaeben. Quelle: Henning Kaiser/ddp
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Zum Titel „Kakerlakenkönigin“ hat es nicht ganz gereicht. Guilia Siegel musste das RTL-Dschungelcamp im Januar vorzeitig verlassen. Wegen mangelndem Teamgeist hatte es sich die kapriziöse Produzententochter bald nicht nur mit sämtlichen Bewohnern, sondern auch mit den Zuschauern verscherzt.

Dabei sollte sich ihr Zickentum auszahlen. Gerade hat PRO7 mit der Suche nach unerschrockenen Männern begonnen, die das Herz der alleinerziehenden Mutter dreier Kinder erobern sollen. „Gulia in Love“ markiert den Höhepunkt einer Entwicklung, der Medienwissenschaftler noch vor der Krise nur eine begrenzte Halbwertzeit vorhergesagt hatten.

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Irgendwann, so die weitverbreitete Hoffnung, müssten die Talentspione von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) oder den „Popstars“ auch den letzten sangeswütigen Kandidaten unter der Dusche hervorgezerrt haben.

Fehlanzeige. Glaubt man Holger Roost-Macias, dann hat die Ära der Castingshows gerade erst begonnen. Dann dauert es nicht mehr lange bis Fußballer, Rennfahrer oder Architekten den Fernsehschirm erobern, ausgestattet mit einer Startnummer und der vagen Hoffnung auf einen Job in der Profiliga.

Roost-Macias ist Geschäftsführer der Tresor TV-Produktionsgesellschaft. Und als solcher verantwortlich für eine ganze Reihe von Castingshows, auch für den Quotenrenner „Germanys Next Topmodel“ (GNTM). Als die Münchener TV-Fabrik im Jahr 2000 die erste Staffel der „Popstars“ produzierte, konnte keiner ahnen, dass sie damit eine Entwicklung anstoßen würde, die Jahre später darin gipfelte, dass TV-Sender auch weniger glamourösen Berufsgruppen wie den Landwirten („Bauer sucht Frau“) oder der Friseurbranche („Top Cut“) eine Tür zum Fernsehen öffnen würden.

Inzwischen, so scheint es, wird alles gecastet, was zwei Beine hat. Ob mildtätige Frauen mit Helfersyndrom („Schwiegertochter gesucht“) oder schrullige Adlige („Gräfin gesucht“), für jeden Topf scheint das Fernsehen einen passenden Deckel zu finden – und sei er noch so verbeult.

Pünktlich zum Wahlkampf will das ZDF auch Möchtegernpolitiker nicht nur wählen, sondern auch casten lassen. Bei „Ich kann Kanzler“ (Start: 18. Juni) will eine Jury unter 2500 Bewerbern vier auswählen, die in Disziplinen wie Phrasendreschen oder Eierlauf brillieren. Einen Freifahrtschein ins Kanzleramt gewinnt der Sieger nicht. Verschämt beeilt sich der ZDF-Chefredakteur, dieses Oberschichtencasting als Bildungsmaßnahme zu deklarieren.

Die Krise scheint ein idealer Nährboden für die Verbreitung solcher Formate zu sein. Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz sagt, die Shows bedienten die voyeuristische Lust, aus dem Nichts einen Helden zu kreieren, um ihn dann wieder zu zerstören. Sie machten den Zuschauer zum Zeugen eines Selektionsprozesses, den er aus dem Arbeitsalltag kennt.

In Zeiten, da ein guter Schulabschluss keine Garantie mehr für eine Karriere sei, erscheine vielen jungen Menschen der Sieg in einer Castingshow wie die berühmte Hintertür zum Erfolg. „Wenn es keine Relation mehr zwischen Leistung und Popularität gibt, wächst der Glaube an die Macht des Zufalls.“

Dass die Grenzen zwischen der Dokusoap und Castingshows längst fließend geworden sind, liegt in der Natur der Krise, wie Formate wie „Der Starpraktikant“ (VOX) zeigen, wo jeweils drei junge Menschen um ein Praktikum in ihrem Traumberuf konkurrieren.

Daneben befördern auch niedrige Produktionskosten den Boom dieser Shows – auch wenn Roost-Macias betont, dass nicht jede Castingshow eine Billigproduktion ist. Sowohl GNTM (PRO7) als auch die ebenfalls von Tresor produzierte neue „Glamourshow“ „Mission Hollywood“ (RTL, Start: 8. Juni) verursachten erhebliche Kosten.

Wenn Heidi Klum oder Til Schweiger Träume von einer Schauspielerinnenkarriere wecken wollten, müsse man schon mit einem Team in die USA reisen, sagt der Tresor-Chef. Doch solche Shows sind eher die Diamanten in der großen Grabbelkiste mit Strasssteinen. Castinggeröll gibt es genug – und es wird kaum weniger werden.

Norbert Bolz jedenfalls glaubt, dass sich das Format beinahe unendlich variieren lässt. Neue Forschungsgebiete verspricht sich der Medienwissenschaftler davon jedoch nicht. „Hat man eine Show gesehen, kennt man alle.“

von Antje Hildebrandt