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00:16 04.01.2015
Von Karl Doeleke
Als Hacker 18 Millionen deutsche E-Mail-Konten geknackt haben, rief der Skandal die bis dahin unbekannte Zentralstelle für Internetkriminalität auf den Plan.
Als Hacker 18 Millionen deutsche E-Mail-Konten geknackt haben, rief der Skandal die bis dahin unbekannte Zentralstelle für Internetkriminalität auf den Plan. Quelle: Oliver Berg
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Verden

Oberstaatsanwalt Frank Lange muss oft erklären, was er tut, manchmal sogar Richtern. Angela Merkel würde sagen, er und seine Kollegen von der Staatsanwaltschaft in Verden ermitteln im Neuland. So hat die Kanzlerin das Internet einmal genannt und dafür jede Menge Spott geerntet. Doch im Fall der Verdener Ermittler trifft es das ganz gut.

Lange jagt von der niedersächsischen Provinz aus Ganoven im weltweiten Datennetz. Der 43-Jährige leitet die Zentralstelle für Internetkriminalität in Verden, es gibt sie erst seit Anfang 2012. Und doch ist sie laut Lange die „dienstälteste operativ tätige“ Zentralstelle dieser Art in Deutschland. Die Verdener kümmern sich um alle möglichen Formen der Internetkriminalität jenseits der Kinderpornografie. Dabei interessiert die Ermittler nicht der kleine Betrug bei Ebay. „Es geht um organisierte Kriminalität“, sagte Lange.

Der Jurist muss nicht nur bei der Ermittlungsarbeit immer wieder neue Wege gehen, auch vor Gericht: „Ich habe schon Anklagen geschrieben und ein Wörterbuch dazugereicht.“ Manche Richter sind eben noch nicht so weit. In dem Glossarium hat der Oberstaatsanwalt dann Fachbegriffe aus der dunklen Ecke des Cyberspace erläutert wie „DDOS-Attacke“, „Double Fast Flux“ oder „Ransomeware“. Internetkriminalität ist etwas für Spezialisten.

Hacker-Paragraf aus der Internetsteinzeit

Vor Gericht prallen dann auch zwei Welten aufeinander, wenn Lange und Kollegen Anklage erheben: Der technische Fortschritt, den auch Kriminelle mitgehen, auf der einen Seite; die Strafprozessordnung und das Strafgesetzbuch auf der anderen. Die Prozessordnung ist von 1879 und schreibt vor, dass an Deutschen Gerichten alles in Papierform zu geschehen hat. Wie beschlagnahmt man dann ein E-Mail-Postfach? Indem man es ausdruckt? Der sogenannte Hacker-Paragraf im Strafgesetzbuch ist keine zehn Jahre alt. Doch Lange findet, er sei formuliert, als stamme er aus der Internetsteinzeit: „Da herrscht die Vorstellung: Ein Mensch bricht in einen Computer ein. Botnetze sind da noch gar nicht mitbedacht worden.“

Solchen Botnetzen sind in Verden drei Staatsanwälte, alle um die 30 Jahre alt oder kaum älter, und Oberstaatsanwalt Lange tagtäglich auf der Spur. Die Betreiber solcher Netze sitzen irgendwo auf der Welt, spielen über das Internet unbemerkt Schadsoftware auf Computer und können diese dann fernsteuern. Sie nutzen die fremde Rechnerleistung aus, um Viren weiter zu verbreiten, massenweise unerwünschte Werbe-E-Mails zu verschicken – oder Passwörter, Kreditkartennummern und Zugangsdaten für das Onlinebanking auszuforschen.

Laut Lange gibt es Botnetze, die im Jahr bis zu einer Million deutsche Computer unterjocht haben. „Damit kann man richtig viel Geld verdienen“, sagt der Oberstaatsanwalt. Er kennt einzelne Schadprogramme, mit denen haben Kriminelle mehr als neun Millionen Euro von fremden Konten abgebucht. Sobald sie einen Schaden bei Bankkunden im Bereich der Staatsanwaltschaft Verden anrichten, ist die Zentralstelle zuständig – auch wenn die Hacker etwa von der Ukraine aus operieren oder weitere Opfer sonstwo auf der Welt um ihr Geld erleichtert haben.

 
Solche Hacker haben die Verdener dieses Jahr schlagartig bekannt gemacht. Die jüngst von Google veröffentlichte Rangliste der häufigsten Suchwörter belegt das. Der Suchbegriff „BSI Sicherheitstest“ rangierte 2014 in Deutschland auf Platz 5 – kurz nach „iPhone 6“ und noch vor dem „Dschungelcamp“. Das liegt an der Verdener Zentralstelle.

Hacker knacken 18 Millionen deutsche Passwörter

Im Frühjahr kam sie Hackern auf die Spur, die in Deutschland 18 Millionen E-Mail-Adressen und die zugehörigen Passwörter gestohlen hatten. Wie genau, will Lange nicht verraten. Er wird einsilbig, wenn er danach gefragt wird, denn die Ermittlungen sind längst nicht abgeschlossen. Und doch informierten die Verdener schon im Frühjahr die Öffentlichkeit. Zu groß war der Identitätsklau, als dass Lange und seine Kollegen leise hätten weiterermitteln können. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sorgte mit einem Schnelltest im Internet für ruhige Nerven bei all jenen, deren Passwörter nicht gestohlen worden waren.

Es ist kein Zufall, dass die Zentralstelle vor ziemlich genau drei Jahren in Verden eingerichtet wurde. Die Ermittlungsbehörde hatte laut dem Ersten Staatsanwalt Lutz Gaebel schon lange den Ruf „die können mit Computer“ – weil sie früher als andere einen Scanner angeschafft hatten. Damit haben sie die Ermittlungsakten, die ja laut Strafprozessordnung auf Papier zu führen sind, digitalisiert. Das hat sich offenbar bis ins Justizministerium nach Hannover herumgesprochen.

Und dann war da der Sasser-Fall vor fast zehn Jahren. Ein 18-Jähriger hatte von Rotenburg/Wümme aus weltweit Windows-XP-Computer mit einem selbst geschriebenen Virus­programm lahmgelegt. Gaebel hat ihn vor Gericht gebracht. Damals gab es noch keine Zentralstelle. Heute beschäftigt sie neben Oberstaatsanwalt Lange drei Staatsanwälte, einen Rechtspfleger und fünf Servicekräfte.

Ihr Leiter Frank Lange sagt: „Ich bin Jurist, kein Techniker.“ Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Zentralstelle auch kaum von anderen Staatsanwaltschaften. Überall stapeln sich Papierakten in den Fluren und den Zimmern der Staatsanwälte. Von besonderer Computertechnik kaum eine Spur. Die steht zum Beispiel beim Landeskriminalamt. Dort findet auch die eigentliche Jagd nach Kriminellen im Internet statt. Lange und Kollegen müssen dann über internationale Rechtshilfeersuchen regeln, dass Server beschlagnahmt oder Festplatten gesichert werden können.

Virtuell wird es allenfalls montags, wenn sich die Ermittlungsgruppe Botnetze in einer Videokonferenz mit Ermittlern einzelner Polizeidienststellen, dem Landeskriminalamt, dem Bundeskriminalamt, mit Experten vom BSI und Wissenschaftlern, etwa des Fraunhofer-Instituts, austauscht. „Das läuft nicht über Skype“, betont Lange, sondern in abgeschotteten Polizeinetzen. Aber am Ende schaut der Oberstaatsanwalt auch nur in die Webcam am Rechner. Wenn er oder seine Kollegen nicht im Ausland unterwegs sind, um Festplatten von Internetkriminellen zu beschlagnahmen.

Mehr zu Zentralstellen

Zentralstellen sind Abweichungen von der Regel: Welche der elf niedersächsischen Staatsanwaltschaften ein Ermittlungsverfahren führt, hängt eigentlich vom sogenannten Gerichtsstand ab. So schreibt es die Strafprozessordnung vor. Danach ist der Gerichtsstand bei dem Landgericht begründet, in dessen Bezirk die Straftat begangen wurde. Allerdings gibt es etliche Abweichungen von der Regel. So sind in Niedersachsen zur besseren Bekämpfung bestimmter Kriminalitätsformen die Zuständigkeiten in sogenannten Zentralstellen oder Schwerpunktstaatsanwaltschaften gebündelt. So gibt es bei der Staatsanwaltschaft Hannover eine Zentralstelle zur Bekämpfung des politisch oder religiös motivierten Terrorismus, die sich um ganz Niedersachsen kümmert. In Oldenburg wurde eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Landwirtschaftsstrafsachen installiert. Für Wirtschaftsstrafsachen in Niedersachsen sind zentral vier Staatsanwaltschaften zuständig: die in Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Stade. Um die Computer- und Internetkriminalität in Niedersachsen kümmern sich Staatsanwälte in Verden, Göttingen und Osnabrück.

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