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Medien Computer-Pionier im elterlichen Wohnzimmer
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09:54 19.06.2010
Konrad Zuse, der als Erfinder des Computers gilt, wäre am Dienstag 100 Jahre alt geworden. Quelle: ap
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Der erste Computer der Neuzeit entstand in der Methfesselstraße in Berlin-Kreuzberg. Im elterlichen Wohnzimmer baute der Ingenieur Konrad Zuse in den dreißiger Jahren in Handarbeit die erste frei programmierbare Rechenmaschine mit dem prosaischen Namen Z1. Nach dem Krieg blieb Zuse die Anerkennung für seine Arbeit lange verwehrt, seine mittelständische Computerfirma erlangte nie weltweite Bedeutung. Doch zum 100. Geburtstag am kommenden Dienstag wird der Computerpionier als Paradebeispiel für deutschen Forscherdrang gefeiert.

Als der am 22. Juni 1910 in Berlin geborene Zuse nach seinem Bauingenieurstudium einen Computer entwerfen wollte, entsprach das dem Zeitgeist. In England legte der Mathematiker Alan Turing die theoretischen Grundlagen für den Computer, auch in anderen Ländern wurde daran getüftelt, komplexe Rechnungen künftig Maschinen zu überlassen. Zuse setzte auf praktisches Basteln: Der mechanisch konstruierte Z1 erwies sich zwar als störanfällig, aber der 1941 vorgestellte Z3 funktionierte. Das Geld für diesen weltweit ersten Rechner mit elektrischen Relais stammte auch von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt. Zuse verwahrte sich dennoch zeitlebens gegen den Vorwurf einer ideologischen Nähe zu den Nazis.

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Viele Grundprinzipien moderner Computer gehen auf Zuse zurück: Er kam auf die Idee, dass das Rechnen mit Einsen und Nullen - im sogenannten binären System - effizienter ist als im Zehnersystem. „Zuse sah die Analogie zu elektrischen Schaltern, die nur zwei Einstellungen haben: An und Aus“, erklärt Martin Grötschel, Leiter des nach dem Computer-Pionier benannten Zuse-Instituts Berlin (ZIB). Zudem erfand Zuse die sogenannte Gleitkomma-Rechnung, mit der sehr große und sehr kleine Zahlen mit einer kleinen und konstanten Speichergröße dargestellt werden - ein Verfahren, das erst Jahrzehnte später zum Standard wurde. „Zuse war seiner Zeit weit voraus“, sagt Grötschel.

„Mein Vater hatte ständig Ideen im Kopf“, sagt Horst Zuse. Der 64-jährige Informatik-Professor ist wegen des 100. Geburtstags seines Vaters derzeit ständig auf Vortragsreise. Als Kind habe er aus der Firma seines Vaters immer Einzelteile mitnehmen dürfen und damit Steuerungen für seine Märklin-Eisenbahn gebaut, erinnert sich Horst Zuse. „Das hat auch mich geprägt.“

„Zuse war ein echter ’Selfmade-Man’“, sagt Grötschel. Dass die rasante Entwicklung bei den Computern letztlich an ihrem Erfinder vorbeilief, habe vor allem an der Isolation durch den Krieg gelegen. „Bis 1950 stand er praktisch alleine da.“ Die in Hessen gegründete Zuse KG blieb immer ein mittelständisches Unternehmen, dass vor allem Rechner für wissenschaftliche Zwecke produzierte. 1965 konnte die Firma der Konkurrenz von Konzernen wie IBM nicht mehr standhalten und wurde von Siemens übernommen. Der Verlust der Firma sei „ein Desaster“ für seinen Vater gewesen, erinnert sich Horst Zuse. Dieser habe sich danach vor allem wieder seiner zweiten großen Leidenschaft gewidmet, der Malerei.

So manche sehen Zuses Werdegang als symptomatisch für die deutsche Forschung. „Computer, Faxgerät und MP3-Standard haben eines gemeinsam: sie wurden in Deutschland erfunden, aber andere Länder haben sie kommerziell erfolgreich umgesetzt“, erklärte der Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom, August-Wilhelm Scheer. Nach Ansicht von Horst Zuse macht das bewegte Erfinderleben seines Vaters vor allem eines deutlich: „Wer eine gute Idee hat, muss auch heute beharrlich sein und darf seine Vision nicht zerreden lassen - und er muss 18 Stunden am Tag dafür arbeiten.“

afp