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Medien Comic-Held Asterix: Mit Zaubertrank zur Unsterblichkeit
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20:36 21.10.2009
Asterix, Obelix und dessen Zeichner Albert Uderzo.
Asterix, Obelix und dessen Zeichner Albert Uderzo. Quelle: AFP
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Der Frieden ist dahin. Vorbei die Zeiten, da Asterix und Obelix unter Strohhüttendächern Wildschweine verspeisen und vollgefressen alle viere von sich strecken durften, wenn sie es den Römern wieder einmal so richtig gezeigt hatten. Die zwei Recken müssen jetzt rackern. Sie müssen ran wie noch nie in ihrem Leben. Die Familienoberen wollen es so. Allen voran der geistige Vater der beiden, der Zeichner Albert Uderzo. Nicht, dass Asterix und Obelix gegen eine Armada geklonter Weltraumwesen anzutreten hätten. Mit denen würden sie natürlich fertig. Das haben sie im voherigen Band bewiesen. Dieses Mal steht eine kommerzielle Großoffensive an. Asterix wird 50. Das muss gebührend gefeiert, das muss vor allem auch gebührend vermarktet werden.

Ein paar Hundert Kilometer östlich des gallischen Dorfes stecken Uderzo und andere führende Asterix-Familienmitglieder in der Pariser Mitterrand-Bibliothek die Köpfe zusammen, markieren Fronten, skizzieren Strategien. Uderzo, dieser geniale Zeichner, der sich seit dem Tod des nicht minder genialen Texters René Goscinny leider auch als Schreiber versucht, fixiert den Ausgangspunkt. Von der Geburt des Helden erzählt er, ohne die der Geburtstag natürlich schwerlich gefeiert, geschweige denn wochenlang multimedial in Szene gesetzt werden könnte. Schmallippig, die Knollennase reckend, die Hände auf dem stattlichen Bauch, erinnert Uderzo ein wenig an Obelix. Aber der beleibte Gallier denkt bekanntlich so schnell, wie er Hinkelsteine schleppt. Uderzo hingegen ist mit 82 Jahren geistig noch enorm beweglich. Und während der Zeichner Jackett und Pünktchenkrawatte trägt, liebt es Obelix oben ohne.

Im Spätsommer 1959 saßen demnach also Uderzo, Sohn italienischer Einwanderer, und Goscinny, aufgewachsen in Argentinien, auf einem Balkon der Pariser Vorstadt Bobigny. Die Sonne brannte vom Himmel. Die beiden kippten einen Pastis nach dem anderen hinunter, rauchten wie die Schlote und grübelten über einen Beitrag für das Comic-Magazin „Pilote“. Eine französische Alternative zu den amerikanischen Comics sollte es sein. „Die Gallier, das wärs doch“, hatte einer der beiden die zündende Idee. Gemeinsam erdachten sie zwei ungleiche Helden, ein paar Krieger und ein befestigtes Dorf. Um dem nach der deutschen Besatzung malträtierten Nationalgefühl ihrer Landsleute zu schmeicheln, betrieben Uderzo und Goscinny dann noch ein wenig Geschichtsklitterung: Die Römer, die einst ganz Gallien überrannt hatten, sollten in den zwei Helden ihre Meister finden und sich an den Palisaden des Dorfes die Zähne ausbeißen. Die Geschichte erschien am 29. Oktober 1959, Asterix war geboren.

Was die Strategie betrifft, so soll sich Uderzo bei der Geburtstagsoffensive altersweise im Hintergrund halten, während eine Art gallischer Marktschreier vorneweg stürmt. Wobei auch dieser stimmgewaltige Mann zunächst den Ausgangspunkt markiert: „325 Millionen verkaufte Bände, übersetzt in 107 Sprachen und Mundarten, kolossal, phantastisch, wunderbar“, legt er in der Mitterrand-Bibliothek los, wendet sich dann an den Experten Uderzo. „Demnächst 350 Millionen Bände, was meinst du?“ „Das Wichtigste ist, dass sich die Leute amüsieren“, sagt Uderzo leise.

Das „demnächst“ beginnt am kommenden Donnerstag. Eine Woche vor dem 50. Geburtstag kommt dann nämlich der neue Asterix heraus. „Das goldene Buch“, heißt der mit einer Startauflage von drei Millionen in 15 Ländern gleichzeitig erscheinende Band. Asterix und Obelix schmücken den Buchdeckel gleich doppelt: leibhaftig und als Goldstatuen. Auf den Seiten dahinter geht es, wen wundert?s, um Geburtstag und Geschenke. Cäsar und Cleopatra sowie 398 weitere Weggefährten der vergangenen 50 Jahre werden sie überreichen.

Anschließend soll dann aus allen Rohren gefeuert werden. Auf einem Video wird bei YouTube zu sehen sein, wie die französische Luftwaffe das Asterix-Konterfei mit Kondensstreifen an den Himmel pinselt. Der Komponist Frédéric Chaslin plant im vornehmen Champs-Élysées-Theater ein Konzert, das er als „die Verlobung von Asterix und klassischer Musik“ preist. Das Cluny-Museum stellt in der Hauptstadt Originalzeichnungen Uderzos aus sowie Originaltexte Goscinnys und zeigt damit „ein bisschen die Seele Frankreichs“, wie die Museumsdirektorin meint. In Bobigny wird der Balkonszene gedacht, der Asterix seine Entstehung verdankt. Am 2. Dezember erscheint eine handtellergroße Asterix-Briefmarke zu 50 Cent. Nicht Frankreich steht darauf, sondern Gaule, Gallien.

Durch Zaubertrank gestärkt werden Asterix und Obelix aber gewiss auch den Geburtstagsfeldzug siegreich bestehen. Uderzo mag die Sprechblasen des Jubiläumsbandes etwas unbeholfen füllen, den Handlungsfaden etwas nachlässig knüpfen: Mit den ersten 24, von Goscinnys Wortwitz und Feingeist durchdrungenen Bänden haben die zwei Unbeugsamen zu Millionen von Lesern dauerhafte Bande geknüpft. Eine einzige Huldigung an Freiheit, Freundschaft, Treue, Großzügigkeit, Mut und Abenteuer sind diese Geschichten. Die Fangemeinde vergilt dies ihrerseits mit Treue, ja Freundschaft.

Hinzu kommt diese zeitlos schöne Botschaft: „Der Kleine kann den Großen besiegen, er kann auch austeilen, muss sich nicht alles gefallen lassen“, so hat Uderzo sie einmal formuliert und hinzugefügt: „Damit kann sich jeder identifizieren.“ Als Zeichner bringt er diese Botschaft noch immer vortrefflich herüber.

Bleibt die Sorge, er könnte nach dem Geburtstagsfest den Stift aus der Hand legen, in den Ruhestand gehen und Asterix und Obelix ebenfalls in Rente schicken. Mehrfach hat Uderzo dies schon erwogen. Als er sich aus dem Hartplastiksessel erhebt und dem Ausgang der Mitterrand-Bibliothek entgegenstrebt, zeigt sich, dass die Kräfte schwinden. Er schleppt er sich mehr voran, als dass er geht. Eine Assistentin eilt herbei, bittet, den alten Herrn nicht mehr mit Fragen zu behelligen. Doch diese eine Frage muss sein, und Uderzo gibt auch noch die erlösende Antwort. Es wird noch einen Band aus seiner Feder geben, mindestens noch einen. „Ich werde doch die Erde nicht verlassen, ohne zuvor noch ein Asterix-Buch gemacht zu haben“, sagt er. Und wenn die Hand eines Tages den Stift beim besten Willen nicht mehr halten könne, dann werde er ihn nicht etwa fallen lassen, sondern weiterreichen.

Uderzo weiß bereits, an wen. Er hat Frédéric und Thierry Mebarki auserkoren, die Saga fortzuschreiben. Die aus Nordafrika stammenden Brüder haben den aufmüpfigen Gallier bisher auf Merchandising-Produkten verewigt. Die Mebarkis seien außergewöhnlich talentiert, sagt Uderzo. Wobei er der Nachfolgeregelung letztlich keine existenzielle Bedeutung beimisst. Das Überleben der gallischen Recken hänge erfreulicherweise nicht mehr von irgendwelchen Zeichnern oder Textern ab, gibt er zu verstehen.

„Asterix und Obelix sind unsterblich“, verkündet der Mann, der sie von Pastis benebelt an einem heißen Sommertag auf einem Balkon in der Pariser Banlieue erschaffen hat. Sie seien „universal“, hätten sich „für immer in den Köpfen der Menschen festgesetzt“.

33 Bände, 325 Millionen mal verkauft

Seit 1959 sind 33 Asterix-Bände erschienen. Weltweit gingen 325 Millionen Bände über die Ladentheke. Die Abenteuer des kleinen Galliers wurden in 107 Sprachen und Mundarten übersetzt, darunter ein portugiesischer Dialekt oder auch die Mundart der nordfranzösischen Picardie. Am 22. Oktober erscheint zum Geburtstag des Helden der 34. Band „Das goldene Buch“. In 15 Ländern kommt er gleichzeitig heraus. Die Startauflage liegt bei drei Millionen. Jährlich spült der Buchverkauf im Durchschnitt mehr als zehn Millionen Euro in die Kassen des Verlags „Editions Albert René“. Der Großverleger Hachette hat dort seit 2007 das Sagen. Er hält 60 Prozent der Anteile. Weitere Einnahmen bescheren die Asterix-Filme, der östlich von Paris gelegene Asterix-Erlebnispark und die Lizenzen für Asterix-Produkte. Acht Zeichentrick- und drei Spielfilme erzählen vom kleinen gallischen Dorf und seinen Helden. 24 Millionen Kinogänger haben sie gesehen.

von Axel Veiel