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Medien Der „Tatort“ aus Berlin: Psychogramm einer kaputten Familie
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14:20 14.11.2021
Schützt Polizistin Doris (r.) ihren tatverdächtigen Sohn? Die Ermittler Nina Rubin (l.) und Robert Karow (Mitte) üben Druck aus, um der Sache auf die Spur zu kommen.
Schützt Polizistin Doris (r.) ihren tatverdächtigen Sohn? Die Ermittler Nina Rubin (l.) und Robert Karow (Mitte) üben Druck aus, um der Sache auf die Spur zu kommen. Quelle: rbb/ARD Degeto/Aki Pfeiffer
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Es wird kalt in Berlin. Im letzten Winter gedreht, wird nun der vorletzte „Tatort“ mit Meret Becker als Kommissarin Nina Rubin gezeigt. „Die Kalten und die Toten“ heißt er. Das passt zu den verschneiten Szenen und auch zum düsteren Fall, in dem schnell die Leiche einer jungen Frau auftaucht.

Dabei fängt eigentlich alles ganz bunt an – ausgelassene Szenen in einem Club, tanzende Menschen, laute Musik, wie viele es dank Pandemie schon länger nicht mehr erlebt haben. Doch das Unheil schwingt schon mit. In der Musik, und in den seltsam anmutenden Aquariumszenen, die dazwischen geblendet werden, ohne dass man weiß, was es damit auf sich hat. Die junge Frau, die man dort sieht, erst feiernd, dann am Handy, verabredet sich offenbar per Dating-App zu einem Dreier mit einem Pärchen. Am nächsten Tag wird sie draußen tot aufgefunden, ihr Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit geschändet.

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Eltern des Opfers leugnen den Tod

Per DNA-Abgleich bekommen Rubin und ihr Kollege Robert Karow (Mark Waschke) trotzdem schnell heraus, dass es sich um die Medizinstudentin Sophia Bader handelt – auch wenn deren Eltern den Tod des geliebten Kindes nicht einsehen wollen. So was hätte ihre Sophia nie gemacht, sind sie sich sicher. Von ihren Abenteuern und ihrer Bisexualität wissen sie offenbar nichts und wollen es auch nicht – für so etwas habe ihre Tochter neben dem ganzen Lernen keine Zeit gehabt, reden sie sich ein. Und halten das Ganze deshalb absichtlich für ein Missverständnis.

Sie sind nicht das einzige Elternpaar, mit dem sich Rubin und Karow in diesem Fall auseinandersetzen müssen. Da sind auch noch die Eltern von Dennis Ziegler (Vito Sack) und Julia Hoff (Milena Kaltenbach), dem Paar, mit dem das Opfer kurz vor seinem Tod Sex hatte. Mit der Geschichte kommt das junge Pärchen von sich aus auf die Polizeiwache. Sie erzählen, nach dem einvernehmlichen Sex sei Sophia wieder gegangen, lebendig und unversehrt. Weniger verdächtig werden sie durch diesen offensiven Schachzug aber nicht. Das Kommissarsduo ist sich nach kurzer Zeit sicher: Das junge Pärchen hat etwas mit dem Tod zu tun. Und die Eltern von Dennis etwas damit, dass das so schwer zu beweisen ist.

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Die Mutter des Tatverdächtigen ist selbst Polizistin

Denn Dennis’ Mutter Doris (Jule Böwe) ist ebenfalls Polizistin, der Vater (Andreas Döhler) hat eine eigene Sicherheitsfirma. Und gegen ihren Sohn wurde schon mehrfach wegen schwerer Sexualdelikte und anderer Straftaten ermittelt, doch immer wieder wurden die Ermittlungen eingestellt, weil Beweise verschwanden und Aussagen zurückgezogen wurden. Stecken seine ihn beschützenden Eltern dahinter? Der Verdacht liegt nahe. Die Mutter kennt schon durch ihre Profession alle Tricks, um Spuren zu verwischen.

Vor allem Rubin, überzeugend und verletzlich gespielt von Becker, verzweifelt zunehmend an den Ermittlungen. In der Wohnung von Dennis wurde eindeutig mit chemischen Mitteln geputzt, die unter Kennern dafür bekannt sind, DNA-Spuren zu zerstören. Auch von der Kleidung der Toten, die nackt aufgefunden wurde, ist keine Spur zu entdecken. Die Kommissarin sieht nur eine Chance: Sie will den Eltern des Tatverdächtigen Druck machen – „nicht mehr in Ruhe lassen“, erläutert sie Kollege Karow ihre Strategie, der wenig begeistert ist von dem „Psychoquark“, sie aber auch nicht wirklich davon abhält. Unterstützung bekommen die beiden von ihrem neuen Assistenten, dem im Rollstuhl sitzenden Malik Aslan, gespielt von Tan Caglar, der mit seinen sarkastischen Kommentaren gut ins Team passt.

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Mehr Drama als Krimi

Also beginnen die Psychospielchen, und der Film nimmt seinen Lauf. Aus dem Krimi wird ein Drama. Hier geht es nicht nur darum, aufzuklären, ob der Dreier für die junge Medizinstudentin tödlich endete oder sie ganz anders zu Tode kam. Hier geht es auch um eine kaputte Familie, in der vordergründig auf Zusammenhalt gesetzt wird und hintergründig schon lange vieles im Argen liegt.

Je mehr Rubin und Karow sticheln und provozieren, desto mehr bringt das dieses Familiengefüge im Inneren zum Wanken. Auch wenn die Suche nach dem Mörder oder der Mörderin in dieser Konstellation nicht besonders spannungsgeladen ist – der Film an sich ist doch ein facettenreiches Psychogramm. Und macht Lust auf noch einen letzten Fall mit Meret Becker als Nina Rubin, bevor neue Zeiten beim Berliner „Tatort“ anbrechen.

Der „Tatort: Die Kalten und die Toten“ läuft am Sonntag, 14. November, ab 20.15 Uhr in der ARD.

Von Hannah Scheiwe/RND

Der Artikel "Der „Tatort“ aus Berlin: Psychogramm einer kaputten Familie" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.