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Medien Benjamin von Stuckrad-Barre startet seine erste Talkshow
Mehr Welt Medien Benjamin von Stuckrad-Barre startet seine erste Talkshow
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19:29 14.12.2010
Benjamin von Stuckrad-Barre versucht's mit Fernsehen. Quelle: ZDF
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Das hat die Sache natürlich schön in Schwung gebracht, dass 77 Sekunden aus der Pilotfolge seiner neuen Talkshow schon ein YouTube-Hit waren: Da sitzt Thilo Sarrazin auf einem Plastikstuhl, und Benjamin von Stuckrad-Barre hat einen gelben Klebezettel auf der Stirn. Darauf hat Sarrazin „Josef Goebbels“ geschrieben (mit „f“, nicht „ph“). Man spielt „Wer bin ich?“. Es geht nicht voran.

Stuckrad-Barre nimmt den Zettel ab, liest, stutzt: „Das’ ja echt’n Ding, haben Sie das da draufgeschrieben?“ – „Ja, ja“, sagt Sarrazin. „Der Mann war sehr gut mit Worten, ein Menschenverführer.“
Heiteres Nazi-Raten mit Thilo Sarrazin – Hunderttausende haben den Ausschnitt aus der Pilotsendung gesehen. Beste Werbung. Insofern ist Benjamin von Stuckrad-Barre einer der wenigen Profiteure der Sarrazin-Debatte, in der es ansonsten nur Verlierer gab. Am Donnerstagabend (22.30 Uhr) startet seine Sendung „Stuckrad Late Night“ bei ZDFneo. Ab 6. Januar ist sie wöchentlich donnerstags zu sehen.

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Das klingt erst mal vielversprechend: Late Night mit Stuckrad-Barre, 45 Minuten lang, aber nicht solo, sondern flankiert von alten Haudegen wie Hajo Schumacher und dem früheren brandenburgischen CDU-Innenminister Jörg Schönbohm, die als grantelndes Links-Rechts-Politkorrektorat in einer Loge sitzen wie Waldorf & Statler in der „Muppet Show“. Produziert wird die Mischung aus Wochenrückblick und Promi-Talk von Christian Ulmen, der in seiner Paraderolle als dulliges Muttersöhnchen Uwe Wöllner auch ein bisschen vor der Kamera mithilft. Ulmen selbst, früherer MTV-Star („Unter Ulmen“, „Ulmens Auftrag“), ließ Stuckrad-Barre gern den Vortritt: „Ich saß zehn Jahre lang im Fernsehen hinter einem Schreibtisch. Das reicht.“ Zu Gast in der Premierensendung im Ballhaus Rixdorf in Berlin-Neukölln ist „ein guter, alter Freund“: Sarrazin.

Was ihn am Fernsehen ärgere, sagt Stuckrad-Barre, sei, dass er sich häufig nicht gemeint fühle. Und das stimmt ja: Für sehr junge und schon etwas ältere Zuschauer ist einigermaßen gesorgt, nur die „jüngere Mitte“ findet sich nicht so recht wieder zwischen Maischberger und MTV. Harald Schmidt? Nun ja. Stefan Raab? Spricht doch eher die 20-jährigen an, obwohl er auch schon 44 ist.

Stuckrad-Barre, 1975 als Pastorensohn in Bremen geboren, hat für einen 35-Jährigen eine ziemliche Strecke hinter sich: Angetreten als eitler, hochtönender Spötter, Gagautor für Harald Schmidt und gefeierter Sprachfrickler mit dem Romandebüt „Soloalbum“ (1998) wurde er schnell zum populärsten Vertreter des Neo-Dandytums und zur lautesten Ich-Trompete unter den Popliteraten der späten Neunziger – mit überdrehten Buchtiteln wie „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft – Remix 2“. Da schloss man sich 1999 auch mal im „Hotel Adlon“ ein und produzierte als „popkulturelles Quintett“ schwer erträgliches, elitäres Spontangeschwätz, das man selbst freilich für allerfeinstes Fin-de-siècle-Parlando hielt („Tristesse Royale“). Lange her. Jugendsünde.

Dann zog die fast obligatorische Krise der Kreativen Stuckrad-Barre den Boden unter den Füßen weg. Er kokste, stürzte ab, ließ sich in eine Klinik einweisen, „vom Weg abgekommen, verwirrt, zerzaust, außer mir“. Aber Stuckrad-Barre wäre nicht Stuckrad-Barre, wenn er das seelische Tief nicht als Stoff genutzt hätte. Wenn ihn seine Seele schon zur Selbstreflexion zwang, dann sollte wenigstens eine Kamera dabei sein: Herlinde Kölbl machte aus den Leiden des jungen S. den Film „Ruhm und Rausch“. Der Film sei „ein Mahnmal, das ich immer im Kopf habe“, wird er später schreiben. Udo Lindenberg hat ihn dann irgendwie gerettet. Er schickte ihn zum „Panik-Doktor“, seinem Leibarzt, und stand auch sonst als erfahrener Abhängiger zur Verfügung.

Eine Tendenz zur Gockeligkeit ist geblieben, auch zum Name-Dropping („Matthias Matussek ruft an und sagt: Ich geb’ dir die Telefonnummer von Hans Magnus Enzensberger“), aber das Lieblingssubjekt des „BVS-B“ ist nicht mehr „BVS-B“ selbst, sondern die Berliner Republik, deren Protagonisten er in seinem jüngsten Buch „Auch Deutsche unter den Opfern“ beharrlich sezierte, quasi Niebelschau statt Nabelschau.

Seit er wieder in Berlin wohnt, seit drei Jahren, gilt Stuckrad-Barre wahlweise als „flanierender Beobachter des medial-politischen Komplexes“ (Lutz Hachmeister) oder als „begnadeter Entertainer“ („Süddeutsche“), der dem Leser „die Wonnen der Gewöhnlichkeit näher bringt als weiland Thomas Mann“ (Hans Magnus Enzensberger). Ihm selbst geht der Medienzirkus zunehmend auf die Nerven, sagt er. Zuviel Tüddelkram, zuviel Getue, und dann diese Medientypen, die das Internet anbeten. „Das Internet“, sagt Stuckrad-Barre, „ist wie der Kurfürstendamm. Es ist da. Es verändert nicht dauernd unser Leben.“ Ganz schlimm sei das, wenn Medienmacher glaubten, sie müssten dauernd „internetmäßig“ etwas Neues erfinden: „Vielleicht mal ein Magazin, das es nur im Internet gibt, und alle filmen sich dabei, wie sie schreiben...“ Stattdessen bitte: Informationen, aufbereitet in „schönen, klassischen Formen“. Er ist der Antagonist zu Alpha-Bloggern wie Sascha Lobo und Stefan Niggemeier. Auch das gehört zu „Stuckrad 21“: Seit 2008 schreibt er für die Springer-Blätter, die „Welt“ oder den „Rolling Stone“. Vorurteile? Doof und überholt, sagt er und kann sich furchtbar über die „taz“ aufregen („die ist vollkommen wurscht“), seit die mal getitelt hat „Stuckrad-Barre und Anke Engelke – hoffentlich verhüten die“.

Fernseherfahrung hat er schon, auf MTV etwa lief 2001 sein „Lesezirkel“. „Aber damals war ich noch zu klein und überfordert.“ Jetzt ist er elf Jahre älter. Überfordert? Wird sich zeigen.

Imre Grimm

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