Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien Baku 2012: Sechs Omas für ein Halleluja
Mehr Welt Medien Baku 2012: Sechs Omas für ein Halleluja
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:25 19.03.2012
Von Imre Grimm
Russland schickt sechs fröhliche Babuschkas.
Russland schickt sechs fröhliche Babuschkas. Quelle: Ladygin Alexei
Anzeige
Baku

Der Kastenteufel des ESC:

Ralph Siegel hat ein Lied geschrieben. Das kommt schon mal vor. Siegel hat bisher mehr als 2000 Lieder geschrieben seit seinem ersten Hit „It’s a Long Long Way to Georgia“ vor 46 Jahren. Aber das neue Lied hat es in sich, weil es alles in sich vereint, was schief läuft mit Ralph Siegel, seinen Liedern und seinen Versuchen, sich immer und immer wieder dem Zeitgeist an den Hals zu werfen. Siegels Lied heißt „Facebook Uh, Oh, Oh“. Es ist ein er barmungsloses Stück Stumpfpop über – tatsächlich – Facebook. Und es ist der offizielle Beitrag von San Marino für den Eurovision Song Contest 2012 in Baku, gesungen von einer Blondine namens Valentina Monetta, die im Video dazu im Bett liegt und auf einem Laptop herumtatscht.

Schon klar, was diesmal im Schädel des 66-jährigen, durchaus verdienten Grand-Prix-Veteranen Siegel passiert ist: Facebook! Genau! Dieses Internetz! Das machen ja jetzt auch viele. Voll modern! Das wird knorke!“ In dem Lied heißt es: „Are you ready for a little chat / And a song about the Internet? / Facebook Uh, oh, oh / Everybody loves you so / Facebook Uh, oh, oh / Everybody that you know.“ Es kommt sogar das Wort „Cybersex“ darin vor, das seit 1996 nun wirklich niemand mehr benutzt.

Zwölfmal ist von „Facebook“ die Rede – zu oft, findet die Europäische Rundfunkunion EBU. Sie witterte Schleichwerbung und kassierte den Song gestern ein. „Regel 1.2.2.?g“ des Wettbewerbs verbietet „politische und kommerzielle Botschaften“ jeglicher Art. San Marino und Siegel haben jetzt bis Freitag, 12 Uhr, Zeit, einen neuen Text oder ein komplett neues Lied einzureichen – anderenfalls wird der Zwergstaat disqualifiziert. Das Lied sei „eine Satire“ und beziehe sich generell auf soziale Netzwerke, schreibt der Staatssender von San Marino auf seiner Webseite. Man beuge sich aber dem Urteil und wolle nun „Veränderungen vornehmen“.

Der alte Mann und das Mehr:

Baku 2012 wird – so viel steht schon fest – ein merkwürdiger Grand-Prix-Jahrgang. England schickt einen alten Recken ins Rennen, den viele nur noch aus den Schallplattenwühlkisten auf dem Flohmarkt kennen: Arnold George Dorsey, der sich vor gefühlten 90 Jahren als Pseudonym den Namen eines spätromantischen deutschen „Hänsel und Gretel“-Komponisten wählte: Engelbert Humperdinck. Da steht er tatsächlich, Engelbert, 75 Jahre alt, mehrfach gesichtsoptimiert, mit mächtigen Koteletten und sehr vielen sonstigen Haaren, und singt zur Gitarre eine zarte 6/8-Takt-Ballade voller Liebe, Schmacht und Mondschein namens „Love Will Set You Free“. Das wirkt akustisch wie „Green–sleaves“ und optisch wie Johnny Cashs „American Recordings“ und ist so unfassbar altmodisch, dass die britischen Buchmacher ganz verwirrt sind.

63 goldene und 24 Platin-Schallplatten hat Humperdinck sich ersungen, sie stammen allesamt aus der Steinzeit des Pop. Es gibt so Typen, die wirken schon ihr ganzes Leben wie zehn Minuten hinter der Gegenwart. Engelbert ist so einer, cool war der nie. Aber beliebt und erfolgreich. Sein größter Hit „Release Me“ verwies 1967 die verwöhnten Beatles mit ihrer Single „Penny Lane/Strawberry Fields Forever“ auf Chartplatz zwei. Engelbert goes Baku – die ESC-Gemeinde feixt, aber England meint den letzten Walzer des alten Mannes gar nicht ironisch. Und warum denn auch nicht? Niemand sagt, dass beim ESC nur in silberne Minikleidchen gepresste 16-jährige Disco-Hühner auftreten dürfen.

Sechs Babuschkas für Russland:

À propos Disco-Hühner. Die ESC-Schlagzeilenstatistik führen 2012 sechs russische Großmütter aus dem 600-Seelen-Dorf Buranovo in der russischen Teilrepublik Udmurtien an, 1300 Kilometer östlich von Moskau gelegen. Sie fahren mit einem Oomph-Oomph-Après-Ski-Folklore-Verschnitt namens „Party for Everybody“ nach Baku. Die Seniorengirlband „Buranovskije Babushki“ (Großmütter aus Buranovo) schlug im russischen Vorentscheid 24 Konkurrenten, darunter Dima Bilan, ESC-Gewinner von 2008. Die fröhlichen Trachtenomis singen teilweise in ihrem Heimatidiom Udmurtisch und liefern dazu eine Choreographie aus folkloristischem Stampftanz und Kopfwackeln.

Nichts dagegen, dass Teile des ESC-Publikums genug haben von eiskalt durchinszenierten, klinisch toten Showacts. Die lustigen Babuschkas in ihren Baumrindenschuhen, Kopftüchern und roten Trachten allerdings sind zwar optisch ein Gewinn, musikalisch aber ein Totalausfall. „Oma Olga“ hat vorsichtshalber schon mal bekräftigt, dass es dem Seniorensextett nicht um den Sieg gehe. Man wolle bloß genug Geld verdienen, um in der Heimatgemeinde eine Kirche bauen zu können. „Das ist unser einziges Ziel. Großmütter brauchen keinen Ruhm und Reichtum.“ Ganz korrekt ist das nicht: Die Babuschkas traten schon zweimal beim Vorentscheid an, haben eine eigene Website (www.buranovskiebabushki.ru), twittern (@BBabushki) – und wissen genau, wie man Journalisten bezirzt.

Mut zum Risiko:

Und doch, es gibt sie auch diesmal, die Lieder, die sich abheben vom üblichen Eurodance-Summs. Finnland etwa entsendet die 21-jährige Kindergärtnerin Pernilla Karlsson mit der schwedischen (!) Ballade „När jag blundar“ („Wenn ich meine Augen schließe“), geschrieben von ihrem Bruder. Ein hoch gehandeltes Lied irgendwo zwischen Lana Del Reys „Video Games“ und dem belgischen Platz-zwei-Beitrag „Sanomi“ von 2003. Und der deutsche Roman Lob mit „Standing still“? Nicht chancenlos, aber in den Augen der meisten Experten kein Top-Fünf-Kandidat.

Der ESC lässt sich seit jeher auf drei Ebenen lesen: auf der musikalischen als die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner im europäischen Pop, auf der kulturellen als lustvolles Spiel mit Vorurteilen und Klischees, und auf der politischen als popkulturelles Pendant zum europäischen Einigungsprozess. Auf allen drei Ebenen ist Baku 2012 schon jetzt ein reichhaltiger Geschichtengenerator. Auch wenn es vordergründig nur um sechs Omis aus Irgendwo geht, die lustig mit den Köpfen wackeln.

Medien Neuer „Wetten, dass..?“-Moderator - Lanz schließt Scheitern nicht aus
18.03.2012
Medien Frankfurter Musikmesse - Virtuelle Lehrer für Hobbymusiker
18.03.2012