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19:40 10.10.2011
Die BBC verliert ein Fünftel des Budgets, 2000 Mitarbeiter und den ehemaligen Inbegriff ihrer Stärke – den Fernsehturm in West-London.
Die BBC verliert ein Fünftel des Budgets, 2000 Mitarbeiter und den ehemaligen Inbegriff ihrer Stärke – den Fernsehturm in West-London. Quelle: dpa
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Ihre Bewunderer, im Vereinigten Königreich wie über dessen Küsten hinaus, machen sich Sorgen. Kann die BBC, die aller Welt vertraute British Broadcasting Corporation, sich auf den Beinen halten, obwohl sie erneut auf knappe Kost gesetzt wird? Die Qualität und das Renommee des Senders seien in Gefahr, warnen Gewerkschaften und Mitarbeiter angesichts der jüngsten Kürzungsrunde. „Scheibe für Scheibe“ gehe es dem Sender an die Substanz – bis eines Tages nur noch ein kümmerlicher Wurstzipfel übrig bleiben werde. In den letzten Jahren hat die britische Anstalt des öffentlichen Rechts Tausende von Stellen eingebüßt. Diesmal werden weitere 2 000 Arbeitsplätze abgebaut – 800 davon im Nachrichtenbereich.

Ein Fünftel ihres Budgets muss die BBC einsparen. Ihr Fernsehzentrum in West-London, ein halbes Jahrhundert lang Inbegriff ihrer Stärke, wird zum Verkauf gestellt, um ein paar Millionen extra einzuspielen. Auch Bush House, Sitz des BBC World Service, steht auf der Liste. Dem World Service sind bereits Anfang des Jahres der Verlust eines Viertels seiner Mitarbeiter und mehrerer Sprachdienste angekündigt worden.

Kritiker des Senders in dessen Heimat zeigen freilich wenig Sympathie für die Klagen der Betroffenen. Vielen Briten geht es gegen den Strich, für ihre Fernsehlizenz 145, 50 Pfund (rund 170 Euro) im Jahr zahlen zu sollen. In einer Zeit, in der die gesamte Bevölkerung die Gürtel enger schnallen müsse, könne auch die BBC nicht erwarten, um Sparmaßnahmen herumzukommen, argumentiert Kultur- und Medienminister Jeremy Hunt. Im Vorjahr hatte Hunt der Anstalt „mit ihrer empörenden Verschwendungssucht“ schon „enormen Wandel“ angedroht. Jetzt, findet die Regierung, könne die BBC froh sein, dass man ihr die Gebühren nur eingefroren und sie nicht noch gekürzt habe.

Eingefroren ist die Lizenz allerdings auf fünf Jahre. Und die Kosten für den traditionell vom Außenministerium finanzierten World Service muss die BBC erstmals selbst bestreiten. Um diese Belastung aufzufangen und guten Willen zu beweisen, hat man bei der BBC bereits Management-Posten abgebaut, Topgehälter gekürzt, auf Boni verzichtet und diverse Privilegien abgeschafft.

Dieser Teil der „Verschlankung“ ist auf allgemeinen Beifall gestoßen. Immer wieder war BBC in jüngsten Jahren vorgehalten worden, dass sie in den Zeiten sorgloser Expansion zu viel Fett angesetzt habe. Es habe eine Ära gegeben, räumt auch der gegenwärtige BBC-Intendant Mark Thompson ein, in der die BBC-Leute „in einem bis obenhin mit Geld gefüllten Jacuzzi saßen“. Mittlerweile hat Thompson den Jacuzzi – und einiges andere – geschlossen.

Zudem soll auch im Programmbereich gespart werden. Mehr Wiederholungen, weniger Nachtprogramme lautet die Ansage. Ausgaben für Sportrechte und US-Fernsehserien sollen eingeschränkt werden. In der lokalen und regionalen Berichterstattung will man „Kräfte konzentrieren“.

Korrekturen dieser Art werden nicht nur von den Gegnern der Anstalt befürwortet. Ein Problem der BBC in den „fetten Jahren“ sei es gewesen, ihren Wirkungsbereich in alle Richtungen ausgedehnt zu haben, meint die Medien-Professorin Jean Seaton von der Universität von Westminster: „Die gute alte Tante muss sich nun wieder darauf konzentrieren, sie selbst – die BBC – zu sein.“

Im Onlinebereich, um den sich die Anstalt schon früh gekümmert habe, bedeute das heutige BBC-Angebot zweifellos „eine massive Bereicherung unseres individuellen und kollektiven Lebens“, sagt Seaton. Gleichzeitig habe die BBC aber aus Angst zurückzubleiben, „jedes winzige Stückchen Raum besetzt“. Jetzt sei die Zeit für ein „strategischeres Vorgehen“ gekommen.

Dass die Anstalt alles unternehmen werde, um sich bei politischen Programmen und im Nachrichtenbereich den guten Namen und ihr weltweites Publikum zu erhalten, versichern die BBC-Verantwortlichen derzeit immer wieder. Doch die Nachrichtendienste sollen diesmal 800 Mitarbeiter verlieren. Und das lässt Skeptiker die Köpfe schütteln. Sogar Intendant Thompson räumt ein, man habe mit den jetzigen Kürzungen „das Ende des gangbaren Wegs“ erreicht. Die ihm abgezwungenen „sehr, sehr tiefen“ Einschnitte beim World Service seien auch für ihn „Grund zu tiefem Bedauern“.

Thompsons Kritiker halten ihm vor, schon jetzt einen „gewaltigen Qualitätsverlust“ für die BBC in Kauf genommen zu haben. Der willfährige Intendant, meint der Boss der Techniker-Gewerkschaft Bectu, Gerry Morrissey, mache schlicht „die schmutzige Arbeit“ für eine Regierung, die ihren kommerziellen Schützlingen das Feld bereiten wolle.

Vor einer „besorgniserregenden Tagesordnung“ des Tory-Kulturministers Hunt und der Regierungsspitze hat auch der frühere Observer-Chefredakteur Will Hutton schon gewarnt: „Diese Tagesordnung besteht darin, die BBC einzuschüchtern und einzuschrumpfen, während man Schritt für Schritt ihre Unabhängigkeit untergräbt – und langfristig auch ihre Legitimität.“

Im Königreich hat gerade erst eine neue Diskussion darüber begonnen, wie viel Unterstützung eine öffentliche Organisation wie die BBC benötigt. Hutton appelliert an seine Landsleute, sich „diese kostbare Institution“ zu erhalten. Seaton verweist darauf, dass die Anstalt „in einer Zeit, in der unsere Banken und unsere Politik allen Glanz verloren haben, noch immer eine viel bewunderte und tatsächlich auch bewundernswerte Leuchtkraft besitzt“. Ganz wird sich die BBC diese Leuchtkraft nur schwer erhalten können.

Peter Nonnenmacher