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00:15 10.04.2014
Von Imre Grimm
Aus und Vorbei: Im Herbst läuft die letzte Sendung „Wetten dass...?“.
Aus und Vorbei: Im Herbst läuft die letzte Sendung „Wetten dass...?“. Quelle: Sebastian Kahnert
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Hannover

Am 17. Dezember 1939 traf Kapitän zur See Hans Wilhelm Langsdorff drei Seemeilen vor dem Hafen von Montevideo in Uruguay eine folgenreiche Entscheidung: Er ließ das Panzerschiff „Admiral Graf Spee“ ankern und Sprengsätze im Rumpf anbringen. Die Mannschaft ging von Bord – und um 19.52 Uhr zerriss eine gewaltige Explosion den Stolz der deutschen Marine. Selbstversenkung im Auge des Feindes.

Auf den Weltmeeren ist die Zerstörung des eigenen Schiffes das letzte Mittel, um in auswegloser Lage die Soldatenehre zu wahren. Beim ZDF hat man am Sonnabend Ähnliches versucht – und das eigene Flaggschiff versenkt. Nicht in einer militärischen Sackgasse, wohl aber in einer kreativen. Bis zum Jahresende wird sich die Chronik eines angekündigten Todes noch hinschleppen – aber dann wird „Wetten, dass ...?“ Geschichte sein. Eine Show, deren ewige Existenz 33 Jahre lang so sicher schien wie der Sonnenaufgang, der Gong der „Tagesschau“ oder die Rente unter Helmut Kohl.

Eine diffuse Wehmut hat Teile des ­Publikums ergriffen. Im beschönigenden Weichzeichner der Erinnerung wird Frank Elstners Kopfgeburt von 1981 zum Inbegriff bundesrepublikanischer Idylle, zur inbrünstig verehrten Versöhnungsfeier der Generationen. Auch Jesus starb mit 33 Jahren. Und es gab ja tatsächlich diese Zeit, als „Wetten, dass ...?“ eine fast staatsstabilisierende Bedeutung hatte. Weltreiche vergingen, Mauern fielen – wenn nur alle paar Wochen in der „größten Fernsehshow Europas“ ein Bagger zehn Bierflaschen in zwei Minuten öffnete, schien alles in Ordnung.

Ein Mythos des (deutschen) Entertainments

Die Samstagabendshow. Ein Mythos des (deutschen) Entertainments. Die großen TV-Conférenciers der Siebziger bis Neunziger waren im Grunde ja vor allem Weltumarmer: von Hans Rosenthal („Dalli Dalli“) bis Joachim Fuchsberger („Auf Los geht’s los“), von Hans-Joachim Kulenkampff („Einer wird gewinnen“) bis Rudi Carrell („Am laufenden Band“), von Jürgen von der Lippe („Geld oder Liebe“) bis – im Osten – Wolfgang Lippert. Prediger der Leichtigkeit wollten sie sein, Apologeten der Ablenkung. Harald Schmidt scheiterte bei „Verstehen Sie Spaß?“, weil er genau das verweigerte. Jahrzehntelang funktionierte die Samstagabendshow als medialer Kitt, der die Milieus zusammenhielt, der das schleichende Auseinanderdriften der Geschmäcker übertünchte – das ja bei aller Freude an der Diversifikation auch etwas Zerstörerisches in sich trägt.

„Wetten, dass ...?“ war deswegen so erfolgreich, weil es tatsächlich das vielstrapazierte „Lagerfeuer der Nation“ war, an dem der vom kalten Tempo der Achtziger ermattete Bundesbürger seine müden Knochen wärmen konnte. Von der nostalgischen Schwermut der „Generation Golf“, die sich für ihre eigenen Kinder das gleiche Sicherheitsgefühl wünscht wie für sich selbst zwischen Playmobil-Piratenschiff, Zauberwürfel und Carrera-Bahn, zehrte die Show noch, als sie längst schon todkrank war, als die Zahl der Nischen wuchs und der Mainstream dahinschmolz.

Nostalgie ist ein starkes Gefühl. Das Fernsehen hat lange versucht, im Gewitter von Milliarden YouTube-Clips die große Versöhnungssehnsucht der Deutschen zu befriedigen. Mögen sich anderswo aufgerüschte Teenager in Bikinis beschimpfen lassen oder Kettenraucher anschreien – solange im Ersten Peter Maffay singt, ist die Welt in Ordnung.

Inzwischen aber ist es mit dem Fernsehen wie mit Karstadt: Ein Kaufhaus für alles funktioniert nicht mehr. Fernsehen 2014 – das ist kein Allerweltsgeschäft mehr, sondern ein Einkaufszentrum mit Hunderten Shops für alle Interessen, leicht erreichbar, technisch unter einem Dach, aber eben: einzeln.

YouTube und „Frau im Spiegel“ sind unversöhnbar

Die Erlebniswelten im 21. Jahrhundert sind sauber getrennt in „jung“ und „alt“, in „schlau“ und „nicht so schlau“, in „ironisch“ und „ironiefrei“, in „analog“ und „digital“. Anders gesagt: YouTube und „Frau im Spiegel“ sind unversöhnbar. Man kann nicht Miley Cyrus einladen, um damit Ruth Maria Kubitschek auszugleichen. Weltumarmung funktioniert nicht mehr. Das liegt nicht daran, dass die Welt „zu kalt“ geworden ist, wie Markus Lanz meint. Sondern daran, dass eine medienkompetente Zielgruppe jedes Pathos sofort durchschaut und mit Lust entzaubert, wenn es nicht von Herzen kommt.

Und mit dem „Herzen“ ist es so eine Sache. Helene Fischer wird als großer Kulturkompromiss der Gegenwart gefeiert. Doch die Fanbasis, die für ihre eiserne Professionalität empfänglich ist, ist eher Ü-50 – während „Schlag den Raab“, oft als „Samstagabendshow 2.0“ beschworen, kaum ältere Zuschauer erreicht. Bizarrerweise sehen Fischers Shows mit all den Glitzerbodys, High Heels und Kopulationsgesten inzwischen so aus wie Madonna-Auftritte in den Achtzigern und die Schlagerparaden ihres Lebenspartners Florian Silbereisen wie kleine Festivals des Chauvinismus, während das ganz junge Publikum sich eher an züchtigen Zauseln mit Gitarre delektiert, absolut sexfrei und total postmodern. Umgekehrt halten viele Ältere junges Entertainment für komplett durchsexualisiert und Jüngere „älteres“ Fernsehen für ganz und gar unsündige Heile-Welt-Seligkeit. Diese kulturellen Widersprüche und Missverständnisse – und die Tatsache, dass sich ein aufgeklärtes Bildungsbürgertum dem linearen Showfernsehen ganz entzieht – sind für TV-Macher heute unauflösbar. „Wetten, dass ...?“ ist nicht zuletzt am Anspruch zerbrochen, für alle da zu sein.

Für die große Samstagabendshow mag die Zeit zu Ende gehen. Für die kleine Samstagabendshow aber, mit Liebe gemacht und Sorgfalt gefertigt, wird es immer ein Publikum geben. Möglich, dass nie wieder 20 Millionen Menschen dabei zusehen. Möglich, dass man montags auf dem Schulhof nie wieder über den Auftritt eines „King of Pop“ im flatternden weißen Hemd spricht. Mit dem Sterben der Dinosaurier jedoch kam neues Leben. „Dem Nachwuchs gehört die Zukunft im Netz! Ich bin dabei“, twitterte einer, der es wissen muss: Frank Elstner.

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