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09:45 20.04.2015
Quelle: Montage RND
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In New York ist Ende März ein Haus explodiert, im East Village, an der Kreuzung von East 7th Street und 2nd Avenue. Das Fernsehen war dann da, aber für Ed Brophy, Werbeexperte und Podcaster aus New York, war das Thema da schon durch. „Hab ich schon lange gesehen - bei Periscope“, twitterte Brophy.

Periscope - das ist das Stichwort, das zur Zeit Medienschaffende vom Silicon Valley bis zur norddeutschen Lokalzeitung inspiriert, vom indischen Modeblogger bis zur Marketingabteilung eines multinationalen Großkonzerns. Periscope ist - genau wie die Konkurrenz Meerkat - eine Livestreaming-App für Smartphones und Tablets, die alles, was der Nutzer filmt, live ins Internet überträgt. Das Handy wird zum Fernsehsender. Es ist ein großer Schritt in Richtung einer Vision, die manchem einen Schrecken einjagt, andere aber kaum abwarten können: Jeder kann auf Knopfdruck überall live dabei sein, wo ein Smartphone läuft. Die ganze Welt in Echtzeit, immer und überall. Es ist eine mediale Revolution, deren Folgen sich wenige Wochen nach dem Start noch gar nicht abschätzen lassen.

Es gab Zeiten, da war Youtube ein Mirakel. Eigene Filme, zugänglich für die ganze Welt. Jeder ist ein Programmdirektor. Es gab Zeiten, da war Google Earth ein Mirakel. Die ganze Welt auf einem Bildschirm, auf einen Meter genau abfotografiert aus dem Weltall. Manhattan. Der Eiffelturm. Das eigene Haus. Der Kindergarten der Tochter. Die Welt hat sich an Selfies gewöhnt, an Fotos und kurze Videoclips von Livekonzerten, Unglücken, Urlaubsreisen, Pressekonferenzen. Was bisher fehlte, war: alles live. Bewegte Bilder in Echtzeit, der nächste logische Schritt in einer Welt, die sich an die Verfügbarkeit von allem zu allen Zeiten gewöhnt hat.

Die Technologie, die hinter Periscope und Meerkat steckt, ist nicht revolutionär, aber konsequent. Sie ermöglicht nicht mehr nur vorproduzierte Filmclips auf Youtube, Fotos bei Facebook oder Twitter. Sie greift das Live-Bewegtbild-Monopol der großen Medienkonzerne an, mit deren Liveproduktionen bisher ein großer technischer Aufwand einherging. Periscope-User übertragen Popkonzerte, Fußballspiele, Pressekonferenzen, Kinofilme. Natürlich nicht in der Qualität, mit der Profis arbeiten. Aber der Hype hat gerade erst begonnen. Der Markt wird sich professionalisieren. Und plötzlich gibt’s ein Formel-1-Rennen nicht mehr nur aus fünf Perspektiven, sondern aus 500. Oder gar 5000.

Liveübertragung ohne Zeitverzögerung, ohne Filter, wirft nicht nur Urheberrechtsfragen auf, sondern berührt Aspekte der Menschenwürde: Was, wenn Teenager im Egorausch zu Opfern von Voyeuren werden? Was, wenn live übertragene Gewaltverbrechen ihren Weg in Kinderzimmer finden? Schon warnen Experten vor den unendlichen Gefahren, die die Liveübertragung birgt.

„Jeder, der live sendet, muss genau wissen, was er darf und was nicht. Das stellt einen hohen, fast professionellen Anspruch an die neuen Bürgerreporter“, erklärt Tobias Gostomzyk, Medienrechtler am Institut für Journalistik der TU Dortmund. „Es gibt keine Vorab-Filter.“ Dafür Tausende denkbare Arten des Missbrauchs. Schon heute gilt bei manchen Konferenzen ausgerechnet im Silicon Valley ein Livestreaming-Verbot. Schulstunden und Lehrer könnten heimlich live ins Internet übertragen werden, Schlägereien live gesendet oder sogar der One-Night-Stand gefilmt werden - auch das ist auf Periscope schon vorgekommen.

Das ist die dunkle Seite der Macht. Auf der anderen Seite stehen die Möglichkeiten, die mit Periscope entstehen. Es ist ein potentes Werkzeug, das die Medienwelt verändern könnte.

Die Technik ist einfach zu bedienen: Jeder Smartphone-Besitzer mit einer entsprechenden App kann alles, was er auf seiner eingebauten Kamera sieht, live ins Internet senden - und von dort kann es weltweit gesehen werden. Alles, was er dazu braucht, ist ein kostenloses, kleines Programm. Damit kann man sich morgens zwischen zwei Bahnstationen zuschalten, wie in einem New Yorker Club gerade die letzten Feierwütigen um die Wette tanzen, oder man hört zu, wie ein einsamer Pianist in seiner Wohnung in Melbourne gerade einen neuen Song ausprobiert. Oder man sieht, wie sich der SPD-Politiker Thorsten Schäfer-Gümbel auf den Weg zur nächsten Pressekonferenz macht. Es ist voyeuristisch, es ist technisch nicht perfekt. Aber es passiert jetzt. Das macht den Reiz aus.

Viel Hoffnung setzen vor allem auch diejenigen in die neue Technik, die Informationen verkaufen wollen. Werbemanager etwa, oder auch politische Berater. Dan Pfeiffer, Politikberater aus Washington, der die Onlinekampagnen von Barack Obama maßgeblich erfunden hat, sieht in der Technik schon einen „Game-Changer“, also eine Technik, die die gesamte Politik verändern wird. „Stellen Sie sich vor, dass nur zehn Prozent derjenigen, die Obama bei Twitter folgen, auch bei einer Liveübertragung einschalten würden. Das wären sechs Millionen Zuschauer - davon träumen die großen Sonntagabend-Talkshows nur“, schreibt der Politikberater. Vor allem die Möglichkeit, alles unterwegs zu senden und empfangen, begeistert den Strategen. Sein Fazit ist deutlich: „Das wird die Politik revolutionieren.“ Die direkte Kommunikation zwischen Bürger und Politiker würde zunehmen.

Nicht alle sind jedoch so optimistisch.Heute haben viele Live-„Sendungen“ nur wenige Zuschauer - mal 50, mal auch 500. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch mehr Hollywoodstars, Politiker und andere Prominente die Bühne für ihre Selbstvermarktung entdecken. Madonna etwa hatte schon in der vergangenen Woche angekündigt, ihre neue Single „Ghosttown“ bei Meerkat live vorzustellen - allerdings machten ihr technische Probleme im ersten Anlauf einen Strich durch die Rechnung.

Andere feiern die neuen Anwendungen als eine neue Trendwende des Bürgerjournalismus: „Neuigkeiten aus erster Hand, Hunderte potenzielle Livesendungen, bevor der erste Übertragungswagen vor Ort ist“, schwärmt die Technikautorin Sarah Perez. Das ist sicher richtig. Und doch machen andere Beobachter schon eine düstere Zukunftsvision aus. Medienexperte Gostomzyk etwa warnt davor, dass die ständige Beobachtung viele negative Effekte haben kann. „Es dürfte dazu führen, dass sich Politiker noch gestelzter ausdrücken und noch weniger natürlich sein dürfen. Sie müssen jederzeit mit Live-Berichterstattung rechnen.“

Der Politikwissenschaftler Erik Meyer sieht in den Liveübertragungen für jedermann sogar Parallelen zu dem Zukunftsroman „The Circle“, in dem ein Google nicht unähnliches Silicon-Valley-Unternehmen die Weltherrschaft übernimmt. Zu Beginn des Romans stellt das Unternehmen „SeeChange“ vor, eine Mini-Kamera, deren Livebilder mittels eines sozialen Netzwerks verbreitet werden und zu einer umfassenden politischen Transparenz führen sollen. Es endet in der totalen Überwachung.

Medienwächter prüfen Angebote

Warnung an die Eltern: Die deutschen Medienwächter betrachten neue Livestreaming-Angebote wie Periscope mit Sorgen. „Wir prüfen, ob es sich um zulassungspflichtigen Rundfunk handelt und welche medienrechtlichen Anforderungen an die dort ausgestrahlten Inhalte zu richten sind“, erklärte Jürgen Brautmeier, der Direktor der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen, der gleichzeitig Vorsitzender der zuständigen bundesweiten Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) ist, dieser Zeitung. Bislang halten sich die Medienwächter noch zurück. „Wenn sich das Angebot jedoch verändert, müssen wir womöglich einschreiten“, sagte Brautmeier. Laut Rundfunkstaatsvertrag brauchen Rundfunksender – anders als Zeitungen – eine Lizenz der Behörden. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Programm über Antenne, Kabel oder nur über das Internet ausgestrahlt wird. Die Genehmigung wird aber erst dann nötig, wenn mehr als 500 Nutzer live zusehen können und die Inhalte auch journalistisch-redaktionell gestaltet sind. Die Medienwächter sehen in dem Angebot eine Mischform, die sich nahezu täglich verändere. Bisher gebe es kaum Liveübertragungen, die regelmäßig ausgestrahlt würden. Man könne deshalb „derzeit noch nicht von Rundfunk sprechen“, erklärte Brautmeier. Auch seien die Angebote bislang nicht journalistisch-redaktionell gestaltet, meistens handele es sich nur um das Abfilmen von Ereignissen. Es gelten dennoch auch in den neuen Diensten die Regeln für den Jugendschutz und für Schleichwerbung. „Da Livestreaming-Angebote wie etwa von Periscope oder dem bei Jugendlichen besonders beliebten Younow häufig von jüngeren Menschen aus ihren privaten Zimmern ausgestrahlt werden, sollten Eltern auf die Aktivitäten ihrer Kinder achten“, warnt Brautmeier.

Von Imre Grimm und Dirk Schmaler

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