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Medien „Absolute Mehrheit“: Stefan Raabs 100.000-Euro-Show
Mehr Welt Medien „Absolute Mehrheit“: Stefan Raabs 100.000-Euro-Show
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13:17 12.11.2012
Von Imre Grimm
Stefan Raabs feierte am Sonntag mit seinem neuen Polit-Talk „Absolute Mehrheit“ Premiere. Quelle: dpa
Hannover

Eine Mauer aus falschen Ziegelsteinen, ein übergewichtiger Bundesadler an der Wand, ein albernes Gauck-Gemälde, kakaofarbene Sessel im Halbkreis. Sieht aus wie eine politische Talkshow. Aber was macht der Raab dann hier? Warum sitzt der da und spricht nicht über den Wendler oder Andy Borg, sondern über die Energiewende? Und wo ist die Band? Und Lena?

Das wirkte wie ein Fehler in der Matrix. Wie ein Kurzschluss im Fluxkompensator. Und in seinem dunklen Anzug hätte man ihn kaum erkannt. Aber wenn die Premiere von Stefan Raabs PRO7-Polit-Talkshow „Absolute Mehrheit“ am späten Sonntagabend eines gezeigt hat, dann das: Der meint das ernst.

Und er fing – ungewöhnlich fahrig – ganz unten an. „Politik bestimmt Ihr Leben“, erklärte er dem PRO7-Publikum. Das kann man nicht oft genug erwähnen. Was dann folgte, war ein Mix aus Wahlstanzen, flotten Einspielfilmchen, Kinderfernsehen, pupsenden Kühen und gemütlichem Beisammensein.

Die Runde erwies sich als kampfeslustig, aber wenig originell. Den Linken-Politiker und „Reichen-Schreck“ (Raab) Jan van Aken hat man überhaupt nur eingeladen, weil der einst im Bundestag so herzhaft den Machoismus des FDP-Abgeordneten Martin Lindner gegeißelt hatte („Jedesmal, wenn hier eine Frau redet, dann macht der arrogante Zwischenrufe, dieser Macho, und krault sich da seine Eier!“). Und er lieferte auch gleich: „Ich stehe mehr auf Katja Kipping als Sahra Wagenknecht, inhaltlich und auch als Frau.“

Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, mühte sich redlich, locker rüberzukommen, war aber schnell beim „Nettovermögen“. Und überhaupt: „Diese Facebook-Partys können sehr problematisch werden.“ Öhm. Ja. Und der chancenlose Michael Fuchs, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU in Berlin, musste sich fragen lassen, wer die Gans gestohlen hat. Das war eher überflüssig. Aber man wolle halt „locker reinkommen“, wie der lockere Herr Raab nicht müde wurde zu betonen. Fuchs flog als Erster aus der Wertung.

Komplettiert wurde die Gästeliste der ersten Show von der Berliner Unternehmerin Verena Delius, Inhaberin einer Softwareschmiede für Kinder-Apps. Sie würde viel lieber Steuern zahlen, wenn "unsere Politiker besser damit umgingen". Ja, Donnerschlag.

„Muss der Rösler weg, und wie kann ich Ihnen dabei helfen?“

Wolfgang Kubicki, der FDP-Chef aus Schleswig-Holstein, war vom Start weg Favorit. Der weiß, wie das geht. Der setzt sich auch zu Oliver Welke in die „heute-show“. Den muss man nicht einladen. Den muss man ausladen. „Muss der Rösler weg, und wie kann ich Ihnen dabei helfen?“, fragte Raab. Nun ja. Locker motzte Kubicki sich durch das deutsche Steuerrecht, nicht ohne schwierige Wörter wie „Substanzbesteuerung“.

Es ging um soziale Netzwerke, die Energiewende, Steuern und das ganze komplizierte Zeugs. Sperriger Kram für die PRO7-Stammklientel, die gerade noch Justin Timberlake in „The Social Network“ geguckt hat. Drei Runden, drei Themen. Peter Limbourg, SAT.1-Nachrichtenchef (Doch! Echt!), gab dem Ganzen mit kurzen Resumées als Ein-Mann-Jury einen, nun ja, journalistischen Anstrich.

Doch viel mehr als der Austausch der üblichen Argumente kam auch bei Raab nicht zustande. Preise runter! Quatsch! Darf ich mal ausreden! Ich bitte Sie! Reichtum für alle! Aufpassen im Internet! Tiefpunkt: die ahnungslose Diskussion über Twitter, Facebook und Co. (Raab: „Da darf jeder Purzel23 seine Meinung sagen!“)

Von Anfang an ging's um die Pointe, um den schnellen Applaus. Ist ja schließlich „Speed-Meinungsbuildung hier“, sagte Raab. Nervtötend war das enthusiasmierte Publikum, das beim billigsten Slogan jubelte wie beim Basketball. So ist das halt, wenn Politik auf Erstwähler trifft.

Raab hat bei seinem Haussender eine Carte Blanche

Live ist Raabs Lieblingsdisziplin. Und die Chance, sich hier mal als 46-Jähriger zu präsentieren, die wollte er nutzen, das war überdeutlich. Und so kommt die einzige politische Talkshow in einem privaten deutschen Vollprogramm nun nicht von Peter Klöppel, sondern tatsächlich von Stefan Raab. Man muss den Mut würdigen, mit dem er solche Pläne in die Tat umsetzt, seinem Haussender PRO7 sei Dank, bei dem er längst Carte Blanche hat.

So viel lässt sich sagen: Auch „Absolute Mehrheit“ war kein Vollflop, zumindest am Sonntagabend. Viel Alarm musste PRO7 gar nicht machen, um Raabs Vorstoß ins (etwas) ernsthaftere Fach zum werbewirksamen Skandälchen aufzublasen. Das erledigte die politische Kaste in Berlin und anderswo freundlicherweise ganz von selbst - und kostenlos. Ein Geldpreis! In einer politischen Talkshow! Das gehe doch nicht! Wo bleibe da die Ernsthaftigkeit? Untergang des Abendlandes!

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) verstieg sich im Vorfeld gar zu der hanebüchenen Äußerung: „Wer Geld für Meinungen aussetzt, bestellt Meinungen für Geld.“ Das ist erstens auch nicht mehr als eine billige Pointe. Und zweitens eine vollkommen blödsinnige. Denn es hieße ja, PRO7 würde eine bestimmte politische Meinung mit Geld honorieren. Darum geht es aber gerade nicht.

Der Geldpreis in „Absolute Mehrheit“ ist nicht mehr als ein billiger dramaturgischer Kniff, um Raabs Talk das zu verpassen, was (ihm) bei Anne Will, Günther Jauch, Frank Plasberg und Maybrit Illner fehlt: eine Klimax, wenn auch eine künstliche. Ein dramaturgischer Höhepunkt. Ein Ziel, auf das die ganze Rederei hinausläuft. Ein „Ergebnis“. Ein Sportskamerad wie Raab hält es kaum aus, wenn eine Sendung ohne Sieger bleibt, ob bei „Schlag den Raab“ oder anderswo. Die Formate im Ersten seien zu starr, zu „einförmig“, klagte Raab. Immer dieselben Typen. Immer dieselben Sprüche. Andererseits gab's die dann auch bei ihm zu sehen und hören.

Freilich ist es reine Heuchelei zu behaupten, andere politische Talks folgten nicht dem Prinzip der Unterhaltung. Selbstverständlich geht es auch in Jauchs Gasometer und in Illners stocksteifer ZDF-Abfragestation um die schnelle Pointe, den billigen Gag, den populistischen Kniff. Hier wie dort gehört das Generieren von Bekenntnisapplaus im Publikum zu den Grundtechniken des Talkgastes. Es möge niemand behaupten, Raab fördere als Einziger oberflächlichen Häppchenjournalismus und leiste Politklamauk Vorschub. Es möge niemand kritisieren, Raab opfere den ernsthaften politischen Talk auf dem Altar des Entertainment. Das tut das Fernsehen seit 40 Jahren. Nur: Die Neuerfindung des Genres war das gestern nicht.

Mancher Berufspolitiker wird gestern mit Abscheu und gegen innere Widerstände PRO7 auf der Fernbedienung gesucht und gefunden haben, vielleicht zum ersten Mal. Wächst hier zusammen, was zusammen gehört? „Ich bin ja nur einfacher Bürger, der Die-da-Oben fragt“, gab sich Raab demütig. Doch allzu oft blitzte der feixende Provokateur durch.

Am Ende entschied Kubicki die Sendung für sich. 42,6 Prozent der Zuschauer gaben ihm per SMS oder Anruf ihre Stimme. Das reichte nicht für die „absolute Mehrheit“. Die 100.000 Euro wandern in den Jackpot für die nächste Show. Auch Kubicki dürfte klar sein, dass es bei seiner „absoluten Mehrheit“ kaum um politische Argumente ging. Raab überließ es dem Publikum, zu entscheiden, nach welchen Kriterien es seine Sympathien verteilte. Auftreten, Inhalte, Entertainmentfaktor, Frisur – egal. Raabs Ziel wäre langfristig erreicht, wenn sich Blender selbst entlarvten, wenn das Publikum die Mechanismen durchschauen und politische Aufschneider abstrafen würde. Es sah nicht danach aus.

Aber wenigstens ehrlich ist der PRO7-Alleskönner. Er versteht Polittalk nicht pathetisch als Ersatzparlament, als Weihestunde der deutschen Mediendemokratie, sondern als das, was es in Wahrheit ist: 20 Prozent Information, 80 Prozent Unterhaltung - macht zusammen 100 Prozent Eitelkeit. Denn anders als Ulrich Deppendorf glaubt Raab nicht, dass ein ARD-“Sommerinterview“ die Republik aus den Angeln hebt.

Das irritiert viele in der Politik, jetzt schon. Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner fürchtet, dass sich „Politiker hier in verschärfter Form zum Depp machen lassen sollen“. Dabei hatte sie von der Sendung noch keine Minute gesehen. Das verrät einiges über die Unsicherheit in den Parteien. Der Raab. Den kennt man nicht. Der ist bestimmt voll frech und so. Der ist bestimmt nicht so zahm wie die Will oder die Maischberger. Kann man dem trauen? Will der uns nicht in Wahrheit alle reinreiten?

Direktes Feedback ist man nicht gewohnt

Und überhaupt: Direktes Feedback. Hopp oder Topp. Das ist man nicht gewohnt. Verwöhnt von windelweicher Fragetechnik, sonst kaum gestört beim Verbreiten verzehrfertiger Sprachstanzen, irritiert die Politklientel, dass plötzlich ein „Komiker“ mitmischen will in der großen, von der eigenen Bedeutung berauschten politischen Sprachblase.

„Wir Politiker sollten darauf achten, dass wir nicht wie Tanzbären durch die Zirkusmanege gezogen werden“, sagte FDP-Generalsekretär Patrick Döring im Vorfeld. Das ist albern. Denn Döring ist der erste, der sich freiwillig als gelber Tanzbär in die Schlacht um Schlagzeilen stürzt. Ausgerechnet Döring simuliert Berührungsängste mit dem sogenannten Schmuddelfernsehen. Das ist unredlich.

Und die Sendung? War das jetzt das große „tv total Polit-Turmspringen“? War das jetzt die „Wok-WM der Argumente“? Nichts davon. Ungewohnt zahm gab sich der frühere Bürgerschreck, den es zunehmend wurmt, noch immer ausschließlich für Deutschlands führenden Unterschichtenbespaßer gehalten zu werden, trotz zahlloser Preise, trotz Anerkennung in der Branche. Das fuchst ihn. Und was ihn fuchst, motiviert ihn. Unterschätzt zu werden ist Raabs Motor. Der Versuch aber, aus der Komplexität des politischen Alltags eine schnelle Show mit Sporttabelle zu machen, führt zwangsläufig zu einer Popularisierung, die Puristen gruselt.

Die große Aufregung im Vorfeld aber war die Show nicht wert. Das war alles noch etwas chaotisch, inhaltlich ziemlich dünn. Denn am Ende zeigt sich: Auch Raab gelingt es nicht, Politprofis mehr abzuringen als die üblichen Phrasen. Immerhin: Es war nur selten langweilig. Das ist schon viel für eine politische Spielshow. Noch dazu eine, die Menschen erreichen will, die nicht auf Anhieb den europäischen Fiskalpakt und die Finessen des Länderfinanzausgleichs referieren können.

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