Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Medien ARD zeigt erstmals Spielfilm zum Thema Scientology
Mehr Welt Medien ARD zeigt erstmals Spielfilm zum Thema Scientology
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:08 30.03.2010
Immer schön geradesitzen: Im Kommunikationskurs bringt Helen Berg (Nina Kunzendorf, zweite von rechts) dem Neuling Frank Reiners (Felix Klare, zweiter von links) scientologische Grundtechniken bei.
Immer schön geradesitzen: Im Kommunikationskurs bringt Helen Berg (Nina Kunzendorf, zweite von rechts) dem Neuling Frank Reiners (Felix Klare, zweiter von links) scientologische Grundtechniken bei. Quelle: SWR
Anzeige

Um die Realität mit der Fiktion abzugleichen, sollte man sich diesen kurzen Film mal im Internet ansehen: Auf einer Disney-World-ähnlichen Bühne verspricht darin Tom Cruise, die Welt zu reinigen, aufzuräumen, umzukrempeln. Und wie er so „Clear the World“ in die tobende Menge ruft, erinnert der Schauspieler an seinen Kollegen Kai Wiesinger. Im ARD-Drama „Bis nichts mehr bleibt“ ruft auch der Scientology-Massenverführer Gerd Ruppert „Clear“ in einen jubelnden Saal und fügt „Germany“ hinzu. Hier geht es ja naturgemäß etwas bescheidener zu als in Hollywood. Gerade öffentlich-rechtlich ist gern Bodenständigkeit angesagt. Selbst im Umgang mit Scientology.

„Bis nichts mehr bleibt“ ist die erste fiktionale Annäherung an ein Thema, das die Medien zwar nur periodisch streift, aber nie ganz verlässt. Ein mutiger, glaubwürdiger, ein bewegender Film. In Zusammenarbeit mit den Gefühlsfernsehlieferanten Teamworx und Degeto ist der ARD damit ein sehr realistisches Drama nach realen Motiven gelungen. Eine nachvollziehbare Achterbahnfahrt der Kleinfamilie Reiners, die sich sukzessive im Getriebe einer weltweit tätigen Maschine verfängt. Freiwillig und gezwungenermaßen zugleich.

Wie Felix Klare einen armen Studenten spielt, dem Scientology eine Perspektive bietet. Wie Frank seine Frau Gine (Silke Bodenbender) in die Organisation saugt. Wie beide bald von den Rekrutierungsoffizieren Wiesinger und Nina Kunzendorf umgedreht und selbst mit der Kraft von Franks einflussreichen Eltern (Robert Atzorn, Sabine Postel) nicht gemeinsam zurückgeschraubt werden können – das ist das großartige Werk hervorragender Darsteller in äußerst präziser Achtziger-Jahre-Kulisse. Und weil Regisseur Niki Stein den rationalen Abstieg gebildeter Menschen so subtil wie schonungslos bebildert, war eine Reaktion der inkriminierten Glaubensgemeinschaft so sicher wie das Amen in der echten Kirche.

Trotz aller präventiven Geheimhaltung wusste sie von jeder Pressevorführung und war präsent. Scientology bombardierte den federführenden SWR mit Pamphleten und Protest. Die Berliner Zentrale kündigte juristische Schritte gegen Verunglimpfung an. Ein dokumentarischer Gegenangriff hatte vorige Woche am Drehort Hamburg Premiere. Nicht wir, behauptet darin die Sekte, die sich Kirche nennt, nein, die anderen sind intolerant, menschenverachtend, feindselig, böse. Beraterin Ursula Caberta zum Beispiel, Hamburgs Scientology-Beauftragte, die ARD, ach: einfach alle Kritiker. Von „geheimer Kommandosache“ ist die Rede, „Propagandafilm“, „Internetterroristen“, von „Hasspredigern“.

So wie Bischöfe, Manager oder US-Republikaner gern die Methoden ihrer Gegner anprangern und überhaupt jede Institution unter öffentlichem Druck die Verteidigungsstrategie radikalisiert, so stülpten sich Scientologen zur Preview in einem Hamburger Hotel Hexenmasken über und rücken sich in die Opferrolle verfolgter Minderheiten. So funktioniert Populismus: Bei freier Wahl der Waffen wird stets die größtmögliche gezückt. Denn auch wenn sich Nico Hofmann als Produzent von „Bis nichts mehr bleibt“ wundert, „warum das Thema bei uns so runtergespielt wird“, bleibt Scientology eine eher marginale Randerscheinung auf dem Marktplatz der Demagogen.

Die Sekte hat bundesweit lediglich rund 6000 Mitglieder. Und was ist überhaupt eine Sekte? Wann ist sie gefährlich, wann Konkurrenz, wann bloß skurril? Reicht ein trügerisches Heilsversprechen oder muss es Gewalt beim Missionieren sein? Und vor allem: Wer befindet darüber: die Zivilgesellschaft, Gerichte, Gott? Wäre die christliche Kirche eine neue Einrichtung – in aufgeklärt-säkulären Zeiten wie dieser wäre der Gedanke von Himmel und Hölle, Heiligem Geist und heiliger Kirche womöglich Untersuchungsgegenstand von Sektenbeauftragten.

Auch deshalb wählt Regisseur Stein den Weg des Konjunktivs, der Umwege und leisen Töne. „Mein Mandant hat damals noch gar nicht gewusst, wie menschenverachtend Scientology ist“, sagt Franks Anwältin nach dessen Ausstieg im Kampf um die gemeinsame Tochter mit Sekten-Aufsteigerin Gine; die ganz harten Szenen, die Gehirnwäsche am Kind, das Militärische wird in düstere Keller Kopenhagens verlegt; und die Stimmen indoktrinierender Scientologen gleiten zum Satzende verstörend in die Höhe, eher fragend als fordernd. Indirekte Rede, Handlungsexport, Engelszungen als Netz und doppelter Boden juristischer Auseinandersetzungen. Das hat gewirkt. Der Film, dessen Drehbuch sich mit viel künstlerischer Freiheit an einen realen Sorgerechtsfall anlehnt, wird wie geplant Mittwochabend um 20.15 Uhr zu bester Sendezeit laufen. Dann dürfen Scientologen sogar ganz offiziell zuschauen. Unterhalten wird er sie kaum.

Jan Freitag