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Medien ARD zeigt Bestsellerverfilmung "Neue Vahr Süd"
Mehr Welt Medien ARD zeigt Bestsellerverfilmung "Neue Vahr Süd"
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07:56 01.12.2010
Von Imre Grimm
Frank Lehmann (Frederick Lau) ist mehr so aus Versehen beim Bund gelandet – und die links-alternativen Kumpels in seiner vollgerümpelten WG in Bremen finden das total witzig. Quelle: ARD
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Frank Lehmann hat es schwer. Scheiß-Bund. Scheiß-Uniform. Scheiß innere Trägheit. Lehmann hat es einfach verpennt, rechtzeitig zu verweigern, und jetzt muss er sich hier anschreien lassen von irgendeinem blöden Deppen mit kurzen Haaren. Dabei ist er doch „gar nicht der Typ dafür“. Frank Lehmann will doch nur eins: wissen, was der ganze Blödsinn eigentlich soll. Erklärt ihm aber keiner. Stattdessen soll er sich mit ABC-Schutzbrille auf das Kommando „Atomblitz!“ in den Matsch werfen. Damit er nicht erblindet, wenn der Russe auf den Knopf drückt. So war das damals. Kalter Krieg. Atomblitz! Und die linksalternativen Mädels zu Hause in Bremen finden das total doof, aber auch irgendwie interessant, dass der Frank bei der Bundeswehr ist („Sag mal, schießt ihr da so richtig mit Gewehren und so?“).

Plötzlich ist wieder 1980. Plötzlich wird sie wieder lebendig in diesem Film, die westdeutsche Alternativkultur mit ihren „Atomkraft? Nein Danke“-Aufklebern, den Palästinensertüchern, den klirrenden Bierflaschen in versifften WGs, den hässlichen Brillen und nöligen Diskussionen ums große Ganze („Also, das wird mir hier zu aggressiv ...“). Auf der anderen Seite: diese merkwürdige Armee namens Bundeswehr, die außer den linken Krawallos niemand richtig ernst nahm. Und dazwischen: Lehmann, 20 Jahre alt, Dackelblick, passiv, dauerüberfordert. Er wohnt mit seinen Eltern im spießigen Bremer Neubauviertel „Neue Vahr Süd“. Sein Vater hat sein altes Kinderzimmer zur Fernsehreparaturwerkstatt umgewidmet, na toll, also zieht er zu seinem Kumpel Martin Klapp in ein winziges Durchgangszimmer in einer schrundigen Männer-WG im Ostertorviertel, Bremens alternativem Kiez. Ist ja nur fürs Wochenende. Und pendelt fortan zwischen dem absurden Kasernenalltag und dem nicht minder absurden Studentenleben mit den paranoiden Kumpels, die sich auf den Sack gehen, muffigen Matratzen, weichherzigen Punks und kaputten Türschlössern („Zange unter der Fußmatte“).

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„Bloß nicht auffallen“ will Lehmann (Frederick Lau). Aber wie soll das gehen, wenn man a) in der Kaserne der Klügste ist und b) zu Hause bei den Bremer Linken als einziger Nichtverweigerer ein echter Exot. Und dann steht das große Gelöbnis im Weserstadion an. Es ist der 6. Mai 1980 – die „Schlacht am Osterdeich“. 10 000 Menschen demonstrieren, die Jungs wollen Randale machen. Lehmann, Stahlhelm auf dem Kopf, muss sich entscheiden, wo er steht.

Herrlich schrecklich, die Achtziger in der BRD. Mehr als ein Hauch von Westalgie weht durch diesen Film nach dem Bestseller von Element-of-Crime-Frontmann Sven Regener, dem zweiten Teil seiner Lehmann-Trilogie. Keine Posse, kein Witzfeuerwerk ist das geworden, sondern ein feines Zeitpanorama irgendwo zwischen Roadmovie, „Liegen Lernen“ und „Reality Bites“. Diesmal ist es nicht Christian Ulmen, der den Titelhelden in Leander Haußmanns Film „Herr Lehmann“ 2003 noch eher parodistisch interpretierte. Frederick Lau („Die Welle“) ist deutlich melancholischer, grüblerischer, verpeilter. Großartig, wie er seine Stirn in Falten wirft, wie er den Lauf der Welt aus müden Augen betrachtet, als gehöre er nicht dazu.

Und dann: die Liebe. Frank verknallt sich im Rahmen seiner emotionalen Möglichkeiten in Sibille, gespielt von Miriam Stein. Die 22-jährige Tochter von ARDKulturmoderator Dieter Moor, die mit dem Kinofilm „Goethe!“ in diesem Jahr den Durchbruch schaffte, ist die Entdeckung des Films. Mit süßem Emma-Watson-Charme wickelt sie den armen Lehmann um den Finger. Dazu kommt ein feiner Soundtrack, der es verdienen würde, auf CD versammelt zu werden – mit Bob Marleys „Jamming“, mit „Boys don’t cry“ von The Cure und anderen Perlen der Zeit. Nostalgiker haben ihren Spaß.

Nein, dies ist nicht der Film zum Ende der Wehrpflicht, das manche euphemistisch „Aussetzung“ nennen, weil das nicht so endgültig klingt. Lange, bevor ein gewisser Herr zu Guttenberg Verteidigungsminister und Lichtgestalt der Republik wurde, hat die ARD die Sache angepackt, lange war man unsicher, ob man aus 585 Buchseiten, auf denen nicht viel passiert, 90 Minuten sehenswertes Fernsehen machen kann. Man kann. Auch wenn Regener selbst skeptisch war. Am Drehbuch schrieb er – anders als bei „Herr Lehmann“ – nicht mit. „Nicht verfilmbar“ sei sein Buch, glaubte er, bevor er die Rechte dann doch noch verkaufte. An der Kinofassung von „Der kleine Bruder“, dem dritten Band der Trilogie, den 2011 Haußmann fürs Kino verfilmen wird, will Regener aber wieder mitarbeiten.

Regisseurin Hermine Huntgeburth, deren Kinofilm „Effi Briest“ mit Julia Jentsch auch schon so eine kluge Coming-of-Age-Geschichte war, fängt die lakonische Grundstimmung des Romans wunderbar ein, die Ziellosigkeit der linksalternativen Jugend, die Dramen der Liebe, die Sehnsucht nach dem Verstandenwerden, das innere Niemandsland mit Anfang zwanzig. Die letzten Zuckungen der politischen Studentenbewegung trieben die einen in dogmatische K-Gruppen und die anderen in die Resignation. Da konnte man gern noch ein paar Flugblätter tippen oder Bullen mit Pflastersteinen bewerfen, aber irgendwie war ja doch längst klar, dass das wohl vorerst nichts mehr werden wird mit der proletarischen Weltrevolution. Bis in die Nebenrollen ist der Film hervorragend besetzt (herrlich diabolisch: Ulrich Matthes, der Joseph Goebbels aus „Der Untergang“, als Lehmanns Kompaniechef). Anekdote am Rande: Als „Neue Vahr Süd“ kürzlich öffentlich vorgestellt wurde, war Lau nicht dabei: Er musste zu seiner (echten) Musterung antreten.

Ein Film wie ein guter Sliwowitz beim „Jugoslawen“ um die Ecke: gut für die Seele, ziemlich stark und irgendwie von Tragik umweht.

„Neue Vahr Süd“, ARD, nach dem Bestseller von Sven Regener Mittwoch, 20.15 Uhr