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Medien ARD verhandelt mit drei Comedystars der Konkurrenz
Mehr Welt Medien ARD verhandelt mit drei Comedystars der Konkurrenz
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20:07 21.11.2011
Von Imre Grimm
Um diese beiden PRO7-Stars buhlt das Erste: Max Giermann als RTL-Restauranttester Christian Rach und Martina Hill als Modeltrainerin Heidi Klum in der Comedyserie „Switch reloaded“. Quelle: dpa
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Man muss schon eine ziemliche Spaßbremse sein als Sender, wenn einem sogar das ZDF in Sachen Humor auf der Nase herumtanzt. Ausgerechnet das ZDF, einst Schutzraum des deutschen Spießbürgertums, geistige Heimat von Gaby Dohm und Horst Tappert, zeigt inzwischen, dass das tatsächlich funktionieren kann: albern sein und trotzdem intelligent, öffentlich-rechtlich sein und trotzdem lustig. Wenigstens ab und zu. Wenigstens in ZDFneo oder freitags um 22.30 Uhr, wenn die „heute-show“ läuft, diese wohltuende Oase progressiver Fernsehsatire.

Ganz anders das Erste. Die ARD – eine Humor-Wüste. Totes Land. Harald Schmidt ist zu SAT.1 zurückgekehrt. Frank-Markus Barwasser („Pelzig unterhält sich“) ist vom Bayerischen Rundfunk zum ZDF gewechselt. Kurt Krömers „Internationale Show“ ist ausgelaufen. Was bleibt? „Scheibenwischer“-Betulichkeit. Alle vier Wochen versammelt sich ein bürgerliches Kabarettpublikum, um beim „Satire-Gipfel“ im Dienste der politischen Aufklärung höherer Heiterkeit zu frönen – und mit großen Augen „huh!“ zu raunen, wenn jemand „Hitler“ sagt. Ab und zu darf noch Ina Müller mit ihrer Late-Night-Show „Inas Nacht“ ran. Und auch den Münsteraner „Tatort“ muss man wohl zum ARD-Humorangebot zählen. Von der Saisonpest der Karnevalssitzungen voller schlecht reimender Sachbearbeiter wollen wir nicht sprechen.

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Und sonst? Kein Lachen, nirgends. Wie aus der Zeit gefallen wirken die vier regionalen „Schmunzelkrimis“ unter der Dachmarke „Heiter bis tödlich“, mit denen ARD-Programmdirektor Volker Herres den Vorabend aufpeppen wollte. Sie kennzeichnet ein eher antiquarisches Humorverständnis. Biedere Ermittler kämpfen sich in Serien wie „Nordisch herb“ durch unlustige Drehbücher („Wenn Sie für dieses Tohuwabohu die ganze Nacht gebraucht haben, dann gute Nacht!“). Qualität wie Quote stimmen nicht. In Scherzangelegenheiten ist für das ARD-Hauptprogramm noch 20. Jahrhundert: Kabarett, Herrenwitz, Karneval. Fehlt nur noch die Bananenschale.

Immerhin: Das soll anders werden. Vielfach hat ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber auf das „Humordefizit“ im Ersten hingewiesen. „Wir haben im Augenblick kein Comedyprofil“, sagte er auf den Münchener Medientagen. „Da haben wir Nachholbedarf.“ Nun verhandelt die ARD – so meldet es der „Spiegel“ – mit drei Stars der PRO7-Comedyshow „Switch reloaded“, darunter der deutschen Tina Fey Martina Hill (die in der Rolle der blonden Statistikmaus Tina Hausten seit 2009 auch für die ZDF-„heute-show“ aktiv ist), dem begnadeten Stefan-Raab- und Christian-Rach-Parodisten Max Giermann sowie Martin Klempnow, der erst in der fünften „Switch reloaded“-Staffel dazustieß. Die ARD wünscht sich eine eigene Show, in der – wie in „Switch“ – Prominente parodiert werden. Der noch etwas kopflastige Arbeitstitel: „Das Ernste“. Möglicher Sendeplatz: später Sonnabendabend. Dementi aus Hamburg oder München: keines. ARD-Sprecher Burchard Röver sagte vieldeutig: „Das sind Spekulationen, die wir nicht weiter kommentieren.“

PRO7 beeilte sich am Montag zu vermelden, dass man für 2012 eine weitere „Switch“-Staffel plane. Die Show auf der Basis der australischen Serie „Fast Forward“ lief zunächst von 1997 bis 2000 und nach sieben Jahren Pause – als „Switch reloaded“ – seit 2007 auf PRO7. Die Quoten lagen zuletzt bei sehr ordentlichen 12,8 Prozent in der Werbezielgruppe.

Ein altes Problem: In der deutschen Comedyszene herrscht Nachwuchsmangel. Beim Comedypreis stehen immer dieselben Nominierten herum (Witz des Abends: „Warum senden die nicht einfach die Verleihung vom letzten Jahr?“). Nur wenige neue Stars wachsen nach; Johann König, Bülent Ceylan, Sascha Grammel. Die goldenen Zeiten, als Produzenten für einen Quotenhit nur das Label „Comedy“ auf die mittelgute Stand-up-Nummer eines schlaksigen Typen klatschen mussten, sind vorbei. Mario Barths Quoten schwächeln, und der „Comedy Grand Prix“, mit dem RTL gerade dem Nachwuchs eine Bühne bot, holte enttäuschende Quoten. Comedy-Sendeplätze sind seltener geworden. „In den letzten Jahren lief vieles von alleine“, sagt Brainpool-Chef Jörg Grabosch („Pastewka“, „Stromberg“, „Ladykracher“), „da haben viele nachgelassen. Das fordert uns heraus, mal wieder ein bisschen mehr Gas zu geben. Comedy ist Arbeit. Bei dem großen Erfolg sind alle ein bisschen faul geworden.“

In die Lücke könnte das Erste stoßen. Bewerber gibt’s genug, Geld sowieso. In den Biotopen der Dritten Programme tummelt sich manches Nachwuchstalent. Stattdessen fischt man wieder in fremden Teichen – und kauft sich Humorkompetenz bei der privaten Konkurrenz. Es gab eine Zeit, da pflegte die ARD eigene Comedytalente aufzubauen. Sie hießen Thomas Gottschalk, Harald Schmidt, Rudi Carrell, Diether Krebs, Didi Hallervorden, Otto Waalkes. Lang ist’s her.

Kann die ARD mit einem Nachahmerprodukt an ihre Tradition als deutscher Humorpionier anknüpfen? Lustigkeit mag nicht die erste Pflicht eines öffentlich-rechtlichen Senders sein. Ein selbstreferenzielles Format aber, das sich von Gremien nicht brav quatschen lässt und auch vor eigenen Stars wie Jauch und Gottschalk nicht haltmacht, steht jedem Sender gut (in der „heute-show“ erschossen brutale Mainzelmännchen gar Osama bin Laden). Der Zeitgeist verlangt von Institutionen die Fähigkeit zur Selbstentblößung. Ganz abgesehen davon, dass die Entkrampfung des öffentlichen Lebens durch clevere Respektlosigkeit eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist – in allen Altersgruppen. Als bloßes Vehikel, um Zuschauer unter 40 Jahren ans Programm zu binden, taugt das nackte Label „Comedy“ nicht mehr.