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10:17 01.11.2014
Foto: Joseph Komalschek (Götz George) schnallt seine Prothese an - eine Szene des Films „Besondere Schwere der Schuld“.
Joseph Komalschek (Götz George) schnallt seine Prothese an - eine Szene des Films „Besondere Schwere der Schuld“. Quelle: dpa/ARD
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Normalweise verdient sich ein Film das Etikett „Thriller“, weil man Angst um das Wohl der Hauptfigur hat. In diesem Fall liegen die Dinge jedoch etwas anders. Das beginnt schon mit der Frage nach dem Protagonisten: Als Erzähler führt ein junger Polizist (Hanno Koffler) in die Handlung ein, doch die Hauptfigur ist ein nach langer Haft aus dem Gefängnis entlassener Berufsverbrecher. Götz George verkörpert diesen einbeinigen Joseph Komalschek zwar als harmlosen älteren Herrn, aber der Grund für seine Haftstrafe ist alles andere als eine Einladung, sich mit dem Mann zu identifizieren: Komalschek ist in einem Indizienprozess verurteilt worden, weil er seine Nachbarin und deren Baby ermordet hat. Aufgrund der besonderen Schwere der Schuld hat er dreißig Jahre im Gefängnis verbracht.

Dieser Mensch, von der Boulevardpresse als „Bestie“ bezeichnet, kehrt nun in die Straße zurück, in der er einst gelebt hat. Er wird auf Schritt und Tritt überwacht, was regelmäßig zu eigentümlichen Prozessionen führt: Wenn Komalschek das Haus verlässt, folgen ihm gleich drei Polizisten, darunter auch Tom Barner (Koffler), dessen Eltern (Manfred Zapatka, Hannelore Elsner) gleich gegenüber wohnen.

Dank des Drehbuchs von Sascha Arango und der subtilen Inszenierung von Kaspar Heidelbach empfindet man fast widerwillig eine gewisse Sympathie für Komalschek, zumal nicht nur Ex-Polizist Barner senior, sondern auch seine beiden ebenfalls in der Nachbarschaft wohnenden früheren Kollegen (Thomas Thieme, Hans-Martin Stier) ganz offenkundig Dreck am Stecken haben. Als Komalschek dann auch noch vom örtlichen Polizeichef (Wilfried Hochholdinger) zusammengeschlagen wird, wandelt sich die zarte Sympathie für den vermeintlichen Mörder zu Empörung. Tom Barner, der die Szene beobachtet hat, ergeht es ähnlich. Als Komalschek ihm später im unübersichtlichen Stollensystem unter der Stadt das Leben rettet, beginnt er sich zu fragen, was vor dreißig Jahren tatsächlich passiert ist; die Leichen von Mutter und Kind sind nie gefunden worden.

Weil Arango und Heidelbach die Antwort lange hinauszögern, wandelt sich der Film fast unmerklich zum Thriller. Die Bilder sind allerdings überwiegend völlig harmlos. Die Handlung besteht zu großen Teilen daraus, dass sich die Beteiligten gegenseitig beobachten. Nicht zuletzt mithilfe der Musik von Arno Steffen und Friso Lücht vermitteln Heidelbach und sein Kameramann Daniel Koppelkamm, mit dem er einst schon bei „Das Wunder von Lengede“ (2003) zusammengearbeitet hat, dass in dieser Kleinstadt am Rand des Ruhrgebiets etwas in der Luft liegt.

Der Film beantwortet nicht alle Fragen, die man sich im Verlauf der Handlung stellt, und einige Antworten wären nicht unwichtig gewesen. Andere Aspekte werden so subtil angedeutet, dass man sie leicht übersieht. Dafür verblüfft Arango mit einer Antwort, nach der man gar nicht gefragt hat. Davon abgesehen macht schon allein das herausragenden Ensemble dieses Werk zu einem besondern Film, zumal mit Ausnahme der etwas überkandidelten Hannelore Elsner sämtliche Darsteller ein nuanciertes Spiel pflegen und die potenziellen Abgründe auf diese Weise noch besser kaschieren. Gerade Götz George gelingt es derart wunderbar, die ganze Tiefe der Figur auszuloten, dass man sich lange nicht sicher sein kann, ob man womöglich tatsächlich Sympathie für einen Teufel empfindet.

Tilmann P. Gangloff

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