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Medien Brunetti und die toten Tiere
Mehr Welt Medien Brunetti und die toten Tiere
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19:07 22.04.2015
Auf Kanalfahrt: Brunetti (Uwe Kockisch, von li.) und Vianello (Karl Fischer) werden von einem Kollegen zum Tatort gebracht.Foto: ARD
Auf Kanalfahrt: Brunetti (Uwe Kockisch, von li.) und Vianello (Karl Fischer) werden von einem Kollegen zum Tatort gebracht.Foto: ARD
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Vielleicht ist es nur eine Momentaufnahme: „Tierische Profite“, Fall Nummer 21 für Donna Leons venezianischen Commissario Guido Brunetti, wirkt deutlich düsterer als die früheren Adaptionen; möglicherweise eine Reaktion auf die neuen ARD-Donnerstagskrimis „Kommissar Dupin“ oder „Zorn“, die nur bedingt gefällig sein wollen. Auch die Reihen „Mord in bester Gesellschaft“ und „Mordkommission Istanbul“ haben ein schärferes Profil bekommen.

Dem Geist der Bücher kommt der Film dadurch ohnehin näher; die Romane der amerikanischen Autorin mit Wohnsitz in Venedig sind zwar literarisch kurzweilig, aber inhaltlich dank der beschriebenen Missstände in der Regel kein Vergnügen. Diese Tendenz zieht sich seit einigen Jahren auch durch die Filme; die „Donna Leon“-Krimis sind längst kein TV-Urlaub mehr, in dem nebenbei ein Mörder gesucht wird.

Diesmal aber verzichten Stammregisseur Sigi Rothemund und sein treuer Kameramann Dragan Rogulj komplett auf die einst obligaten Aufnahmen von Markusplatz und Rialtobrücke, und auch die atmosphärischen Zwischenschnitte auf den alterlosen Uwe Kockisch (71), der als Brunetti gemeinsam mit dem braven Adjutanten Vianello (Karl Fischer) selbstbewusst und entspannt durch die Gassen schreitet, fehlen. Stattdessen gibt es viele Nachtaufnahmen verschwiegener Kanäle, und die Tageslichtfahrten durch die Wasserstraßen zeigen die marode Kehrseite der sterbenden Stadt.

TV-Tipp

„Donna Leon – Tierische Profite“: Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD.

Diese Bildsprache passt vorzüglich zum Thema: Donna Leon prangert in ihrem Buch die teilweise unmenschlichen Zustände in den italienischen Schlachthöfen an, und dankenswerterweise beschönigt das Drehbuch (Marcus Leonhardt, Axel Witte, Renate Kampmann) sie nicht. Großen Anteil am entsprechenden Unbehagen hat die Tonspur. Nach der Ermordung eines früheren Professors für Veterinärmedizin, der in einem Schlachthof die kranken Tiere aussortiert hat, sucht Brunetti den Arbeitsplatz des Mannes auf. Bei diesem ersten Besuch begnügen sich Rothemund und Rogulj damit, die Instrumente zu zeigen, mit denen die Tiere getötet und zerkleinert werden; den Rest besorgt die klangliche Untermalung von Stefan Schulzki, die auch aus einem Horrorfilm stammen könnte und erbarmungslos an den Nerven zerrt. Die Musik ist nicht zuletzt wegen ihrer stilistischen Vielfalt ohnehin ausgezeichnet.

Interessant und komplex wird die Geschichte, weil nicht nur Brunettis eitler Chef Patta (Michael Degen), sondern auch seine Tochter Chiara (Laura-Charlotte Syniawa) in den Fall verwickelt sind: Patta hat für seine Verdienste einen Orden bekommen und sich die Feier von einem reichen Gönner bezahlen lassen. Dieser Maurizio de Rivera ist ein einflussreicher Mann und außerdem der Besitzer des Schlachthofs. Walter Kreye verkörpert diesen angeblich ehrenwerten Mann wie einen Mafioso alter Schule, was die Fans der Reihe möglicherweise etwas irritiert, denn vor zehn Jahren hat der Schauspieler in der Episode „Verschwiegene Kanäle“ einen idealistischen Politiker gespielt. Chiara wiederum ist Mitglied einer Tierschutzorganisation, deren Wortführer (Florian Bartholomäi) im Schlachthof heimliche Videoaufnahmen gemacht hat. De Rivera will die Veröffentlichung um jeden Preis verhindern und setzt Patta unter Druck.

Wie alle Venedig-Krimis ist auch „Tierische Profite“ namhaft besetzt; weitere Mitwirkende sind unter anderem Max Hopp als Schlachthofgeschäftsführer und Alice Dwyer als seine Assistentin. Während diese beiden Rollen angenehm undurchsichtig sind, ist Robert Gallinowski wieder mal als vierschrötiger Zeitgenosse besetzt worden, der selbstredend umgehend zum Hauptverdächtigen wird. Davon abgesehen ist dies eine sehenswerte „Donna Leon“-Verfilmung, die zur Folge haben könnte, dass einem ähnlich wie Brunetti vorübergehend der Appetit auf Fleisch vergeht.

Von Tilmann P. Gangloff